Hausarztmedizin
Hausärzte: Zwischen Wunschdenken und Realität

Lange Arbeitszeiten, geringerer Verdienst als Spezialisten und mangelhafte Aus- und Weiterbildung: Dies sind Gründe, warum immer weniger junge Ärzte und Ärztinnen ihre Zukunft in der Hausarztmedizin sehen. Das zeigte der Kongress in Solothurn.

Daniel Rohrbach
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Solothurner Zeitung

Lange Arbeitszeiten, geringerer Verdienst als Spezialisten und mangelhafte Aus- und Weiterbildung: Dies sind einige der Gründe, warum immer weniger junge Ärzte und Ärztinnen ihre Zukunft in der Hausarztmedizin sehen. Der Berufsverband der Hausärzte Schweiz hat errechnet, dass das heutige Durchschnittsalter der Ärzte bei 57 Jahren liegt. Gemäss einer Studie der Uni Basel geht bis 2016 die Hälfte der heute praktizierenden Hausärzte in Pension.

Vor diesem Hintergrund diskutierten am Samstag in Solothurn im Rahmen des Kongresses für junge Hausärzte der Solothurner Stadtpräsident und FDP-Nationalrat Kurt Fluri, Gesundheitsdirektor Peter Gomm sowie die beiden praktizierenden Hausärzte Christoph Cina, Messen, und Gaby Kissling, Kappel, die Zukunft der Hausarztmedizin. Das Gespräch leitete Sven Streit, Assistenzarzt und Vizepräsident des Vereins Junge Hausärztinnen und -ärzte Schweiz. Auf seine Einstiegsfrage, welche Vorteile denn der Kanton Solothurn den jungen Hausärzten böte, sagte Cina, dass die Zeichen der Zeit erkannt worden seien. So fördere der Kanton die Praxisassistenz in Hausarztpraxen und unterstütze die Notfallversorgung. Zudem hätte die Solothurner Spitäler AG kürzlich erstmals einen Hausarzt zu einer Klausurtagung eingeladen.

Die Möglichkeiten der Politik

Regierungsrat Peter Gomm schickte seinen Ausführungen voraus, dass Hausarzt ein schöner und dankbarer Beruf sei, «wenn er auf die richtigen Rahmenbedingungen trifft». Auf kantonaler Ebene gehe es nicht darum, ob die Politik etwas tun wolle. Vielmehr gehe es um das Wie. Und darüber bestünden unterschiedliche Vorstellungen. Gomm berichtete von seinen Eindrücken vom Kongress der Schweizer Hausärzte, den er als Gast verfolgt hatte. An diesem Kongress sei viel von Geld die Rede gewesen. Aber hauptsächlich sei über die grosse zeitliche Inanspruchnahme gesprochen worden, die eine Hausarztpraxis mit sich bringe. Gomm rät deshalb den Hausärzten, gerade in Randregionen, sich in Gruppenpraxen zusammenzuschliessen. Dabei liess er durchblicken, dass es durchaus politische Möglichkeiten gäbe, solche Praxen zu unterstützen.

Auf dem Land ein Problem

Christoph Cina wertete Gomms Ausführungen als positives Signal. Umso mehr er die Zukunft der Hausarztmedizin in den Gruppenpraxen sieht. Gabi Kissling findet es nicht angebracht, wenn sich die Hausärzte als Selbstständigerwerbende über zu viel Arbeit beklagen würden. «Wir müssen uns stattdessen überlegen, wozu wir unsere Ressourcen brauchen.» Kissling stellt auch fest, dass gerade in Peripheriegemeinden durchaus Anreize geschaffen würden, damit «der Doktor» im Dorf bleibe. Im Austausch mit seinen Gemeindepräsidentenkollegen vom Land spüre er, dass «Sensibilitäten vorhanden seien, etwa in Gemeindezentren Arztpraxen zu schaffen, sagte Kurt Fluri. Denn im Gegensatz zur Agglomeration, wo er die Grundversorgung als gut erachte, bestünde auf dem Land diesbezüglich in der Tat ein Problem. In der Gesundheitspolitik auf nationaler Ebene macht Fluri einen Widerspruch aus: «Man will Spitzenmedizin. Aber die Kosten scheut man.» So enthalte man den Universitätskantonen die dafür nötigen Mittel vor. Fluri machte auch auf den Umstand aufmerksam, dass in der Politik auf Bundesebene wenig Mediziner vertreten seien. «Wenn Juristen über Medizin diskutieren und entscheiden, ist es halt nicht dasselbe, wie wenn es Hausärzte tun.»

Spitäler in die Pflicht nehmen

Der im Publikum anwesende Peter Tschudi, Präsident des Initiativkomitees «Ja zur Hausarztmedizin», forderte von der Politik klare Bekenntnisse. Beispielsweise müsse in Ärztezentren investiert werden. Regierungsrat Peter Gomm hielt dieser Forderung entgegen, dass sich diese nicht gut mit dem Status des Freiberuflers vereinbaren lasse. «Wenn Sie vom Staat Unterstützung wollen, wird Ihnen auch gesagt, was sie zu tun haben.»

Christoph Cina sieht diese Unterstützung vor allem darin, dass die Kantone die Spitäler in die Pflicht nehmen sollen, Ausbildungen zum Hausarzt anzubieten. «Wir haben eine jahrzehntelange Sprachlosigkeit der Hausarztmedizin hinter uns. An den Universitäten gibt es sie nicht. In den Spitälern wird der Mensch zerstückelt und nicht als Ganzes wahrgenommen.» Was zähle sei nur die Spitzenmedizin. Dahingegen sei die Hausarztmedizin eine wahre Fingerspitzenmedizin