Spezialausgabe
Härkingen ist das Herz der Schweizer Post

Es ist ein konstanter Fluss aus kleinen und grossen, runden und eckigen, schweren und leichten Paketen. Ruhig fliessen sie auf immer gleichen Bahnen: In Härkingen liegt das grösste Paketzentrum – die Region ist die Lagerhalle der Schweiz.

Benno Tuchschmid (Text und Fotos)
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Es ist ein konstanter Fluss aus kleinen und grossen, runden und eckigen, schweren und leichten Paketen. Ruhig fliessen sie auf immer gleichen Bahnen. Wenn man aus dem zweiten Stock in die riesige Halle des Paketzentrums Härkingen schaut, hat dieser Päckli-Kreislauf etwas Organisches, etwas Natürliches. Ein Paket hinter dem anderen gleitet elegant und wie von Geisterhand gesteuert an Kreuzungen in die für sie vorgegebene Richtung. Franz Lingg (59), Leiter des Paketzentrums, schaut auf die tanzenden Pakete unter ihm und sagt: «Wer das zum ersten Mal sieht, der will gar nicht mehr weitergehen.»

Franz Lingg ist der Dirigent dieses Paket-Balletts. Er leitet in Härkingen das grösste Paketzentrum der Schweizer Post. Lingg ist seit 40 Jahren beim gelben Riesen, sein Vater war Chef einer Poststelle, er selbst hat bei der PTT seine Lehre gemacht. Doch das erzählt er nur auf Nachfrage, kurz und bündig und mit einer Handbewegung, die «nicht wichtig» bedeutet. Hier werden pro Tag 260000 Pakete sortiert. 66,9 Millionen im Jahr. Kein Platz für nostalgische Sentimentalitäten. Lieber spricht Lingg über den Betrieb. «Es ist ein sehr diffiziles Gebilde, wenn am einen Ort etwa nicht läuft, beeinflusst das den ganzen Ablauf» , sagt er und schraubt an einem imaginären Schräubchen.

131 Andockstellen sind um das Gebäude angebracht. Hier liefern Laster die Pakete an und Logistiker speisen sie in den Kreislauf ein. Ein Scanner fotografiert die Pakete auf den Förderbändern, erkennt die Adressen und leitet die Päckli automatisch in die richtigen Bahnen. Doch das System hat seine Grenzen, nicht jedes Gekritzel kann es entziffern. Darum sitzen in einem Raum über der Sortierhalle vier Frauen vor Bildschirmen. Zur Begrüssung schauen sie nur kurz auf. Es ist still. Die Adressen, welche der Computer nicht erkennt, leuchten auf ihren Screens auf. Zwischen fünf und zwölf Sekunden haben sie Zeit, um die Adresse manuell einzugeben, dann erreicht das Paket unten in der Sortierhalle eine Kreuzung. Und muss in die eine oder die andere Richtung.

Von dort gleiten die Pakete über lange Förderbänder zur Hauptsortierung, wo sie über 352 Rutschen in die richtigen Abteilungen schlittern, nach Postleitzahlen sortiert. Logistiker hieven sie in Rollboxen. Für das Paket geht die Reise in den Rollboxen weiter Richtung Empfänger.

Die Schweizer Post transportiert jährlich 108 Millionen Pakete. 2010 hat die Gesamtmenge seit der Liberalisierung 2004 zum ersten Mal wieder zugenommen. Rund 90 Prozent der Pakete sind Geschäftssendungen, davon rund 20 Prozent klassischer Versandhandel (Kleider). Das grösste Wachstum verzeichnet der Internetversandhandel, der in den letzten zwei bis drei Jahren regelrecht explodiert ist. Alleine in der Schweiz gibt es rund 1500 Unternehmen, die Internethandel betreiben.

Neben Härkingen gibt es in der Schweiz noch zwei weitere Paketzentren, in Frauenfeld und Daillens, doch Härkingen ist das grösste. 380 Mitarbeiter arbeiten hier. Die meisten von ihnen als Logistier, ein beinharter Job. 2 Tonnen hebt ein Logistiker pro Tag, im Schichtbetrieb. Darum hat das Paketzentrum seit 4 Jahren einen eigenen Physiotherapeuten. Die Krankheitsfälle hatten stark zugenommen, vor allem Rücken- und Knieschäden.

Das Paketzentrum Härkingen ist nicht nur das Herz der Paketpost, es funktioniert auch wie eines. Es ist die Pumpe des Paketflusses. Und unglaublich komplex. Härkingen ist auf einen konstanten Zufluss angewiesen, kommt die Paketzufuhr ins Stocken, bekommt das Paketzentrum Probleme.

Wenn Härkingen das Herz ist, dann sind Schienen und Strassennetz die Adern. Härkingen ist optimal gelegen, inmitten von Venen und Arterien. 1999 auf der grünen Wiese geplant und gebaut, liegt der Bau im Härkinger Kreuz, zwischen A1 und A2 und neben der Jura-Südfuss-Eisenbahnlinie. «Ein perfekter Standort», sagt Franz Lingg. Vor dem Eingang zur Paketsortierhalle hängt ein Bild vom neu gebauten Paketzentrum. Es ist umgeben von Wiesen und Ackerland. Heute, zehn Jahre später, ist es umgeben von Logistik- und Transportunternehmen. «Eine solches Grundstück finden Sie heute nicht mehr», sagt Lingg. Weil heute das Land entlang der A1 zwischen Bern und Zürich zur Logistikdrehscheibe der Schweiz mutierte. «Als Logistikunternehmer müssen Sie sich hier ansiedeln, sonst haben Sie keine Chance», sagt Lingg.

Doch diese Ballung ist ein Problem. Die Adern sind öfter verstopft. «Auf den Schienen nehmen die Probleme zu. Es wird immer schwieriger, unsere Züge zur richtigen Zeit ohne Verspätung ans Ziel zu bringen», sagt Lingg. Denn auf den Schienen konkurriert die Post mit anderen Güter- und vor allem mit Personenzügen. Noch transportiert die Post 60 Prozent ihrer Pakete per Bahn, doch der Anteil geht zurück. «Wir sind immer öfter gezwungen, die Pakete über die Strasse zu schicken.» Doch auch dort staut es bekanntlich oft. Doch noch pumpt das Herz der Schweizer Paketpost konstant und gleichmässig sein Blut in die Schweiz.