Daran angehängt ist ein Schlauch, der über die Treppe hinauf ins Schlafzimmer führt. Während der Nacht erhält Hans Bussmann so den nötigen Sauerstoff. Untertags ermöglicht ihm ein tragbares Sauerstoffgerät eine gewisse Bewegungsfreiheit. Stolze acht Kilo wiegt das Gerät, das Sauerstoff für sieben Stunden aufnehmen kann, dann muss es wieder aufgefüllt werden. In einem Rucksack verstaut ist es unsichtbar. Die Schläuche bis unter die Nase lassen sich freilich nicht verstecken.

Ein aktives Leben – trotz Grenzen

Seit fünf Jahren ist der 62-Jährige, der mit seiner Frau in Balsthal wohnt, auf externe Sauerstoffzufuhr angewiesen. «Ich fühlte mich plötzlich sehr müde», erinnert er sich an den Beginn der Krankheit im Jahr 2006. Der Befund: Zu wenig Sauerstoff im Blut, die genaue Ursache dafür ist bis heute unbekannt. Nach mehreren Wochen Spital und Rehabilitation stand aber sehr bald fest, dass er seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter auf dem Grundbuchamt in Balsthal wird aufgeben müssen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er seither mit einer IV-Rente und Geld aus der Pensionskasse.

Ein kleines Messgerät an seinem Handgelenk zeigt den aktuellen Sauerstoffgehalt im Blut an. Für kurze Zeit kann er den Schlauch auch mal beiseitelegen, allzu schnell sinkt der Sauerstoff aber unter das erforderliche Niveau. Grosse Sprünge liegen mit dieser Behinderung nicht mehr drin. Einen unglücklichen Eindruck macht Hans Bussmann dennoch nicht. «Ich bin ein optimistischer Mensch,» sagt er von sich. Eine Eigenschaft, die ihm nicht erst jetzt, sondern bereits in seiner Kindheit und Jugend über die Runden geholfen hat. Doch davon später.

Begleitet die Tierwelt

Neben der Arbeit war sein Leben immer geprägt durch ein reiches Freizeitprogramm. Und so gut es geht pflegt er die vielen Hobbys auch jetzt. «Man darf sich nicht davor scheuen, unter die Leute zu gehen, auch wenn man auffällt,» sagt er. Und, vor allem: Man darf auch ja nicht glauben, nichts mehr wert zu sein. «Man kann etwas, wenn man nur will. Und man kann sich aus integriert fühlen, selbst wenn das Leben nie mehr so sein wird wie früher.»

Begeistert erzählt Hans Bussman von seiner grosse Liebe zu den Vögeln. Im Vogelschutzverein Balsthal hält er Vorträge und leitet Exkursionen. «Ich organisiere diese jeweils so, dass sie meinen Möglichkeiten entsprechen.» «Das wird von allen akzeptiert, man kennt mich.» Dankbar ist der passionierte Ornithologe für die Unterstützung der Feuerwehr, die ihm im Sommer die Mauersegler aus ihren hoch gelegenen Schlupflöchern herunterholt, damit er sie im Auftrag der Vogelwarte Sempach beringen kann. Im Rahmen des Projekts Naturpark Thal begleitet er Schullagerwochen als Spezialist für die heimische Tierwelt.

Besonders gerne unternimmt er Tagesausflüge in Naturschutzgebiet, sofern Sauerstoff-Tankstellen auf dem Hin- bzw. Rückweg dies ermöglichen. 18 Tankstellen, verteilt auf die ganze Schweiz, hat die Lungenliga bereits installiert. Nicht mehr möglich sind freilich die Reisen in alle Herren Länder, die er als ornithologischer Reiseleiter während vieler Jahren organisiert hat. In den Wintermonaten widmet er sich vor allem dem Theater. Er übernimmt selber kleine Rollen in Produktionen der alle zwei Jahre stattfindenden Classionata Mümliswil. Oder aber er führt Regie bei Theateraufführungen örtlicher Vereine.

Als «blue Baby» geboren

Nein, Hans Bussmann ist nicht verbittert. Obwohl er bereits zum zweiten Mal mit einer Krankheit zurechtkommen muss, die sein Leben stark beeinträchtigt. Im Jahr 1949 kam er als «blue Baby» zur Welt. Verantwortlich dafür war ein komplexer Herzfehler, fallotsche Tetralogie genannt. Ein Defekt der Herzscheidewand führt dabei zu einer Vermischung von sauerstoffreichem und sauerstoffarmem Blut, was die blaue Hautfarbe erklärt. Bedrohlich ist vor allem die häufig auftretende Atemnot. Kann der angeborene Herzfehler heute behoben werden, war das damals noch nicht der Fall. Eine behelfsmässige Operation im Alter von zwei Jahren musste vorerst genügen.

«Ich hatte einfach keinen Pfuus», erinnert sich der 62-Jährige. Den Schulalltag konnte er zwar gut bewältigen. Turnen, Ausflüge und Schulreisen oder mit Kollegen herumzutollen, das alles war für ihn tabu. Stattdessen las er viel, unter anderem verschlang er Bücher über die Natur und Reisen in andere Länder – und legte so den Grundstein für seine späteren Hobbys. «Es ist kein Schaden so gross, dass er nicht auch einen Nutzen hat.» Eine Weisheit, die sein Leben begleitet. Als er 18 Jahre alt war, trauten sich die Ärzte über die Operation – und hatten Erfolg. «Ich bekam endlich genügend Luft, konnte mich ungehindert bewegen, fühlte mich frei und offen.»

Wie war das dann, als er vor fünf Jahren wiederum mit gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert wurde? «Man muss optimistisch sein, sonst geht man kaputt.» «Das Wichtigste ist, dass man zur Krankheit steht und die Grenzen akzeptiert.» Aufgrund seines Schicksals geht er viel gelassener mit den Sorgen des Alltags um: «Es bringt mich heute nicht mehr schnell etwas aus der Ruhe,» sagte er. Kein Schaden ist so gross, dass er nicht auch einen Nutzen hat.