Uhrenstadt

Zeitloses über Zeitmesser: Uhren von Enicar – ihrer Zeit voraus

Heute begehrtes Sammlerobjekt: Uhr der Marke Enicar.

Heute begehrtes Sammlerobjekt: Uhr der Marke Enicar.

Meine Firmuhr war eine Enicar. In ländlichen, katholischen Gegenden war das mit der Uhr zur Firmung Tradition. Ende der 60er-Jahre musste das eine mechanische Uhr sein, der so leidvolle und schmerzhafte Übergang ins Quartzeitalter stand noch bevor. Vor diesem einschneidenden Ereignis befand sich die Manufaktur Enicar mit dem Hauptsitz Lengnau BE (heute mit Grenchen SO quasi verwachsen), auf dem Gipfel des Erfolges. 1953 wurde eine zweite Fabrik in Oensingen, am Eingang des Thals gebaut. Schon als Kind war für mich als Mümliswiler-Thaler der Brand Enicar ein Begriff, die Enicar als Firmuhr nur logisch.

Als ich 1975 als junger Uhrmacher nach Montreal, Kanada auswanderte, war das etwas Besonderes. Es gab noch keine Auswanderersendungen im Fernsehen à la «Uf u Dervo». Mit meinen knapp 20 Jahren war ich im Dorf gut vernetzt und so setzte sich an diesem Novembermorgen eine ansehnliche Delegation von Freunden in Bewegung, um mich auf dem Flughafen Kloten zu verabschieden. Der Abschied in der erweiterten Familie fand am Abend vor dem Abflug statt. Gegen Schluss des Nachtessens wurde es emotional und die eine oder andere Träne floss. Ich konnte das in meiner damaligen Gefühlslage nicht nachvollziehen. Mein Kommentar: «Ich weiss nicht, was ihr habt, ich wandere ja nur für immer aus.»
Nichts ist für immer, das habe ich inzwischen gelernt. Auch mein damaliger Arbeitgeber in Kanada, die Rodania SA Grenchen, ist heute keine Uhrenfabrik mehr, sondern eine beim Grenchner Südbahnhof optimal gelegene Institution für beeinträchtigte Menschen.

Der Name Enicar ist nichts anderes als das Anagramm des Namens der Gründerfamilie Racine. Da der Name Racine bereits patentrechtlich geschützt war, gründeten Ariste Racine und seine Frau Emma 1913 die Uhrenmanufaktur in La-Chaux-de-Fonds. Ein erster Verkaufsschlager waren Militäruhren, die in den Taschen der Soldaten im Ersten Weltkrieg landeten.

Die Blüte des Unternehmens begann mit der Verlegung der Produktion nach Lengnau. Wurden zuerst noch Werke von Adolph Schild (AS Grenchen) verbaut, begann man später in Lengnau eigene Kaliber herzustellen. Diese Uhrwerke funktionieren heute noch tausendfach und stehen den heute produzierten hochwertigen Uhrwerken in nichts nach.

Ich war überrascht, als ich vor ca. 10 Jahren in Hongkong Plakatwerbung für Enicar Uhren erblickte. Ich wusste damals nicht, dass sich die Chinesen die Rechte an der Marke gesichert hatten und unter diesem Label Billiguhren vertrieben, nachdem Enicar Mitte der 80er-Jahre in Konkurs ging. Die heute produzierten Uhren unter der chinesische Marke Enicar haben mit der grossen Vergangenheit nichts zu tun, nur das unverwechselbare Logo lässt Erinnerungen wach werden.

Wenn man sich heute in Sammlerforen bewegt, sieht man vor allem die hochpreisigen «Enicar Sherpa» vertreten. Der Stil dieser Linie war «der Zeit voraus». Mein Exemplar macht auch nach 50 Jahren immer noch was her. Marken wie Omega, Oris und Tissot haben den unverwechselbaren Stil der 70er in ihre aktuellen Kollektionen aufgenommen und lassen so ein Stück Uhrengeschichte wieder aufleben.

* Der Autor ist in Grenchen bekannt als ehemaliger Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg (SDOL). Wenige wissen, dass Boner ursprünglich gelernter Uhrmacher ist und seine Begeisterung für Uhren bis heute andauert. In der Kolumne «Uhrenstadt» zeigt er uns einige Preziosen aus seiner privaten Sammlung von Armbanduhren, verbunden mit Geschichten und Hintergrundinformationen aus der lokalen Uhrenindustrie.

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