«Friedensmesse»

Wenn der Muezzin in der Kirche singt: Friedensappell zum ersten Advent

Der Classic Festival Chor führte in der St. Klemenzkirche Bettlach Karl Jenkins’ «The Armed Man» auf. Die Messe entstand im Gedenken an den Kosovo-Krieg und fokussiert auf den interreligiösen Dialog. Dabei sang auch ein echter Muezzin.

Dicht gedrängt rund 200 Choristen und die Kammerphilharmonie Europa im Altarraum, dicht gedrängt das Publikum im Kirchenschiff und auf der Orgelempore in der St. Klemenzkirche – erschüttert und aufgerüttelt von der «Friedensmesse» (The Armed Man – «A Mass For Peace»).

Nach dem Erfolg im KKL wurde der Classic Festival Chor, zusammengesetzt aus dem Singkreis Leberberg und dem Singkreis Wasseramt, mit seinem Leiter Markus Oberholzer auch in Bettlach gefeiert und mit einer Standing Ovation bedacht.

Es beginnt mit Soldatenschritten

Der von Karl Jenkins im 21. Jahrhundert vertonte Friedensappell entstand im Gedenken an die Opfer des Kosovo-Krieges. Der Chor beginnt denn auch nicht mit Gesang, sondern mit dem Stampfen der Soldaten. Dazu schlägt die Trommel zum Krieg. Steigert sich und mündet in das aus dem 15. Jahrhundert stammende französische Soldatenlied «L’homme armé», in dem erstmals die Soprane aufhorchen lassen, die während des ganzen Konzertes immer wieder beglücken.

Die Trommel schlägt zum Krieg, die Soldaten marschieren. Vom Minarett, oder eben der Empore, ruft Muezzin Peter Hüseyin Cunz zum Gebet. Dann marschiert die Armee mitten in eine traditionelle Messe herein, nimmt die Motive militärischer Marschmusik immer wieder auf. Wie mitten im Sanctus, dem «Dreimal Heilig» der klassischen Messvertonung.

Nach dem «Lobgesang» vor der Schlacht folgt der «Angriff» im Fortissimo. Nach dem Höllenlärm des Krieges breitet sich Stille aus. Die Stille des Entsetzens nach der Schlacht und vor dem Zapfenstreich einer einsamen Trompete.

Die Singkreise Leberberg und Wasseramt haben ein grosses und grossartiges Chorwerk einstudiert. Markus Oberholzer ist ein Dirigent, der der Neuen Musik zugeneigt ist und sie auch plastisch vermittelt. Mit Jenkins’ Werk hat er ein vor 13 Jahren uraufgeführtes Stück gewählt, das alle Kriterien für ein Chorkonzert erfüllt: gut singbar, melodiös, und für einen Amateurchor zu bewältigen. Zumal die Sänger mit jungen Stimmen des Vokalensembles der Kantonsschule Solothurn verstärkt wurden. Mit der Kammerphilharmonie Europa war zudem ein erstklassiger Klangkörper zu hören, der die Dynamik, Kontraste und harmonischen Wendungen hervorragend beherrscht. Das gross besetzte Schlagzeug, Trompeten-Fanfaren, satte Streicher, elegische Cellosoli, filigrane Holzbläser – dieses Orchester lässt keine Wünsche offen.

Der Chor ist mit vielen Stimmungswechseln gefordert. Neben Teilen der Messliturgie wechseln religiöse und weltliche Texte (Tennyson, Kipling, Koran und das altindische Mahàbharàta), die als Kontrapunkte zwischen die christliche Messe gesetzt sind. Als ergreifende «Erzählerin» steuert die hochmusikalische Altistin Barbara Erni vokale und interpretatorische Glanzstücke bei.

«Allahu Akbar» zum ersten Advent

Jenkins appelliert mit seiner Messe an alle Religionen, sich für den Frieden einzusetzen. Ein Aspekt der Friedensbotschaft löst jedoch auch bei Befürwortern der Ökumene immer wieder Kontroversen aus, wenn das Werk in einer christlichen Kirche aufgeführt wird, (wie auch in Bettlach) werden unterschiedliche Reaktionen auf den Gesichtern der Zuhörenden wahrgenommen: die rund zweiminütige Passage, in der ein echter Muezzin den Gebetsruf «Allahu Akbar» («Gott ist gross und Mohamed sein Gesandter») vorträgt.

Als abramische Religionen können Christen zusammen mit Moslems und Juden beten, zum Gott Abrahams, was sie verbindet. Und die Gebete anhören – in Anwesenheit der andern. Ob es jedoch alle Besucher beglückte, am ersten Adventssonntag das «islamische Credo» vom Muezzin zu hören, darf bezweifelt werden.

Eine Alternative wäre gewesen, die Zwei-Minuten-Passage wegzulassen (Striche sind bei Oratorien gängige Praxis) oder das Konzert im Parktheater aufzuführen.

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