Wenn dieses Wochenende die Eisheiligen vorüber sind, sollte es endlich Frühling werden. Und doch: Der nächste Winter kommt bestimmt. Was Einheimische schon längst vermuten und Pendler immer wieder feststellen: Wenn es zu schneien beginnt, schneit es oft in Grenchen mehr und länger als anderswo. Die nur 10 Kilometer entfernte Stadt Biel beispielsweise verzeichnet regelmässig bedeutend weniger Schnee als Grenchen.

«Das Phänomen der Starkschneefälle entlang dem Solothurner Jurasüdfuss ist ausserhalb der Region kaum bekannt und schafft es höchstens in die regionalen Schlagzeilen. Man würde es auch kaum glauben, dass in einem Streifen von knapp 30 Kilometern Länge und auf einer Meereshöhe von knapp 500 Metern, an der Grenze zum klimatisch begünstigten 3-Seen-Land, immer wieder Lagen mit Starkschneefällen auftreten.» So schreibt der Meteorologe Andreas Hostettler im Vorwort seiner Abschlussarbeit im Rahmen der Weiterbildung «Professionelle Flugwetterprognosen» der ZHAW Winterthur.

Hostettler, der bei Meteo Schweiz im Analyse- und Prognosezentrum Zürich-Flughafen arbeitet, war schon länger fasziniert von der Tatsache, dass in der Region zwischen Grenchen, Solothurn und Oensingen immer wieder Starkschneefälle verzeichnet werden, die im klimatologischen gesamtschweizerischen Kontext einzigartig sind. Ein «kleines, feines meteorologisches Phänomen», wie er es nennt.

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Das in seiner Arbeit erforschte Gebiet liegt am Südrand der ersten Kette des Solothurner Juras und sei insbesondere bei kräftigen zyklonalen West- bis Südwestlagen niederschlagsbegünstigt. Im Winter kommt es dabei mit aufgleitenden Warmfronten immer wieder zu ergiebigen Schneefällen. Im Vergleich zu anderen Regionen des Mittellandes, aber auch des angrenzenden Juras seien die Schneefälle signifikant ergiebiger.

Grenchner Schneemessreihe

 

«In meiner Arbeit versuche ich, nebst der klimatologischen Eingrenzung des Phänomens, auch die entscheidenden Einflüsse für die Generierung dieser Starkschneefälle in der Region zu beschreiben», so Hostettler. Er stützt seine Arbeit auf eine zwanzigjährige Schneemessreihe aus Grenchen der Familie von Bernhard Eicher, die seit Ende 2011 auch für Meteo Schweiz systematische Schneemessungen erhebt.

Diese Messungen waren auch der Grund für Hostettlers Interesse: «Dank der Berichterstattung und systematischen Schneemessungen von Bernhard Eicher wurde ich schon vor Jahren auf das Phänomen der Schneefälle in der Region Grenchen aufmerksam. Die Berichte und Bilder reizten mich als Schneefan, dieses kaum bekannte Phänomen näher zu untersuchen. Dies umso mehr, als dass dieses Gebiet, mit Ausnahme der zähen Nebellagen und des Jorans, meteorologisch nicht weiter in Erscheinung tritt.»

Folgende Faktoren seien bei von Bedeutung, schreibt Hostettler: die regionale Topografie und das Relief des Geländes, nieder- und mitteltroposphärische Luftmassen, Luv- und Lee-Effekte, Kaltluftsee und Staueffekte, Windströmungen und Konvergenzen in unterschiedlichen Höhenlagen sowie die Niederschlagsbildung und -abkühlung. Er habe nicht auf all diese Faktoren und ihre Zusammenhänge detailliert eingehen können. «Das Zusammenspiel von Topografie, Strömungen und Luftmasseneigenschaften ist schlicht zu komplex und müsste in Bezug auf das Thema und die Region eingehender untersucht werden, um wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden.»

Der Chlausentag 2010

Anhand des Wochenendes vom 5. und 6. Dezember 2010 erklärt Hostettler die Wetterlage und die Voraussetzungen für Grenchen und unterlegt seine Arbeit mit zahlreichen Tabellen und Wetterkarten. Die damalige Wetterlage beschreibt Hostettler wie folgt: «Nach einer Winternacht mit Tiefstwerten von –6 bis –8° Celsius entwickelte sich auf Sonntag über den Alpen eine kräftige Föhnströmung: In der Höhe strich warme und trockene Föhnluft über die arktische Kaltluft, die in den Niederungen der Alpennordseite lagerte. Nicht nur der Föhn sorgte in den mittleren Schichten für eine kräftige Erwärmung, auch das Azorentief steuerte zunehmend warme und feuchte Luft aus Südwesten in die Schweiz, welche sich im Aufzug von dichten hohen Wolkenfeldern manifestierte – ein klassischer Warmfrontaufzug. In Grenchen setzten die ersten Schneefälle am Sonntag schon um die Mittagszeit, und somit deutlich früher als in den übrigen Regionen, ein. Nach diesem Auftakt gab es eine trockene Phase, bis ab 15.20 Uhr lang anhaltende und teilweise ergiebige Schneefälle einsetzten. Am 6. 12., um 3.50 Uhr, wurde nur noch schwacher Schneefall, und ab 4.20 Uhr Schneeregen und später Regen gemeldet.»

Es fielen innerhalb von 24 Stunden 31 Zentimeter Schnee in Grenchen. Nirgendwo sonst im Schweizer Mittelland fiel im gleichen Zeitraum gleichviel oder mehr Schnee. In Magglingen – immerhin etwas höher gelegen als Grenchen, waren es nur 10 Zentimeter, in Bern fielen 12 Zentimeter. Moutier im Jura verzeichnet keinen Neuschnee für dieses Wochenende. Kurze Zeit später, am Freitag, 17. Dezember, hatten die Einsatzkräfte erneut viel zu tun: Es begann schon in der Nacht zu schneien und es fielen 29 Zentimeter Neuschnee innerhalb von 24 Stunden. Erneut war Grenchen an der Spitze der Vergleichsstationen(siehe Kasten oben).