Die Banklehnen tragen eine weisse Schleife und vor dem Hochaltar stehen zwei mit rotem Samt überzogene Hocker. In der Allerheiligen Kapelle wird oft und gerne geheiratet. Seit Blanche Merz im Sakralbau oberhalb Grenchen subtile Energien (15 500 Boviseinheiten) mass und das «Chappeli» in ihren Bestseller aufnahm, ist das Gotteshaus auch national bekannt. Doch schon im 16. Jahrhundert strömten Gläubige in das damalige Wallfahrtskirchlein. Welches Wunder den mittelalterlichen Pilgerstrom auslöste, ist nicht bekannt. Verbrieft ist jedoch, dass Baumeister Urs Schnetz 1622 die kleine Kapelle vergrösserte. Nach diversen Um- und Erweiterungsbauten trägt das «Chappeli» die Jahreszahl 1683 über dem Portal. Chorherr Theobald Hartmann stiftete 1689 eine Pfründe für einen Kaplan und dessen Helfer.

Das «religiöse Geschäft» florierte. Bis beim Franzoseneinfall 1798 Truppen die Kapelle plünderten. 1807 trat Peter Kaspar Lorenz, der letzte Kaplan auf Allerheiligen, zurück und musste fortan als Dorflehrer sein Brot verdienen. 1811 wurde das Kaplaneihaus verkauft und befindet sich seither in Privatbesitz. Eine angebaute Scheune wurde um 1900 zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut und existiert heute nicht mehr. In der 1689 erbauten Wallfahrtswirtschaft wurde bis vor rund zwei Jahren, als Ernst Thomke die Liegenschaft kaufte, gewirtet. Von 1882 bis 1902 schliesslich genossen die Christkatholiken Gastrecht, feierten im Chappeli Gottesdienst.

Bijou vor der Haustüre

Die wechselvolle Allerheiligen-Geschichte wurde von Persönlichkeiten wie Stefan Blank, Iris Minder und Rainer W. Walter historisch aufgearbeitet. Das Interesse an dem Kleinod erwachte, als die Kapelle vor 12 Jahren umfassend renoviert wurde und die Kunstschätze im Zentrum standen. Der damalige Sanierungs-Mitinitiant und ehemalige Kirchgemeindepräsident Felix Bernhardsgrütter gehört heute zu den «Chappelihütern». Eine Gruppe, die ehrenamtlich vom 1. Mai bis 1. November die Allerheiligen Kapelle jeden Samstag von 13.30 bis 16 Uhr für Besucher öffnet.

«Interessierte aus allen Landsteilen finden den Weg hier her. Sei es aus religiösen Motiven oder einfach, weil sie sich für die Kunstschätze interessieren», erklärt Bernhardsgrütter. Die offene Kapellenpforte ist ihm wichtig damit Grenchnerinnen und Grenchner das Bijou vor der Haustüre kennenlernen. Und zu bewundern gibt es neben den barocken Altären und Figuren einiges.

Obschon das wertvollste Bild, die Solothurner Madonna von Hans Holbein dem Jüngeren mit der Jahreszahl 1522, nach einem verlorenen Rechtsstreit endgültig in Solothurn ihre Heimat fand. Der Restaurator und Schatzmeister des Bezirkes Solothurn-Lebern, Franz Anton Zetter, entdeckte das beschädigte Tafelbild 1864 bei Restaurationsarbeiten. Er liess sich dafür von den ahnungslosen Auftraggebern mit der Holbein-Madonna und weiteren Tafelbildern entlöhnen. 1867 verlangte die Gemeinde das Bild zurück oder eine Entschädigung von 30 000 Franken. Noch vor Prozessbeginn vermachte Zetter das Meisterwerk dem Solothurner Kunstverein mit der Auflage, die Restaurationskosten zu ersetzen und ihn als Entdecker zu nennen.

Nach Grenchen zurückgekommen ist hingegen ein anderes Kunstobjekt, der «Chappelitüfel», der gemeinsam mit dem Erzengel Michael eine Figurengruppe bildet. Früher war der Engelfürst und der in Ketten gelegte Chappelitüfel an der Aussenwand der Kapelle angebracht. Nach abenteuerlichen Besitzerwechseln residiert der Chappelitüfel heute in der Eusebiuskirche.

Fest ermöglichte Renovation

Die Juroren des «Chappelitüfel-Preises» ermöglichten 1999 mit einem grossen Chappeli-Fest, welches unter anderem Starkoch Anton Mosimann nach Grenchen brachte, die Finanzierung der Renovationsarbeiten. «In einem Wettbewerb fragten wir nach der Anzahl der Ziegel des Chappeli-Vordaches. Dem Gewinner winkte ein Besuch im Londoner Gourmet-Tempel Mosimanns. Daraufhin umringten ganze Heerscharen die Kapelle, zählten und schätzten», erinnert sich Felix Bernhardsgrütter mit Schmunzeln.

Die Allerheiligen Kapelle ist ihm wichtig. Er kennt die Daten und Legenden und lässt Interessierte daran teilhaben. Er läutet sogar die kleine und die grosse Glocken - erst links, dann rechts - führt geschickt die spezielle Ziehtechnik vor. «Schon mancher hat es versucht und keine der Glocken zum Schwingen gebracht», bemerkt er stolz.

Klingen wird es an Maria Himmelfahrt am 15. August, um 10 Uhr, wenn der Kirchenchor im Gottesdienst gregorianische Choräle singt. Dann wird sich in der Allerheiligen Kapelle das Spirituelle und Mystische gleich doppelt mit der Kunst verbinden, mit Musik und mit den Kirchenschätzen.

Quellen: Schweizerischer Kunstführer GSK, Nr. 716: «Die Kapelle Allerheiligen in Grenchen» / OK Kappeli Sanierungsfest: «Kappeli - Geschichten und Daten» / Blanche Merz: «Orte der Kraft in der Schweiz», ISBN 3-85502-631-9.