Mordprozess

«Schnee von gestern»: Schenkkreismorde sind in Grenchen (k)ein Thema

Daniel Walder, Anwalt von Ruth S., vor dem Solothurner Obergericht

Daniel Walder, Anwalt von Ruth S., vor dem Solothurner Obergericht

Die Neuaufnahme des Verfahrens im Dreifachmord von Grenchen bewegt in der Uhrenstadt manche Gemüter – andere lässt sie kalt. Durchwegs schlecht wegkommen die Anwälte der Beschuldigten bei den Befragten.

Seitdem der Mord an der Familie Dubey wieder aufgerollt wurde und Grenchen erneut in allen Schweizer Medien genannt wird, verfolgten auch viele Grenchnerinnen und Grenchner den Prozess aufmerksam. Das ist schon alleine aus den Zugriffen auf die Onlineberichterstattung und den Liveticker dieser Zeitung ersichtlich.

Eine Umfrage unter zufällig ausgewählten Personen zeigt allerdings: Die Schlüsse und Befindlichkeiten könnten unterschiedlicher nicht sein. «Schnee von gestern», «man erinnert sich halt, weils in der Zeitung steht», «tragisch und unnötig», «interessiert mich nicht» sind häufige Antworten auf die Frage, was die Wiederaufnahme des Prozesses gegen die Täter im Fall Dubey bei den Befragten ausgelöst hat. Alle Befragten wollten übrigens anonym bleiben.

Kritik an Anwälten

Durchwegs schlecht wegkommen die Anwälte der Beschuldigten bei den Befragten. Insbesondere derjenige Zürcher Anwalt, der eine Rolle des damaligen Amtsgerichtspräsidenten und jetzigen Stadtpräsidenten François Scheidegger im Zusammenhang mit den Stadtpräsidiumswahlen sah und ihm unterstellte, nur deshalb ein so hartes Urteil - lebenslänglich für alle Beteiligten - gefällt zu haben, um von der Grenchner Bevölkerung gewählt zu werden. «Das ist ja völlig an den Haaren herbeigezogen», meinte zum Beispiel ein älteres Ehepaar.

Scheidegger sei zum Zeitpunkt des ersten Prozesses ja noch nicht einmal angefragt worden, ob er eventuell kandidiere, geschweige denn von seiner Partei nominiert worden. «Das ist zwar allgemein bekannt, aber kein Medium hat es bisher für nötig befunden, dazu eine klare Aussage zu machen und den Sachverhalt richtigzustellen.»

Ein anderer Grenchner findet die horrenden Honorare, welche von den Verteidigern eingefordert werden, eine bodenlose Frechheit. «So ist halt unsere Gesetzgebung, leider. Und wer bezahlt am Schluss? Wir Steuerzahler. Das stört mich sehr, wenn man auch nichts dagegen machen kann.» Die Tat sei unverzeihlich und er persönlich hoffe doch sehr, dass die Schuldigen kein milderes Urteil erhielten. An seinem Stammtisch sei der Prozess dennoch nie ein Thema gewesen.

«Der Prozess interessiert hier in Grenchen nur wegen Scheidegger», so eine jüngere Dame. Entgegen der Aussage des jetzigen Stadtpräsidenten sei dieser zum Zeitpunkt des ersten Prozesses sehr wohl bereits als möglicher Kandidat gehandelt worden, und deshalb hinterlasse das Ganze schon ein wenig ein flaues Gefühl. «Man fragt sich einfach: Ist etwas dran an der Aussage des Anwaltes oder übertreibt der einfach nur?».

Selbst bei Leuten aus dem Umfeld der ermordeten Familie ist der neue Prozess kein grosses Thema. «Ich kannte die Opfer und habe früher sogar mit Dubey im selben Betrieb gearbeitet. Natürlich kommen die Erinnerungen wieder hoch an den tragischen Mord, aber irgendwie ist das Schnee von gestern», meint ein Befragter auf dem Marktplatz. Er habe den Prozess nicht mehr aktiv verfolgt, das bringe nichts. Eine andere Frau sagt, auch sie habe die Dubeys gekannt. Besonders die Mutter sei im Geschäft, wo sie gearbeitet habe, eine treue Kundin gewesen. Aber den neuen Prozess habe sie nicht mehr verfolgt. «Es ist zwar tragisch, aber das Leben geht weiter. Ich hoffe einfach auf Gerechtigkeit. Die Schuldigen müssen büssen für ihre Tat!»

Besser hier einkaufen

Zum schlechten Image Grenchens meint eine junge Dame: «Dieser neue Prozess verschlechtert oder verbessert das Image unserer Stadt nicht. Die Grenchner sind zu einem grossen Teil selber daran schuld, dass es um die Innenstadt nicht besonders gut steht: Würden sie nicht auswärts einkaufen, sondern ihre Sachen hier in Grenchen posten, wäre einiges schon geregelt.»

Gerüchte brodeln dennoch

Verdrängen die Grenchnerinnen und Grenchner die Tat? Haben Sie die Nase voll davon, dass Grenchen einmal mehr negative Schlagzeilen macht? Oder herrscht «betretenes Schweigen», weil doch mehr dahintersteckt? Eine gut vernetzte Grenchnerin zumindest, die ebenfalls ungenannt bleiben will, macht doch erstaunliche Aussagen: «Verdrängen kann man in Grenchen die Umstände nicht, die zu dem Mord geführt haben. Zu viele Familien haben zum Teil sehr viel Geld in Schenkkreise investiert und haben sehr viel verloren. Häuser mussten verkauft werden, Beziehungen und Ehen gingen auseinander, einige Geschäftsinhaber verloren mehrere hunderttausend Franken und mussten ihre Betriebe schliessen.» Zwar höre man das nur gerüchteweise, aber wo solche Gerüchte auftauchen, sei meist auch etwas dran. «Dass die Direktbetroffenen sich nicht öffentlich äussern, ist ja klar. Aber wenn Häuser ohne triftigen Grund plötzlich verkauft werden oder Geschäfte schliessen, die eigentlich gut gelaufen sind, wirft das doch einige Fragen auf. Und das geht schon seit 20 Jahren so. Mich wundert nur, wo das viele Geld geblieben ist.» Ganz wichtig sei auch, dass es sich bei den Tätern nicht um Grenchner, sondern um Auswärtige gehandelt habe.

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