Die Grenchner Maschinenbaufirma Tschudin hat vor einigen Jahren in der Industriezone an der Neckarsulmstrasse Land gekauft für ein Neubauprojekt. Dieses ist nun baureif. Doch die Stadt Grenchen stellt sich quer, was Firmenpatron Urs Tschudin veranlasste, in Selzach anzuklopfen. Was steckt hinter den Vorbehalten der Grenchner GRK?

Das Neubauprojekt der Firma Tschudin hat schon eine lange Vorgeschichte. Zuerst wollte man südlich der heutigen Firma Hüsler Nest bauen, später kam das Landstück östlich davon in den Fokus. Eingereicht wurde ein Baugesuch für einen gemeinsamen Neubau der Firmen Tschudin, deren Produktionsräume an der Maienstrasse zu klein geworden sind, und der Bieler Maschinen-Importfirma Wenk, die ebenfalls Tschudin gehört.

Sie will ihre Zelte an der Solothurnstrasse in Biel abbrechen und auch in den Neubau an der Neckarsulmstrasse ziehen. Geplant ist eine grosse Fabrik mit fünfgeschossigem Bürotrakt und Werkhalle - der grösste Firmenneubau in Grenchen seit der Realisierung der Zeigerfabrik der Swatch Group an der Flughafenstrasse. Das Grundstück liegt etwa vis à vis der Firma Burgener und ist 7226 Quadratmeter gross.

Landreserven sichern

Doch Tschudin möchte mehr. «Unsere Firma ist in einem konstanten Wachstumsprozess und ich möchte für die nächste Generation die für das langfristige Wachstum nötige Reservefläche sichern», erklärt der Unternehmer. Deshalb möchte er von der Stadt vom östlich angrenzenden Grundstück weitere 3955 m2 Land sichern für eine allfällige spätere Erweiterung der Fabrikhalle.

Ein erstes Baugesuch wurde im Juni von der Stadt zur Überarbeitung zurückgewiesen, mit der Begründung, es müsse haushälterischer mit dem Land umgegangen werden. «Wir haben danach den Bürobau neu angeordnet und die Landfläche besser ausgenutzt» Auch sei zweitens der von der Stadt verlangte Landstreifen entlang des Baches jetzt genügend breit für die Erschliessung des Grundstücks südlich von der Neckarsumstrasse her. Tschudin verweist auch darauf, dass man gemeinsame Parkplätze mit der benachbarten Firma Hüsler Nest plane.

Doch vor 14 Tagen wurde auch das überarbeitete Projekt von der GRK abgelehnt, was Tschudin nun veranlasste, eine Realisierung am Standort Selzach, südlich der Firma Stryker, voranzutreiben. «Hier würde unser Projekt ohne Modifikation hinpassen. Man könnte es praktisch an den Helikopter hängen und dort hinstellen, auch die Erschliessung wäre ideal», schwärmt Tschudin. Man habe übrigens bisher insgesamt zehn verschiedene Standorte evaluiert.

Einzonung in Selzach?

Und die Reservefläche? - Diese sei in Selzach zu 70 Prozent vorhanden und für die restlichen 30 Prozent sei eine Einzonung absehbar, meint Tschudin. Was hat die GRK-veranlasst, auch das überarbeitet Projekt abzulehnen? Laut Vize-Stadpräsident Remo Bill liegt das Problem bei der von Tschudin beanspruchten Reservefläche. «Durch die Reservation des Grundstücks würde ein unverhältnismässig grosses Landstück, für wenig Arbeitsplätze, langfristig blockiert», meint Bill.

Zudem zerschneide es eine für die Stadt Grenchen strategisch wichtige, zusammenhängende Industriefläche. «Tatsache ist, dass es in der Region kaum mehr zusammenhängendes Industrieland in dieser Grösse gibt. Die Stadt Grenchen würde sich eine einmalige Chance für künftige grössere Ansiedlungen vergeben. Es handle sich um eine «Toplage» mit Nähe zum Autobahnanschluss und zum Flughafen.

Warten auf den grossen Fisch?

«Die Stadt hofft wohl immer noch darauf, einen grossen Fisch an Land zu ziehen, aber die einheimischen Unternehmer lässt man hängen», ärgert sich Urs Tschudin. Er bekomme allmählich Terminprobleme, denn der alte Firmensitz an der Maienstrasse sei verkauft und der Einzug einer Industriefirma für Mitte nächstes Jahr geplant. Diese müsse zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ihren Standort auf dem Areal der Firma Schmitz Frères an der Gibelstrasse räumen, weil dort ebenfalls gebaut wird.

«Ich finde es seltsam, dass jemand sein Firmengebäude verkauft, ohne dass man einen gesicherten neuen Standort hat», meint der Vize-Stadtpräsident dazu. Dass man für Tschudin in Selzach noch Land einzonen werde, sei angesichts der heutigen raumplanerischen Rahmenbedingungen «ziemlich unrealistisch», meint Bill.

«Ich verstehe nicht, wieso man jetzt einfach mal diese - ja keineswegs kleine - Ausbauetappe realisiert und später weiterschaut. Wegen einer Landreserve für eine einzelne Firma können wir nicht die ganze Planung in der Grenchner Industriezone durchkreuzen», hält Bill fest.