Herr Locher, laut der Zeitung «reformiert» haben die Freikirchen eine grössere Besucherfrequenz an den Gottesdiensten, beschäftigt Sie dies als Präsident des SEK?

Gottfried Locher: Mich beschäftigt, dass es uns als Christen in Landeskirchen und Freikirchen nicht immer gelingt, einander neidlos unsere jeweiligen Stärken zuzugestehen. Ich habe Grund zur Dankbarkeit und Freude, wenn jemand – wo auch immer – in einem Gottesdienst von der christlichen Botschaft so berührt wird, dass er sie im Alltag mehr und mehr lebt.

Was machen Freikirchen anders? Müsste man den Ablauf der Gottesdienste reformieren, um Kirchenaustritten entgegenzuwirken?

Nach meinen Erfahrungen kann eine wiedererkennbare Liturgie bewirken, dass man sich im Gottesdienst zu Hause fühlt. Dafür auf alte und bewährte Formen zurückzugreifen, ist eine Möglichkeit, die wir in der reformierten Kirche bestimmt wieder mehr nutzen könnten. Daneben sollte es auch Orte geben, an denen mit interaktiven Formen wie Meditationen oder moderner Musik kreativ experimentiert wird.

Kann eine gezielte Jugendarbeit bewirken, dass sich die heranwachsende Generation mehr um christliche Traditionen bemüht?

Viele Jugendarbeiterinnen, Katecheten und Freiwillige setzen sich mit Herzblut für die junge Generation ein. Ich bewundere ihren Einsatz und bin überzeugt, dass sie einen zentralen Beitrag für die Zukunft unserer Kirche und Gesellschaft leisten.

Sind Dialoge mit Freikirchen, Glaubensgemeinschaften oder gar dem Islam sinnvoll?

Selbstverständlich. Nur, wenn wir und gegenseitig zuhören und verstehen wollen sowie gemeinsam handeln, können wir als Christen unterschiedlicher Couleur voneinander lernen und glaubwürdig als eine Kirche auftreten. Der interreligiöse Dialog im Zeichen der Menschenrechte und des Religionsfriedens ist ebenso notwendig, um in einem Land gemeinsam zusammen leben zu können.