Grenchenberg

Nicht nur Grenzen zwischen Kulturen überwinden: Diese Mauer hat viele Zwecke

16 Jugendliche aus vier Ländern renovierten auf der Wandfluh gemeinsam eine Trockenmauer.

«Ihr habt wirklich viele Kühe hier», sagt John. Der 22-jährige Palästinenser ist zum ersten Mal in der Schweiz. Er verbrachte neun Tage lang auf dem Grenchenberg, zusammen mit 15 anderen Jugendlichen aus der Schweiz, Palästina, Israel und Nordirland. Sie alle nahmen am Projekt und Jugendlager «Building Walls – Breaking Walls» teil, organisiert vom Solothurner Verein Naturkultur.

Es sei schon eindrücklich gewesen, einmal wie die Leute in den Bergen zu leben, sagt der Palästinenser, der dieses Landschaftsbild von seiner Heimat her gar nicht kennt. Seine 19-jährige Kollegin Rawda nickt zustimmend. Die Kühe seien ja schon etwas angsteinflössend gewesen. Diese Angst habe sie aber inzwischen abgelegt. Jeden Tag mussten die Jugendlichen nämlich über Wiesen und Viehweiden marschieren, um zu der Trockenmauer auf der Wandfluh zu gelangen.

Brücke zwischen Kulturen

Den Jugendlichen soll die Arbeit an der Trockenmauer vor allem helfen, Grenzen zwischen den Kulturen zu überwinden. So arbeiteten Israeli und Palästinenser, nordirische Protestanten und Katholiken jeden Tag gemeinsam auf der Wandfluh. Sie sollen eine physische Mauer bauen und gleichzeitig symbolische Mauern niederreissen. Wie die «Peace Wall» in Nordirland, die katholische und protestantische Quartiere voneinander trennt. Oder die Sperranlage, die eine Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland – einem Teil von Palästina – darstellt.
«Das war eine gute Erfahrung», sind sich die Teilnehmer des Jugendlagers einig.

«Ich habe noch nie zuvor gemauert», erklärt der 17-jährige Dominic aus dem Kanton Aargau. Diese Erfahrung habe ihm gutgetan. Nebst dem Handwerk sei es auch toll gewesen, andere Kulturen kennen zu lernen, erzählt die 19-jährige Rawda, die sich selbst als Vertreterin Palästinas vorstellt. Ihr Kollege John stimmt wieder zu. Das Essen in der Schweiz sei ja auch sehr gut, und die Leute ganz lustig. Und nach der Woche haben die Palästinenser auch ihre anfängliche Angst vor Kühen überwunden.

Kulturerbe, Ortsgrenze, Viehzaun

Bereits zum fünften Mal fand das Jugendlager auf dem Grenchenberg statt. Dabei steht stets die Trockenmauer im Schwerpunkt: Die Jugendlichen bauen die Mauer gemeinsam mit ihren Gruppenleitern zurück und erneuern sie dann mit frischen Steinen. So erlernten die 16 Teilnehmer einen Teil des Trockenmaurer-Handwerkes. Daneben standen auch Aktivitäten wie Wandern oder Klettern, kultureller Austausch und gemeinsames Kochen auf dem Lager-Programm.

«Wir hatten dieses Jahr wirklich sehr gutes Wetter», zieht Lagerleiter Jörg Lötscher Bilanz. Der Präsident des Vereins, Oliver Schneitter, fügt hinzu, einige Teilnehmer packe es von Beginn an, andere müsse man etwas mehr motivieren – das sei aber ganz normal. «Und am Schluss nehmen alle ihre Erfahrungen mit.» Die Mauer erfülle dabei gleich verschiedene Zwecke auf einmal. «Wir bauen hier eine Mauer, die noch 100 Jahre lang stehen kann», sagt Lötscher. Die Mauer trage ganz unterschiedliche Handschriften – je nach Steinsorte und Menschengruppe, die daran gearbeitet hat. So erhalte man ein wichtiges Kulturgut.

Früher war so eine Trockenmauer aber auch ein Zaun für das Vieh auf der Weide. Gleichzeitig markiert sie die Grenze zwischen Grenchen und Bettlach auf der Wandfluh. «Und Wanderer haben einfach so Freude, wenn sie die Mauer beim Vorbeigehen betrachten können», fügt Lötscher an.

Dominic Glaaser aus Teufenthal

Dominic Glaaser aus Teufenthal

«Ich habe noch nie zu vor an einer Mauer gearbeitet. Es war eine gute Erfahrung für mich. Auch mit anderen Leuten zusammen zu mauern. Mauern aus dem Alltag… Einfach, dass es so Grüppchen gibt. In der Schule manchmal. Oder auch im Zug, wo sich die Leute auf verschiedene Plätze setzen. Es hat mir schon etwas gebracht, Leute aus anderen Ländern kennen zu lernen, und zu sehen, dass wir ja eigentlich alle gleich sind.»

Rawda Hussein aus Palästina

Rawda Hussein aus Palästina

«Ich bin für einen Kulturaustausch hierhergekommen. Und, um die Palästinenser zu repräsentieren, die in Israel leben. Jeder von uns hier kommt aus einem anderen Land, hat einen anderen Hintergrund. Und hier schaffen wir es, gemeinsam unter einem Dach zu leben. Und wir schaffen es! Für mich ist das eine bereichernde Erfahrung. Es erweitert meinen Horizont. Wir lernen einander besser kennen.  Und die unterschiedlichen Meinungen und Hintergründe. Ich finde das hier wirklich sehr bereichernd. Wir konnten hier sicher auch einige Mauern niederreissen. Jeder hat seine eigene Kultur. Und mit der Gruppenarbeit und dem Zusammensein hier konnten wir Mauern brechen.»

Shani Rosenbliz (19) aus Israel

Shani Rosenbliz (19) aus Israel

«Die Erfahrung hier ist wirklich unglaublich. Wir haben Leute getroffen, die wir noch nicht gekannt haben.  Die Gruppe aus Palästina, die wir getroffen haben, ist wirklich auch toll. Auch einen Teilnehmer von der Westbank. Von dort kenne ich sonst niemanden. In Jerusalem und in Palästina, wo Israeli leben, habe ich Freunde. Zwischen Palästina und Israel haben wir eine echte Mauer. Wir haben aber auch menschliche Mauern. Zwischen Arabern und Israeli. Es ist schwierig, diese Mauern niederzureissen. Aufgrund der Religion und der Kultur. Wir haben Angst vor ihnen – und sie haben Angst vor uns. Hier können wir diese Mauern niederreissen. Das ist toll.»

John Boder aus Palästina

John Boder aus Palästina

«(Palästina ist) ein Land, wo jeder weiss, dass es viele Konflikte gibt. Zwischen den Palästinenser und den Israeli. Wir haben dort auch eine Mauer, die uns trennt. Es war eine tolle Erfahrung für mich, hierher zu kommen und all die Israeli kennen zu lernen. Und die Mauern zwischen uns zu brechen. Wir haben hier zusammen eine Mauer gebaut. Und in der übrigen Zeit haben wir die kulturellen Mauern zwischen uns niedergerissen. Das war eine sehr erfüllende Erfahrung. Nicht nur, dass ich in der Schweiz war, sondern auch so zu leben, wie Leute in den Bergen wirklich leben. Ich genoss auch sehr die Gesellschaft aus anderen Kulturen, wie die Iren und die Schweizer. Sie haben gutes Essen, sie sind lustig. Wir hatten so viel Spass zusammen.»

Ryan Dorgan aus Irland

Ryan Dorgan aus Irland

«Ich finde, das war eine richtig gute Erfahrung. So lerne ich verschiedene Kulturen kennen. Und wie man so eine Trockenmauer baut. Ich habe wirklich nette Leute kennen gelernt. In gewissen Teilen von Irland haben wir Mauern. Vor einigen Monaten war ich schon in einem anderen Austausch in Irland. Und dort haben wir auch so Trockenmauern gebaut. Aber hier macht ihr das schon ganz anders. Es ist schön, die verschiedenen Methoden zu lernen.  In der Kultur haben wir vor allem in Nordirland Mauern. Zwischen Katholiken und Protestanten. Weil England mal ein Teil von Irland gehört hat. Und die Protestanten wollen eigentlich lieber England angehören. Und die anderen wollen ein, einheitliches Irland. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es viele Konflikte.»

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