Bedriye Jäggi und ihr Mann Manfred sitzen auf dem Balkon in ihrer Wohnung an der Viaduktstrasse. Auf dem Tisch vor ihnen befinden sich Süssigkeiten aus der Türkei, die nach gelierter Traube, Zitrone und Rose schmecken. «Lokum» werden sie genannt, was übersetzt «kleine Süssigkeit» bedeutet. Jäggi zog als 21-Jährige aus der türkischen Provinz Kahramanmaras nahe der syrischen Grenze in die Schweiz, als Familiennachzug ihres ersten Ehemannes.

Zunächst wohnte sie in Basel, später zog sie nach Grenchen. «Alles war fremd für mich, die Sprache, die Bräuche. In Basel ist mir aber sofort die Hilfsbereitschaft der Menschen in meiner Umgebung aufgefallen, diese Offenheit hat mich sehr beeindruckt. In Grenchen hingegen musste ich mir das Vertrauen der Nachbarn erst erarbeiten, danach habe ich auch dort sehr viel Unterstützung erfahren.»

Von Beginn an teilhaben

Ihre Neugier und ihre Einstellung führten dazu, dass sie sofort teilhaben wollte am Leben in der Schweiz. «Von Anfang an wollte ich mich integrieren. Für mich war klar, dass sich das so gehört, wenn ich hier leben möchte», erklärt Jäggi.

Dabei fällt ihr eine Anekdote ein: «Als ich neu in Grenchen wohnte und die erste Chesslete erlebte, bin ich über den Lärm und die vielen Menschen in Weiss erschrocken. Als ich im Nachhinein von dieser Tradition erfuhr, wurde mir klar, dass ich noch mehr darüber wissen muss.» Geholfen haben ihr auch ihr Wille und die Einsicht, dass sie sich nicht allein in dieser Situation befand.

Jäggi: «Man wird sich bewusst, da sind andere, die dasselbe durchmachen, das kann sehr helfen.» Sehr bald nach ihrem Umzug in die Schweiz hat sie einen Deutschkurs besucht und angefangen als Rotkreuz-Pflegehelferin zu arbeiten, später war sie im Altersheim Kastels und dann als Mitarbeiterin bei der Pignons AG in Grenchen angestellt. Seit 2011 arbeitet sie in der ETA, seit August 2017 als stellvertretende Bereichsverantwortliche in der Schlusskontrolle. Weiter ist sie in der ETA Betriebs-Samariterin und gewähltes Personalkommissionsmitglied.

Teil einer Gesellschaft zu sein, bedeutet für Jäggis auch, regelmässig Anlässe in Grenchen und der Schweiz zu besuchen und sich in Vereinen zu engagieren, so beispielsweise im hiesigen Gartenverein und bei Granges Mélanges. Bedriye Jäggi ist zudem auch Vorstandsmitglied der Unia. Immer wieder sind Jäggis an der Fasnacht und früher auch bei den Weihnachtsfenstern und bei Veranstaltungen der reformierten Kirche anzutreffen gewesen.

Bedriye Jäggi: «Es ist uns ein Anliegen, Aktivitäten zu unterstützen, indem wir zum Beispiel Fasnachtsplaketten kaufen. Ich bin überzeugt, dass jeder so ausgegebene Franken in irgendeiner Form zurückkommt, schliesslich müssen Organisationen und Infrastruktur auch funktionieren.»

Interesse an Ländern und Kulturen

Jäggi fühlt sich tief verwurzelt in Grenchen, in der Stadt am Jurasüdfuss. «Grenchen ist eine lebenswerte Stadt. Hier habe ich in den letzten 30 Jahren viele wertvolle Kontakte knüpfen können. In Grenchen wird mit den Vereinsaktivitäten viel Positives geleistet. Besonders wichtig ist für mich auch, dass ich Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen empfinden kann. All das finde ich in der Schweiz.»

In den Ferien sind Jäggis regelmässig auf dem Jakobsweg unterwegs, 1600 Kilometer von Konstanz bis Pamplona sind inzwischen zu Fuss zurückgelegt. Bald brechen sie wieder auf und laufen in Spanien eine weitere 420 Kilometer lange Etappe bis nach Léon. Ihre Reisen führen aber auch immer wieder durch die Türkei und andere Länder wie den Iran, nach Israel, Thailand, Vietnam oder Kuba.

In der Türkei besuchen sie auch die türkischen Verwandten. Bedriye Jäggi hat fünf Geschwister, von denen drei verstorben sind, eine Schwester lebt in Muttenz, eine zweite in der Türkei. Türkische Traditionen lebt Jäggi in ihrem Alltag nicht aktiv weiter, ausser in kulinarischer Hinsicht. «Bei türkischen religiösen Feiertagen ist es so, dass ich immer mal innehalte und dabei Erinnerungen an mein Leben in der Türkei präsent werden.»

Etwas Schönes in der Türkei sei für sie die Tradition, ein Neugeborenes willkommen zu heissen. Im kleinen Familienkreis esse man dann zusammen, freue sich gemeinsam und wünsche den frischgebackenen Eltern alles Gute. Auch positiv an der türkischen Mentalität sei der familiäre Zusammenhalt. «Man erhält immer Unterstützung von der Familie, wenn man Hilfe braucht.

Die Kehrseite davon ist jedoch, dass bestimmte Erwartungshaltungen seitens der Familie bestehen, wenn es sich zum Beispiel um eine Heirat oder um eine Scheidung handelt. Man kann sich nicht so frei bewegen und wird von der Familie kontrolliert.» Die Mentalität der Schweiz entspreche ihr mehr. «Für mich war immer wichtig, dass meine drei Kinder, 27, 25 und 19 Jahre alt, selber entscheiden. Sie sollen selbstständig sein, auch wenn ich ihre Mutter bin.»