Wenn der CEO die Neuerungen erklärt, verstehen alle, worum es geht. Darin unterscheidet sich die Uhrenfirma Breitling von vielen anderen Ausstellern an der Baselworld. Diese fertigen das (Fach-)Publikum mit einem Heer von Marketing-Officern im entsprechenden Jargon ab. Der Breitling-Vize-Präsident höchst persönlich, Jean-Paul Girardin, nimmt sich am Sonntagmorgen Zeit, um einer Handvoll Medienvertretern von Lokalmedien die Innovationen 2016 des renommierten Herstellers zu präsentieren.

Da begreift auch der Laie, warum die Firma auf das Material namens Breitlight setzt: Die neu entwickelte Polymerfaser ist leicht, kratzfest und fühlt sich auf der Haut nicht kalt an.

«Das Material hat nur ein Drittel des Gewichts von Titanium, im Vergleich zu Stahl ist es sogar 5,8-mal leichter», sagt Girardin und gibt erst eine kleine schwarze Platte des Rohmaterials in die Runde und gleich darauf eine daraus gefertigte massive Fliegeruhr. Deren Gehäusegewicht: 69 Gramm, trotz des XXL-Durchmessers des Zifferblattes von 50 Millimeter.

Rezept: Geheim

Entwickelt habe man das Material in Zusammenarbeit mit einem Partner im Jura, und mit dem Sintern des Prototyps fing die Arbeit eigentlich erst an. «Sehr komplex und anspruchsvoll ist die Herstellung der Werkzeuge zur Bearbeitung von ‹Breithlight›», verrät der Breitling-Chef.

Damit ist seine Erklärung auf der Ebene «Material» zu Ende. Woraus die Polymerfaser im Detail besteht, mochte Breitling nicht einmal dem Patentamt mitteilen. «Ganz bewusst haben wir bei Breitlight auf das Patent verzichtet. Das behalten wir für uns.»

Eindrücke von der Baselworld 2016

Auch im Innern der Uhr finden sich immer noch Verbesserungsmöglichkeiten – auch beim legendären Breitling B01-Kaliber. «Das grosse Problem bei der mechanischen Uhr ist die Reibung», erklärt Girardin und erläutert den Journalisten die Lösungen, welche die Breitling-Ingenieure in ihrem neusten Flaggschiff dafür präsentieren (vgl. Kasten unten).

Ein Besuch im exklusiven Breitling-Pavillon, einem dreistöckigen Gebäude innerhalb der Haupthalle der «Baselworld», ist kein alltägliches Erlebnis: Langbeinige Hostessen im Model-Look empfangen die angemeldeten Gäste und Kunden aus aller Welt, junge Männer öffnen Milchglastüren zur exklusiven Breitling-Bar dahinter.

Dort wartet man bei Drinks und Smalltalk (auf Englisch), bis man zur Präsentation oder Kundengespräch abgeholt wird. Wer nicht ins Reich vorgelassen wird, darf sich immerhin am legendären Meerwasser-Aquarium ergötzen, in dem dieses Jahr farbige Quallen dümpeln.

Technische Leckerbissen

Nicht nur bei den Gehäusematerialien (vgl. Haupttext), auch im Innern der Uhr
treibt Breitling den Stand der Technik voran. «Chronoworks» heisst die Abteilung, welche CEO Jean-Paul Girardin mit der Tuning-Abteilung eines Rennstalls vergleicht. Und so hat man auch den legendären B01-Chronografen bis an den Rand des technisch machbaren weiterentwickelt: Platine und Räderbrücke aus Keramik, Räderwerk und Hemmung aus Silizium, eine Bimetall-Unruh mit variablem Trägheitsmoment und last but not least eine geniale Lösung für die Kupplung des Chronografenteils. Dieses aus einer Achse und zwei Rädern (2 mm Durchmesser) bestehende Ensemble hat normalerweise ein wenig Spiel, was zu Ruckeln führen kann. Statt dieses Spiel durch Bremsung auszugleichen, was 15 % Energie kostet, haben es die Chronoworks-Experten vorgezogen, die beiden Räder mit elastischen Zahnungen auszustatten, die sich dank einer Nickel-Phosphor-Struktur exakt der Form der gegenüberliegenden Zähnen anpassen. Ergebnis: Kein Energieverlust und gleiche Gangreserve bei ein- oder ausgeschalteter Chronografenfunktion. Überhaupt ist es durch die Gesamtheit der Massnahmen gelungen, die Gangreserve dieser «Superocean Heritage Chronoworks» um 45 Prozent auf 100 Stunden zu steigern. Girardin sieht darin einen «Prüfstand für Technologien von morgen». Diese kann man aber bereits kaufen. In einer Kleinauflage von 100 Stück – für 38 400 Fr. Seit kurzem auch in der Schweiz erhältlich ist die Breitling Connected, die Antwort des Herstellers auf die Smartwatch. Sie kann verschiedene gemessene Zeiten drahtlos aufs Handy (Apple und Android) übertragen. (at.)