Sie ist eine Meisterin der Lüfte und der Orientierung. Während des Zweiten Weltkrieges war der «gefiederte Kurier» ein Segen und schrieb auf Schweizer Boden langjährige Geschichte. Früher war der Taubenzüchter eine anerkannte Profession in der Armee, heute gibt es nur noch wenige leidenschaftliche Taubenhalter – Beat Roth aus Grenchen ist einer davon.

«Als ich klein war, besass mein Götti eine Bäckerei und einen Taubenschlag», erinnert sich Beat Roth. In seiner Freizeit habe er oft in der Backstube gesessen, ein Weggli gegessen und fasziniert die Tauben beobachtet. «Ihre fantastischen Flugfähigkeiten haben mich immer begeistert», so der «Burebueb» aus dem bucheggbergischen Bibern. Inspiriert von seinem Götti wollte er selbst Tauben halten. Der Vater aber verbot das seinem Sohn. «Er wollte nicht, dass ich mich für solchen ‹Chabis› interessiere», erklärt Beat Roth stirnrunzelnd. Mithilfe seiner Mutter habe er den Vater umstimmen können und vom Götti seine ersten Tauben erhalten. Jahre später kaufte sich Beat Roth ein Häuschen an der Lebernstrasse 2 in Grenchen und baute daraus seinen eigenen Taubenschlag.

Tauben spüren den Frühling

Die Tauben turteln im Paartanz durch den grossen, verwinkelten Taubenschlag – 100 Tiere sind es. Die Männchen plustern sich auf und stolzieren den Weibchen hinterher. «Sie spüren den Frühling», erklärt der gelernte Gipser lächelnd, «zu dieser Jahreszeit werden auch bei den Tauben Frühlingsgefühle geweckt.» Bereits in den kommenden Wochen legen mehrere Paare Eier, und zwar nicht nur graue, sondern weisse, braune, gepunktete. Taubenzüchter Roth besitzt gefiederte Freunde in sechs verschiedenen Arten. Darunter auch Brieftauben: «Diese Taubenart ist etwas grösser als die anderen und vielen als Hochzeitstaube bekannt», erklärt er. Bei der weissen Taube wurde aber momentan etwas gepfuscht: «Die Weissen habe ich pink und etwas blau angemalt für Ostern», gibt der Wochenend-Motocross-Fahrer zu, «aber auch, damit der Habicht sie nicht nimmt». Sie scheinen sich daran, nicht zu stören: Allesamt baden vergnügt in ihrem kleinen «Tauben-Swimmingpool», breiten hie und da die Flügel aus und fliegen aus, um zwei, drei Runden um den Schlag zu drehen.

«Miss Taube»

Eine gefiederte Miss Schweiz gibt es auch bei den Tauben, bestätigt der Taubenzüchter: «Im Winter finden verschiedenste Ausstellungen für Jung- und Alttauben statt.» Dabei gelten andere Kriterien als bei der «Miss-Schweiz-Wahl»: Kein perfektes Lächeln, keine Kurven sind gefragt, sondern die Körperhaltung und die Flügelspannweite zeichnen eine «Miss Taube» aus. Im Frühling und Sommer beweisen Roths Brieftauben dann ihre Sportlichkeit und Ausdauer: «Ich nehme jedes Jahr mit meinen Jungtauben an regionalen Wettflügen teil», erklärt er begeistert. Bei diesen Anlässen zeigen die Vögel ihre rätselhafte «Heimkehrfähigkeit». Auch 200 Kilometer vom Heimschlag entfernt finden die Tauben immer noch nach Hause. «Brieftauben sind klug und orientieren sich am Magnetfeld der Erde und am Stand der Sonne», sagt der Grenchner. Wenn nur wir Menschen diese Fähigkeit besässen.