In Grenchen war im April der Teufel los. Und dieser Teufel hiess SRF: Nachdem das Schweizer Fernsehen den Dokumentarfilm «Die schweigende Mehrheit – eine Nabelschau in Grenchen» gezeigt hatte, herrschte dort der Ausnahmezustand.

Fast die halbe Uhrenstadt war am Austicken. Leserbriefe wurden geschrieben, Politiker schimpften, auf Facebook ging die Post ab. Der Stadtpräsident mokierte sich über schäbigen Boulevardjournalismus, sprach bei SRF vor und liess rechtliche Schritte prüfen. Der Film sei tendenziös, rufschädigend und ehrverletzend.

Grenchner Stadtpräsident zieht rechtliche Schritte in Betracht

Grenchner Stadtpräsident zieht rechtliche Schritte in Betracht

Die Grenchner sind empört: Der SRF-DOK-Film gebe ein falsches Bild der Stadt. Parteien von links bis rechts fordern Stapi Scheidegger auf zu handeln. (15. April 2018)

Was war passiert? Drei Ehepaare hatte Filmemacherin Karin Bauer begleitet, und anhand von ihnen Globalisierungsängste und Politikverdrossenheit aufgezeigt. Gefilmt wurde im Schrebergarten und in leeren Uhrenateliers. Gewagte Aussagen zu Ausländern fielen. Die Filmemacherin zeigte in ihrer Milieustudie Abstiegsängste von Uhrenarbeitern und Befürchtungen vor der Zuwanderung.

SRF-Dok: «Die schweigende Mehrheit – Schweizer Nabelschau in Grenchen»

Grenchen glänzte nicht. Die positiven Seiten der Stadt kamen nicht vor. Die Grenchnerinnen und Grenchner waren in der Seele getroffen und reagierten gereizt.

Doch nun stellt sich die Frage: War die Grenchner Aufregung völlig unbegründet? Es scheint so. Denn Roger Blum, der Ombudsmann der SRG Deutschschweiz, hat sich über die eingegangenen Grenchner Beschwerden gegen den Film gebeugt. Und er sieht alles ein wenig anders als die Grenchner. Der frühere Professor für Medienwissenschaft, der völlig unabhängig von SRF Beanstandungen überprüft, verteidigt den Film.

Er räumt mit einem Missverständnis auf: Ziel des Filmes sei es nämlich gar nie gewesen, ein Porträt von Grenchen zu zeichnen. «Es ging nicht um die Stadt an und für sich, sondern um den aus statistischen Daten und politikwissenschaftlichen Studien herausdestillierten Schauplatz eines Bevölkerungsteils, der Abstiegsängste hat und sich als Globalisierungsverlierer wähnt», schreibt Blum.

Grenchnerinnen und Grenchner hätten deshalb kein ausgewogenes Porträt «ihrer Stadt» erwarten dürfen. Es gehe um die politische und soziale Befindlichkeit von drei Ehepaaren, die nun zufällig in Grenchen lebten. Wobei dies so zufällig doch nicht ist: Grenchen habe sich aufgrund statistischer Daten wie der dauerhaft grossen Stimmenthaltung, dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, der Sozialhilfequote und dem hohen Ausländeranteil «als Kaleidoskop für die Analyse der schweigenden Mehrheit und der Globalisierungsängste» angeboten», schreibt Blum weiter.

Es sei eine anschauliche Reportage über politisch Verunsicherte und Globalisierungsverlierer entstanden. Bewusste Manipulation oder Thesenjournalismus sei nicht nachweisbar. Der Leser könne sich frei eine Meinung bilden.

Nur in wenigen Punkten rügt der Ombudsmann den Film. Denn gepatzt hat SRF bei den Detailrecherchen. So heisst es einmal, dass die SP bei den Gemeinderatswahlen die Mehrheit verloren habe. Dabei hatten sie diese gar nicht. Auch wurde Bürgergemeindeverwalter Renato Müller fälschlicherweise als Gemeindeverwalter bezeichnet. Und nicht zuletzt wurde nicht erwähnt, dass es am Mittagstisch der Schule auch Schülermenus ohne Schweinefleisch gebe.

Einzig in einem relevanteren Punkt sieht Blum ein problematisches Vorgehen der Filmemacherin. Er kritisiert, «dass sie die Protagonisten fast penetrant auf SVP-Positionen festzunageln versuchte.» Medienwissenschafter Blum: «Auf der gleichen Position wie die SVP zu sein, ist ja nicht grundsätzlich verwerflich.» Dass einzelnen Personen «nicht in Grenchen wohnen, spielt dagegen für das Thema des Films überhaupt keine Rolle, im Gegenteil. Dieser Vorwurf könnte nur mit Überzeugung erhoben werden, wenn es sich beim Film um ein Porträt von Grenchen gehandelt hätte.» Grenchen habe eben nur als Schauplatz für eine «anschauliche Studie dreier Milieus» gedient.

Blums zwölfseitiger Schlussbericht zu den Beanstandungen am Dok-Film ist nicht zuletzt ein Plädoyer für die Pressefreiheit. Die Redaktion dürfe selbst bestimmen, welche Themen sie aufgreift und wie sie es tut. Sie dürfe sich auch nur auf negative Aspekte fokussieren oder anwaltschaftlichen Journalismus betreiben. «Die Medien sind da, um zu stören. Dort , wo Medien nicht stören, sind sie entweder handzahm oder werden gegängelt, und damit werden sie ihrer Rolle nicht gerecht», so Blum. «Bedingung ist nur, dass bei Anschuldigungen die Gegenposition zum Ausruck kommt.»

Da niemand angeschuldigt werde, sei dies kein Problem. Die Stadt Grenchen werde schliesslich im Film «nicht verantwortlich gemacht für die prekäre ökonomische Situation und die Zukunftsängste mancher Einwohner.»

Ende gut, alles gut?

Der Ombudsmann will sich aber offenbar auch mit den Grenchnern versöhnlich zeigen. In einem Exkurs berichtet er, wie viel die Stadt zu bieten habe. Auch die Stadt und SRF haben sich zum Gespräch getroffen. SRF, nach einem Jahr Drehen in Grenchen überrascht über die heftigen Reaktionen zum Film, will künftig «Motiv und Ziel einer grösseren Dokumentation früher und breiter kommunizieren».

Auch die Fakten sollen im Detail noch gründlicher geprüft werden. Die Stadt Grenchen, deren politische Exponenten den Film grösstenteils kritisierten, selbst aber nicht mitmachen wollten, will künftig «kommunikativ aktiver werden und ihre Aktivitäten medial besser vermarkten».

Stadtpräsident François Scheidegger war am Dienstag kurzfristig nicht erreichbar.