Bettlach

«Halbpfünderli» und Kartoffeln in die Tasche: Neuntklässler auf Einkaufstour für die Risikogruppe

Die Neuntklässlerin Kim Eyholzer bei ihrer Einkaufstour im Bettlacher Coop.

Die Neuntklässlerin Kim Eyholzer bei ihrer Einkaufstour im Bettlacher Coop.

In Bettlach ist die von Sekundarschullehrern ins Leben gerufene Einkaufshilfe gut angelaufen. Täglich helfen Neuntklässler der Risikogruppe in ihrem Dorf.

Kim Eyholzer zieht sich vor einem Haus am Dorfplatz in Bettlach ein Paar Handschuhe an. Dann öffnet sie den Briefkasten und entnimmt ihm eine Tasche. Darin findet sie ein Portemonnaie und den Zettel mit den gewünschten Lebensmitteln und Waren. Ihre Einkaufstour für ein Ehepaar im Corona-Risikoalter kann beginnen.

Die Bettlacher Sekundarschule hat bereits vorletzte Woche kurz nach dem allgemeinen Schulstopp die Einkaufshilfe für die älteren Dorfbewohnerinnen und -bewohner ins Leben gerufen. «Die Handschuhe tragen wir, damit wir wirklich keine Viren übertragen», erklärt Kim Eyholzer.

Rückfragen sind zwischendurch nötig

Die Neuntklässlerin macht sich zu Fuss auf den Weg zum Bettlacher Coop und arbeitet im Laden die Handnotizen auf dem Zettel ab. Einen Moment der Unsicherheit gibt es: Gewünscht ist von den Auftraggebern ein Kilogramm Kartoffeln, im Coop gibt es aber nur Säcke zu eineinhalb Kilogramm – oder im Offenverkauf zum Abwägen. Also kurze Rückfrage am Telefon beim Ehepaar. Der grössere Sack sei auch in Ordnung, wird der Schülerin beschieden.

Im Laden trifft sie auf einen Schulkollegen, der in gleicher Mission unterwegs ist. Auch er hat ein kleines Problem: Er findet das Pedigree vital nicht bei den Lebensmitteln, bis ihm jemand erklärt, dass es sich bei diesem Wunsch um Tierfutter handelt.

Auch ein «Halbpfünderli» will verifiziert sein. «Sind das 250 Gramm?», geht die Frage an den Journalisten. Als dieser bejaht, wird der entsprechende Brotlaib aus dem Gestell geholt. Nun, die Sprachgewohnheiten sind eben über zwei Generationen hinweg nicht die gleichen, aber solche «Müsterli» sind gute Erfahrungen für die Abschlussklässler auf ihren Einkaufstouren zu Gunsten der älteren Dorfbevölkerung.

Die Schule wäre ihr doch noch lieber

Sie mache diese Einkäufe gerne, hält Kim Eyholzer fest. Aber noch lieber wäre sie in der Klasse in diesem letzten Semester ihrer Volksschulzeit, gibt sie zu verstehen. Bereits sei leider die traditionelle Berufsmesse der Bettlacher Neuntklässler ausgefallen, bei der sie ihre obligatorische Projektarbeit hätte präsentieren können. «Gemeinsam mit einer Kollegin habe ich Sirups kreiert und ein Rezeptbuch gestaltet», sagt die Sekschülerin, die ab Spätsommer am Bürgerspital Solothurn eine Lehre als Fachfrau Gesundheit absolvieren wird.

Nach dem Einkauf trägt sie die volle Tasche zum Dorfplatz, wo sie vor der Haustüre platziert wird. Das ältere Ehepaar wird benachrichtigt, und damit hat Kim Eyholzer ihre Aufgabe erledigt und nun frei, sofern sie das von den Lehrern beauftragte Lernen im «Homeoffice» für diesen Tag auch schon hinter sich hat.

Auch die Kirchgemeinden sind dabei

Im Schulhaus Büelen treffen wir auf die beiden Sekundarlehrer Alain Schelling und André Siegenthaler, die das Projekt mit ihren Klassen initiiert haben. Sie bestätigen, dass die Einkaufshilfe gut angelaufen sei. Bereits in den ersten Tagen haben sie zwischen zehn und 15 Aufträge erhalten. Dankbar sind sie über die Mithilfe der Landeskirchen: Renata und Theo Sury von der römisch-katholischen sowie Pfarrerin Susanna Meyer von der reformierten Kirchgemeinde haben die älteren Personen angerufen und sie direkt auf das Angebot der Bettlacher Schule aufmerksam gemacht.

Die beiden Sekundarlehrer Alain Schelling (links) und André  Siegenthaler organisieren die Einkaufshilfe.

Die beiden Sekundarlehrer Alain Schelling (links) und André Siegenthaler organisieren die Einkaufshilfe.

André Siegenthaler weist auf die gut funktionierende Nachbarschaftshilfe in Bettlach hin. Aber auch da sei nicht alles machbar. «Mir hat eine jüngere Person gesagt, dass sie froh ist über die Hilfe der Neuntklässler, da sie mit der eigenen Arbeit, der Betreuung der Kinder und den nachbarschaftlichen Einkäufen an ihre Grenzen gestossen ist.»

Gemäss Alain Schelling haben auch Firmen, die in der Coronazeit über Kapazitäten verfügen, ihre freiwillige Mithilfe angeboten sowie ehemalige Schülerinnen und Schüler. Die beiden Lehrer nehmen jeweils am Vormittag zwischen 10 und 12 Uhr die Aufträge per Telefon entgegen und geben sie dann am Mittag per Klassenchat an ihre Schüler weiter. Schelling wie Siegenthaler stehen nach den ersten Erfahrungen klar hinter dem Projekt, das auch in den Frühlingsferien fortgeführt wird. Für die Jugendlichen sei es gut, dass diese Aufgabe etwas zu ihrer Tagesstruktur beitrage. Zudem kämen sie sicher einmal pro Tag an die frische Luft.

Hoffen auf baldige Normalisierung

Die beiden Sekundarlehrer hoffen aber, dass dies nicht das Ende der Fahnenstange für dieses letzte Schuljahr ihrer Klassen ist. Geplant sind nämlich die Aufführung eines Theaters im Juni sowie eine Abschlussreise und eine Schulendfeier. «Es wäre schade, wenn dies alles dem Virus zum Opfer fallen würde.»

Die Informationen über das Einkaufsangebot sind unter www.bettlach.ch aufgeschaltet. Die Telefonnummer für das Gebiet Nord (nördlich Grenchenstrasse/Freiheitsstrasse/Chürziweg) ist 032 644 28 81, fürs Gebiet Süd 032 644 28 93 (jeweils Montag bis Freitag 10-12 Uhr).

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