Coronavirus
«Man muss es den Leuten möglichst einfach machen»: Walk-in-Impfzentrum Grenchen wird von Impfwilligen überrannt

Das mobile Impfteam des Kantons machte Halt in Grenchen. Bereits eine Stunde vor Türöffnung warteten Impfwillige vor dem Eingang.

Oliver Menge
Drucken
Teilen
Ein halbes Dutzend Leute warten vor dem Impfzentrum, rechts Stadtpräsident François Scheidegger beim Augenschein.

Ein halbes Dutzend Leute warten vor dem Impfzentrum, rechts Stadtpräsident François Scheidegger beim Augenschein.

Oliver Menge

Rund ein halbes Dutzend Leute, die sich impfen lassen wollen, warten bereits kurz vor 14 Uhr auf den Start. Im Feuerwehrmagazin – die Grenchner Feuerwehr hat nach dem erfolgreich durchgeführten Drive-in-Impfzentrum viel Erfahrung – haben die Mitarbeitenden des Kantons, medizinisches Personal und Mitarbeiter der Securitas die Impfstrassen aufgestellt: vom Ausfüllen der Formulare übers Erfassen und die Kontrolle der Unterlagen zur Impfung, danach in einen Ruhebereich für die obligate Viertelstunde und abschliessend zur Ausgangskontrolle, wo man auch den Termin für die zweite Impfung erhält. Um 15 Uhr soll es losgehen.

Stadtpräsident François Scheidegger will sich einen Eindruck verschaffen. Er sei etwas genervt, meint er, habe man nicht aktiver informiert. Zwar hatte der Kanton einen Flyer verschickt und auch im Stadtanzeiger ein grosses Inserat geschaltet, wo Ort und Zeit der verschiedenen Stationen der mobilen Impfteams vermerkt waren. Aber: «Grenchen wieder mal ganz am Schluss.»

Er hoffe, dass die Möglichkeit, sich so einfach impfen zu lassen, jetzt einen Schub verursache. «Man darf einfach nichts unversucht lassen. Es ist eine gute Sache, wenn man möglichst einfach ohne Anmeldung zur Impfung kommen kann.» Vorher seien die Hemmschwellen doch grösser gewesen. «Man muss es den Leuten möglichst einfach machen», sagt der Stadtpräsident.

Der Grenchner Stadtpräsident François Scheidegger (3. v.l.) im Juni 2021 beim Besuch von Bundesrat Alain Berset (2. v.l) im Impf-Drive-In im Feuerwehrmagazin Grenchen, zusammen mit der Solothurner Regierungsrätin und Frau Landammann Susanne Schaffner und Peter Eberhard, Chef des Solothurner Gesundheitsamtes (l.).

Der Grenchner Stadtpräsident François Scheidegger (3. v.l.) im Juni 2021 beim Besuch von Bundesrat Alain Berset (2. v.l) im Impf-Drive-In im Feuerwehrmagazin Grenchen, zusammen mit der Solothurner Regierungsrätin und Frau Landammann Susanne Schaffner und Peter Eberhard, Chef des Solothurner Gesundheitsamtes (l.).

Keystone

Vor dem Eingang sorgt Feuerwehrkommandant Thomas Maritz zusammen mit seinem Vize Michael Stuber für Ordnung und weist Autos, die direkt vor dem Eingang parkieren wollen, weg. Mit Ausnahmen: Eine Frau bringt ihren Vater, 98-jährig, zum Impfen, sie darf natürlich bleiben – doch davon später.

Im Magazin ist alles so weit bereit. Um 14 Uhr, also eine Stunde vor dem eigentlichen Öffnungstermin, werden die ersten Leute eingelassen. Am Eingang misst ein Securitas-Mitarbeiter die Temperatur. Nach und nach füllt sich die Halle und die ersten Kundinnen und Kunden haben die Formulare ausgefüllt, sind kontrolliert und registriert, erhalten die erste Spritze. 700 Personen können heute geimpft werden, so viele Dosen des mRNA-Impfstoffs von Moderna hat der Kanton bereitgestellt.

Die Ersten füllen das Anmeldeformular aus.

Die Ersten füllen das Anmeldeformular aus.

Oliver Menge

Unter den Leuten, die draussen Schlange stehen, gibt es erstaunlich viele Ältere. Personen über 65, 70 Jahren, von denen man eigentlich hätte annehmen können, sie seien längst geimpft. Aber auch einige Junge und viele Leute im mittleren Alter.

Die Gründe «warum und weshalb erst jetzt» sind vielfältig

Eine 56-jährige Frau meint auf die Frage, weshalb sie sich erst jetzt impfen lasse: «Ich war nie im Ausland und war immer vorsichtig. Aber jetzt kommt der Druck der Umgebung, am Arbeitsplatz.» Man komme nicht mehr drum herum. Sie sei auf keinen Fall eine Impfgegnerin, aber die Zertifikatspflicht habe doch etwas ausgelöst.

Ein 58-Jähriger sagt: «Ich habe keinen Computer und habe mich bis jetzt nicht anmelden können. Als ich das Inserat im Stadtanzeiger sah, habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt.»

Neben ihm sitzt ein älterer Mann. «Ich bin jetzt 85 Jahre alt. Meine Frau ist schon lange geimpft, aber ich habe bis jetzt einfach nicht gewollt.» Er reagiere sehr heftig auf Chemie. Alle zehn Jahre benötige er eine Kopfschmerztablette und liege danach flach. «Ich reagiere auf alle Medikamente stark, darum nehme ich auch keine.»

Aber jetzt wolle er in die Ferien nach Leukerbad. Darum lasse er sich impfen. Seine Enttäuschung und sein Ärger waren gross, als er erfuhr, dass er jetzt noch kein Zertifikat kriegt, sondern erst nach der zweiten Impfung, deren Termin auch noch ausgerechnet in seine Ferien fällt. «Jetzt muss ich die Reise nach Leukerbad wohl verschieben, die lassen uns ohne Zertifikat ja nirgends rein.»

Die Schlange wird länger und länger...

Die Schlange wird länger und länger...

Oliver Menge

Ein junger Mann macht keinen Hehl aus seiner Motivation: «Ich mache das nur, weil ich wieder ins Fitnessstudio will.» Sagt's und lässt sich die Spritze verabreichen.

Im Ruhebereich nach der Impfung sitzt ein 68-jähriger Mann. Er habe sich richtiggehend überwinden müssen. «Ich war lange sehr skeptisch und habe diesen neuartigen Impfstoffen nicht getraut. Ich habe sehr viel Verschiedenes darüber gehört, und wem soll man denn glauben?» Aber jetzt müsse er sich impfen lassen, denn sonst könne er ja nirgends mehr hin. Er sei sehr aktiv in seinem Verein, das gehe jetzt nicht mehr ohne Impfung.

Innerhalb kurzer Zeit herrscht geschäftiger Hochbetrieb.

Innerhalb kurzer Zeit herrscht geschäftiger Hochbetrieb.

Oliver Menge

Die Spritze gibt's auch direkt im Auto

Vor dem Magazin steht ein grosser Wagen. Feuerwehrkommandant Thomas Maritz hat die Dame am Steuer hierhin dirigiert, sie bringt ihren Vater zur Impfung. Aber er sei etwas schlecht zu Fuss, ob es da eine Möglichkeit gebe? Maritz kann's organisieren. Der Arzt kommt rasch vorbei und klärt die Sache ab, danach wird dem 98-jährigen Herrn die Impfung direkt im Fahrzeug verabreicht.

Sein Hausarzt sei der Meinung gewesen, wenn er ja nirgends hingehe und fast immer nur zu Hause sei, brauche er sich nicht impfen zu lassen. Das war noch im Frühling. Aber als der Senior erfahren habe, dass er jetzt nicht mehr in seine Lieblingsbeiz dürfe ohne Covid-Zertifikat, habe er gesagt: «Jetzt sofort go impfe!»

Frau Landammann Susanne Schaffner stattet einen Besuch ab

Etwas später am Nachmittag besucht Frau Landammann Susanne Schaffner das Impfzentrum. Auf die Frage, weshalb man dieses Zentrum in Grenchen nur für einen einzigen Tag und nicht gleich ein paar Tage in Betrieb halten könne, sagt sie, das sei nun mal so geplant und könne nicht einfach so schnell geändert werden.

Das Impfzentrum in Selzach sei ja nicht weit entfernt und man verzeichne auch dort grossen Andrang. Mobile Impfteams seien auch in Berufsschulen gewesen, an mehreren Tagen. Die ersten zwei Tage sei gar nichts gelaufen, erst am dritten Tag hätten sich plötzlich alle impfen lassen wollen.

Frau Landammann Susanne Schaffner.

Frau Landammann Susanne Schaffner.

Hanspeter Bärtschi

Aber sie sei sehr froh darüber, dass das Interesse in Grenchen so gross sei und sich so viele impfen liessen.

«Die Leute kommen vielleicht gerade deshalb, weil es eine einmalige Sache ist und wir zu ihnen kommen, sie nicht zu uns kommen müssen.»

Ausserdem habe sie von den Impfteams erfahren, dass jetzt ganz andere Leute sich impfen lassen wollten als zu Beginn der Kampagne. Das wird auch bei einem Blick auf die lange Schlange vor dem Feuerwehrmagazin deutlich: Ein grosser Anteil der Wartenden sind Menschen mit Migrationshintergrund, denen die bisherigen Hürden bei der Anmeldung wohl zu hoch gewesen sind.

Aktuelle Nachrichten