Gewerbe-Serie
Grenchen bietet solides Bäckerhandwerk hoch drei

Die Grenchner Bäckereien haben ihre Claims abgesteckt und florieren allesamt. Sei es durch Erweiterung ihres Geschäftsbereiches, durch innovative und kreative Produkte oder durch gezielten Verzicht.

Daniela Deck
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Das tägliche frische Brot – Drei Bäckereien in Grenchen sind dafür besorgt.

Das tägliche frische Brot – Drei Bäckereien in Grenchen sind dafür besorgt.

Oliver Menge

Drei blühende Bäckereien sind in Grenchen tätig. Jede setzt eigene Schwerpunkte. Neben dem, was Gassler, Egli und das Back-Caffee tun, trägt das, was die drei Geschäfte aus Überzeugung nicht tun, ebenso zum Erfolg bei: Halbweissbrot verkaufen zum Beispiel oder eine Webseite unterhalten. Drei Perspektiven auf die Brot- und Schokoladenseite der Uhrenstadt.

Serie

Das Thema Gewerbe und Einkaufen im Grenchner Stadtzentrum ist ein Politikum. Ob der Diskussion über die leeren Schaufenster geht rasch vergessen, dass es noch etliche Fachgeschäfte gibt, die sich seit Jahren behaupten. Einige haben wir besucht und mit ihnen über ihre Erfolgsrezepte, aber auch die aktuellen Herausforderungen gesprochen. Fazit: Der Detailhandel in Grenchens Zentrum lebt, wie wir in unserer Serie zeigen können.

Den Auftakt machen wir heute mit den drei Grenchner Bäckereien Back Caffee, Egli Beck und Gassler. (at.)

Eines haben Philipp Egli, Peter Gassler und Jürg Jaeggi (Back-Caffee) gemeinsam: Grenchen ist ihnen seit der Kindheit vertraut. Würde man die gelernten Bäcker respektive Konditoren fragen, wonach die Stadt schmeckt, wäre «Heimat» die Antwort. Egli und Gassler sind hier aufgewachsen, zwischen den Backöfen ihrer Eltern, an der Bettlach- und Jurastrasse. Jaeggi stammt aus Leuzigen. «In meiner Jugend war Grenchen der Ort, wo man in den Ausgang ging.» Heute führt er hier den jüngsten und grössten der drei Betriebe.

Back-Caffee auf Expansionskurs

Als Jürg Jaeggi sich vor bald zehn Jahren selbstständig machen wollte, hatte er die Wahl zwischen einem grossen und verzweigten Betrieb im Emmental und der Bäckerei an der Archstrasse mit acht Angestellten. Er entschied sich für Grenchen und übernahm 2009 die Bäckerei Ambühl mit den Verkaufspunkten Arch- und Däderizstrasse.

Jürg Jaeggi in der Backstube des Back-Caffees an der Archstrasse.

Jürg Jaeggi in der Backstube des Back-Caffees an der Archstrasse.

Oliver Menge

Heute beschäftigt der Firmenchef 58 Angestellte (davon acht Lernende) auf rund 45 Vollzeitstellen. Beim Verkauf legt er Wert auf gute Französischkenntnisse. Bis Ende Jahr dürften es fünf Angestellte mehr sein, weil Anfang November zum Café an der Bahnhofstrasse in Biel (eröffnet diesen Mai in einem ehemaligen Schuhgeschäft) ein zweites Café an der Marktgasse hinzukommen wird. Beide Bieler Standorte setzen auf Kaffee und Torte. Zuvor hatte Jaeggi 2011 das Badirestaurant übernommen und 2012 das Café Stadthus.
«Ich habe das grosse Glück, dass meine Frau Branchenspezialistin und mit mir im Geschäft ist», sagt Jaeggi. «Als ich herkam, verkauften wir 20 Prozent (fremde) Markenware. Heute ist der Anteil von dem, was nicht von Grund auf im Haus produziert wird, auf unter ein Prozent gesunken.» Er kommt – anders als seine beiden Berufskollegen, die gelernte Bäcker sind – als Konditor-Confiseur von der süssen Seite der Branche her. Ein Wunsch, den er sich trotz der starken Expansion bisher nicht habe erfüllen können, sei die Glaceproduktion. Dafür fehle an der Archstrasse der Platz.

Beim Sortiment setzt das Back-Caffee Schwerpunkte. So setzt Jaeggi beim Brot und Gebäck auf Spezialitäten, die er teilweise hat schützen lassen. Hingegen findet man kein herkömmliches Halbweiss- und Ruchbrot bei ihm. Zugunsten der Industrie habe Jaeggi einen Service für Mittagsverpflegung aufgebaut, wie er sagt. Eine weitere Nische sei die Tortenproduktion mit individueller Dekoration. Interessant sind auch die Öffnungszeiten: 364 Tage im Jahr morgens ab 5 Uhr. Damit lassen sich Schichtende und -anfang abdecken, wobei Ärzte, Taxichauffeure und Arbeiter einander die Klinke in die Hand gäben. Die 25 Parkplätze an der Archstrasse seien inzwischen viel zu wenig. Geschlossen ist der Betrieb an der Archstrasse ausschliesslich am 25. Dezember.

«Ich verstehe mich gut mit meinen Berufskollegen vor Ort. Sie sind für mich keine Konkurrenten. In diese Kategorie fallen höchstens die Tankstellenshops mit ihrer industriellen Aufbackware», sagt Jürg Jaeggi.

Gassler Beck: Passion für neue Kreationen

«Ich bin in den Betrieb hineingewachsen und war schon als Kind oft in der Backstube», sagt Peter Gassler. Sein Vater hat das Geschäft 1956 an der Jurastrasse begonnen. Übernommen hat es Peter Gassler 1989 nach umfangreichen Lehr- und Wanderjahren in der Schweiz und für einige Wochen in England. Bei der Übernahme führte er bereits das Eldorado am Postplatz, das zweite Standbein des Geschäfts.

Peter Gassler beim Teig auskneten in der Produktionsstätte an der Niklaus Wengi-Strasse.

Peter Gassler beim Teig auskneten in der Produktionsstätte an der Niklaus Wengi-Strasse.

Oliver Menge

Die grössten Veränderungen und Investitionen der letzten drei Jahrzehnte war die Renovation des Eldorado (Laden und Café) und der platzbedingte Umzug der Produktion vom Jurahof in den Süden der Stadt. 2012 hat Gassler das Gebäude an der Niklaus Wengi-Strasse von einer türkischen Industriebäckerei gekauft. «Jetzt stimmt der Rückraum bei uns wieder, und wir können wachsen», sagt der Patron. Sein Sohn Olivier arbeite an der Fachschule Richemont in Luzern wo er sich auf die Berufsprüfung und die Höhere Fachprüfung vorbereitet. An eine mögliche Geschäftsübergabe denkt indessen noch lange niemand. 28 Personen arbeiten beim Gassler Beck, Vollzeit bzw. mit Pensen von 50 Prozent aufwärts. Zur Belegschaft gehören drei bis vier Lernende.

Wirtschaftlich musste der Betrieb aufgrund des Kreiselneubaus und der sechsmonatigen Sperrung der Jurastrasse massive Umsatzeinbussen verdauen. «Die Leute wollen mit dem Auto praktisch in den Laden fahren. Sie planen nicht mehr, sondern entscheiden spontan aus dem Bauch heraus», weiss Gassler aus Erfahrung (siehe Text unten).

Nicht, dass Gassler das Gefühl hätte, Grenchen sei mit Bäckereien unterversorgt. «Wir drei haben unsere Spezialisierung und ergänzen einander. Allerdings hat es in Grenchen einmal 14 Bäckereien gegeben.» Die Nische von Gassler Beck ist die Lieferung an grosse Player wie Altersheime, das BBZ, die ETA Gastronomie und das Bachtelen. Seine Passion: Neue Brotsorten kreieren.

Egli Beck: Besseres Personal dank Sonntagsruhe

Philipp Egli hat mit seiner Frau Regula den Betrieb an der Bettlachstrasse 2010 von seinen Eltern übernommen. Heute sind es 20 Angestellte (ca. 14 Vollzeitstellen). Heuer, zum 40. Geburtstag des Geschäfts, feiert es in Sachen «Ausbildung» eine Premiere: Im August wird die erste Lehrtochter im Verkauf anfangen. «Die Filialleiterin hat den Ausbildnerkurs bereits vor drei Jahren absolviert. Erst jetzt haben wir die passende Lernende gefunden», erklärt Egli. «Generell ist bei der Arbeit in unserer Branche die Motivation das A und O. Bei der Nachtarbeit in der Produktion (ab 2 Uhr, für Lernende unter 18-jährig ab 4 resp. 3 Uhr) muss man ein Stück Privatleben, vor allem Sozialleben, investieren. Da kann ich nur Leute brauchen, die voll bei der Sache sind und dabei schnell und genau arbeiten.» Ein Vorteil der Branche seien Karrierechancen. Bereits in jungem Alter ist für einen tüchtigen Bäcker-Konditor die Position des Produktionsleiters erreichbar. Im Verkauf sieht es ähnlich aus: «Unsere Filialleiterin am Südbahnhof ist noch keine 30 Jahre alt.»

Philipp Egli in seinem Verkaufsladen an der Bettlachstrasse.

Philipp Egli in seinem Verkaufsladen an der Bettlachstrasse.

Oliver Menge

Dafür, dass Familie und Freunde dennoch auf ihre Kosten kommen, sorgt Egli mit der sonntäglichen Betriebsschliessung. «Indem ich am Sonntag geschlossen habe, bekomme ich die besseren Leute, im Verkauf, wie auch in der Produktion», ist der Chef überzeugt. In einem weiteren Punkt geht Egli einen unkonventionellen Weg: Er verzichtet auf eine Firmenwebseite. Lediglich die Öffnungszeiten sind im Telefonbuch online hinterlegt. «Möglicherweise bin ich in der Sparte ‹B to C’ (Business zu Endkunde) landesweit das grösste Unternehmen ohne Webseite», sagt er schmunzelnd. Seine Begründung: «Ich mag keine halbbatzigen Sachen; eine Webseite muss man pflegen.»

Den Angestellten der grossen Firmen ist Egli-Beck durch den «Znüni-Chehr» ein Begriff. Von 7 bis 10 Uhr morgens besucht ein Firmenauto 20 Betriebe. 2015 hat er mit dem Café am Südbahnhof ein zweites Standbein aufgebaut und gleichzeitig eine Facebookseite eingerichtet. «Ich wollte immer ein Café betreiben, und damit das Snacksortiment ausbauen», sagt er dazu. «Die Strategie ist aufgegangen.»

Ideen zur Belebung des Stadtzentrums sind vorhanden

Das hat weh getan, als der Swisscom-Shop am Postplatz die Türen schloss.» Jürg Jaeggi denkt nicht daran, die Öde im Stadtzentrum mit einem Achselzucken abzutun, obwohl er von den drei KMU davon am wenigsten betroffen ist. «Was mir im Stadtzentrum fehlt, ist ein Ort mit Treffpunkt-Charakter. Anfangen könnte man vielleicht mit einem Angebot für Kinder, um das Eis zu brechen», denkt er laut. Anders als die Erwachsenen, die dazu tendierten, sich in der eigenen Subkultur bequem einzurichten, knüpften Kinder Beziehungen über Nationalitäts- und Sprachbarrieren hinweg. Abgesehen davon findet Jaeggi, das Gewerbe dürfe ruhig vor der eigenen Tür wischen: «Ich habe das Gefühl wir Gewerbler müssen uns mehr bewegen und zeigen, was uns die Stadtmitte bedeutet.» Den Vorstoss für 15 Minuten Gratisparking im Zentrum mittels App-Registrierung hält er für einen «Tropfen auf den heissen Stein».

Peter Gassler, der nach eigenen Angaben den Gratisparking-Vorschlag im Gewerbeverband lanciert hat, hofft, dass damit ein erster Schritt zur Wiederbelebung des Zentrums getan wird. «Damit uns die Sache nützt, müsste die Parkzeit mindestens eine halbe Stunde sein. Sensationell wäre eine Stunde – natürlich mit Kontrolle, um Dauerparkierer den Riegel zu schieben. Ich wehre mich dagegen, dass im Coop-Parkhaus eine Stunde gratis parkiert werden kann, während die Parkplätze bei uns vor dem Haus bezahlt werden müssen. Denn die Erfahrung zeigt, dass die Coop-Parkierer das Gebäude zum Einkauf von Nahrungsmitteln nicht verlassen», sagt er. «Der Samstag, einst der umsatzstärkste Tag der Branche, ist für uns zum Schreckenstag geworden. Die Leute fahren dann einfach nicht mehr ins Zentrum.»

Auch Philipp Egli macht sich Gedanken zum Stadtzentrum. Wenn es nach ihm ginge, würde er hier alle gewerblichen und kulturellen Angebote auf engem Raum zusammenziehen. «Warum nicht die Minigolfanlage ins Zentrum verlegen? Oder ein Mini Pump Track nur für Kinder mitten in der Stadt?», meint er visionär. «Stattdessen verzettelt die Politik respektive das Zonenreglement das Angebot immer mehr. Was sollen die Gewerbeflächen am Girardplatz und jetzt dann noch im Parterre der neuen Mehrfamilienhäuser an der Kirchstrasse? Haben wir etwa zu wenig Gewerbeflächen?», fragt er provokativ. Ein weiterer Faktor, der ihn stört: «Grenchen bewirbt sich als Technologiestadt im Grünen. Dabei ist die Innenstadt eine einzige Betonwüste. Im Sommer gibt es vor allem auf dem Märetplatz kaum Schatten. Wer einmal bei schönem Wetter den ‹Rock am Märetplatz’ besucht hat, der wurde dort praktisch gekocht.» (dd)

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