Gleichberechtigung
Fehlt der Leidensdruck?

Vier Frauen diskutieren über die Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Marlene Sedlacek
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Zur Stellung der Frau in der Gesellschaft diskutierten (v.l.): Maria Lo Giudice, Christine Glauser, Iris Minder, Sandra Sieber und Andrea Heiri.

Zur Stellung der Frau in der Gesellschaft diskutierten (v.l.): Maria Lo Giudice, Christine Glauser, Iris Minder, Sandra Sieber und Andrea Heiri.

Grenchner Tagblatt

Die Hausfrau kocht, wäscht, putzt und sorgt für die Kinder. Wenn sie sich aus diesem Korsett befreien, und einer Arbeit ausserhalb des Hauses nachgehen will, muss ihr Ehemann seinen Segen dazugeben. So will es die göttliche Ordnung.

Dazumal, anfangs Siebzigerjahre, hatte die Frau dem Mann zu gehorchen. Sie hatte kein Mitspracherecht, nicht in der Familie, geschweige denn in der Politik. Wagte sie es, gegen die gesellschaftlichen Normen aufzubegehren, plagte sie das schlechte Gewissen.

Der Film «Die Göttliche Ordnung» diente als Ausgangspunkt für das Podiumsgespräch des Vereins «Frisskultur» im Kino Rex. Vier Frauen diskutierten unter der Leitung von Sandra Sieber, Mitbegründerin des Vereins, über die Frauen in der Schweizer Gesellschaft gestern und heute.

Noch voll im Banne des eindrücklichen Films über den Kampf mutiger Frauen um Gleichberechtigung und die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz
im Jahre 1971, fragten sich die Podiumsteilnehmerinnen, wo heute dieser Kampfgeist geblieben sei.

Die Berufsschullehrerin Christine Glauser zeigte sich beeindruckt von der enormen Energie die freigesetzt werden kann, wenn man hartnäckig für eine Sache kämpft. «Dieser Revolutionsgeist ist heute leider nicht mehr vorhanden», bedauerte sie.

«Wir sind bequem geworden»

«Wir sind zu bequem geworden», stellte auch Iris Minder, Autorin und Regisseurin fest. Christine Glauser bestätigte den Verdacht eines Besuchers, dass sich unter den jungen Leuten vermehrt ein gewisser Neokonservatismus breit macht. «Meine Schülerinnen sind konservativ, es fehlt ihnen der Leidensdruck, dass sie kämpfen müssten», vermutete sie.

Noch immer dächten viele jungen Frauen nur daran, sich nach der Ausbildung hauptberuflich ihrer Familie zu widmen. In ihrem Umfeld spürt Andrea Heiri, Medizinstudentin, davon wenig. Es sei wohl auch eine Frage des Bildungsniveaus, welche Rolle eine Frau in der Gesellschaft einnehmen will, meinte sie.

Akzeptanz nimmt zu

Maria Lo Giudice, selbstständige Steuerberaterin, Politikerin, Familienfrau und Mutter, bestätigte, dass Beruf, Familie und Politik nicht einfach unter einen Hut zu bringen seien. «Es braucht dazu eine starke Familie, die einem den Rücken frei hält», sagte sie.

Christine Glauser ärgerte sich, dass sie sich als Alleinerziehende vor der Gesellschaft für ihr gewähltes Lebensmodell immer rechtfertigen muss. «Selbstbewusstsein ist das ‹A und O›, wenn man als Frau und Mutter Karriere machen will», betonte sie. Ein schlechtes Gewissen sei fehl am Platz.

Die Gesprächsrunde war sich einig, dass die Akzeptanz für unterschiedliche Familienmodelle heute grösser ist als früher. Auch die sozialen Rahmenbedingungen böten mehr Möglichkeiten. Es gelte jedoch nun, diese zu festigen und weiter voranzutreiben.

Plattform für Kulturschaffende

Die Podiumsdiskussion im Kino Rex war der erste Anlass des neu gegründeten Vereins «Frisskultur», den er mit Unterstützung der FDP Grenchen durchgeführt hat. Der junge Verein möchte eine Plattform für Kulturschaffende bieten, auf der diese sich aktiv an der gesellschaftlichen Entwicklung beteiligen können.

Bewusst wolle sich der Verein in Spannungsfelder zwischen verschiedenen Interessen und Anspruchshaltungen der Generationen und Wertehaltungen begeben, ist im Leitbild zu lesen. Sandra Sieber will drei bis vier solche Anlässe im Jahr durchführen. Sie wünscht sich auch, dass Kulturschaffende selber mit Themen, die ihnen am Herzen liegen, auf sie zukommen.

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