Grenchen

Ex-Stadtplaner: «Man sollte zuerst einmal die Autobahnen überbauen»

Der ehemalige Grenchner Stadtplaner Werner Brüesch fordert mehr bauliche Verdichtung. Durch den Bau von Hochhäusern könnte der begrenzte Platz in der Schweiz optimal genutzt werden, erklärt Brüesch – und zeichnet die Baupläne dafür gleich selbst.

Er ist jetzt 82 und hört nicht mehr so gut. Doch die Ideen, wie eine ideale Stadt auszusehen hätte, sind ihm noch keineswegs ausgegangen. Und er hat eine Botschaft, die heute aktueller ist denn je. «Wir müssen endlich aufhören, den Bauern ihr wertvolles Landwirtschaftsland zu überbauen, wir müssen die Ausnützungsziffer erhöhen und wieder in die Höhe bauen», fordert der ehemalige Stadtplaner von Grenchen. Was gewisse Politiker gerade neu entdecken, predigt Werner Brüesch schon seit Jahrzehnten.

Mit etwas Wehmut schaut Brüesch auf die 60er und 70er Jahre zurück. «Da hatte man in Grenchen noch Mut zum grossen Wurf». Die Stadt habe zu den ersten in der Schweiz gehört, welche Hochhäuser gebaut haben. Doch heute wage das praktisch niemand mehr, weil die Bauten nach wie vor umstritten sind. Zu unrecht, wie Brüesch meint.

Skizzen zuhauf

Das Hochhaus und die Grossüberbauung haben es Brüesch angetan. Dutzende von Entwürfen und Skizzen von kühnen Bauten hat er schon gemacht. Allen voran anfangs der 1970er-Jahre die giganteske Delta-City, eine Vision von Ittigen bei Bern, 1400 Meter lang, mit unterirdischen Strassen und Garagen, Fussgängerzonen, Läden, Wohnungen, Freizeitanlagen und einem integrierten Recyclingkonzept. Sie sieht wie ein gigantisches Kreuzfahrtsschiff Mitten in der Landschaft aus. Eine Landschaft allerdings, die Landschaft bleibt und nicht zersiedelt wird wie heute.

Auch Wolkenkratzer und Terrassensiedlungen jeglicher Höhe und Form hat er entworfen, sowie futuristisch aussehende überbaute Autobahnkreuze. «Die ganzen Autobahnen sollte man heute zuerst einmal überbauen, bevor man weiteres Land verschleisst», ist Brüesch überzeugt.

Seine Entwürfe sind Utopien, sie haben aber eine klare Kernbotschaft. Die Optimierung der Raumausnutzung. «Diese Botschaft gilt auch für Grenchen», betont Brüesch, der hier von 1973 bis 1995 als Stadtplaner tätig war. Eine interessante Tätigkeit, wie sich Brüesch erinnert: Wohn- und Verkehrsflächen festlegen, Schulraum und Sportflächen planen, Zonenpläne entwerfen und geeignete Standorte finden, um so richtig in die Höhe zu bauen.

Grenchen mit 9 Hochhäusern

Für Grenchen konnte sich Brüesch bis zu 9 Hochhäuser vorstellen: Beim Südbahnhof, im Bereich Bachstrasse/Storchengasse (hinter dem Hotel de ville), im Dreieck Lingeriz/Friedhofstrasse, an der Ecke Quartierstrasse/Centralstrasse, im Eichholz, beim Nordbahnhof neben dem Forumgebäude, am Grenzweg, knapp auf Bettlacher Boden und an der Abzweigung Archstrasse/Staadstrasse. «Und wenn es mit der Bevölkerung wirklich aufwärts geht, könnte man den Eichholzhügel in der Art der Delta-Stadt überbauen.»

Eine Zonenplanrevision steht heute in Grenchen wieder an. Brüesch fordert unverfroren: «Flächen für ein- und zweistöckige Bauten sollte man gleich auszonen.» Die Zeit der Einfamilienhäuser sei nun wirklich abgelaufen.

«Inkonsequente Politik»

Dass hingegen am Monbijou-Kreisel seit Jahrzehnten wieder ein neues Hochhaus geplant ist, freut ihn. Weniger, dass sich Politiker und Anwohner gegen die verdichtete Überbauung Sunnepark wehren. «Wenn die Politik einerseits hochwertigen Wohnraum fordert und dann Gebäude verhindert, die in den obersten Stockwerken Weitblick bieten über andere Gebäude hinweg, dann ist das inkonsequent.»

Denn Hochhäuser bieten für ihn den Vorteil, dass man in den unteren Stockwerken günstige Wohnungen unterbringen kann, in den oberen teurere und zuoberst sogar ein Luxus-Penthouse. «So kommen alle Schichten zum Zug», für eine Durchmischung der Bevölkerung werde automatisch gesorgt.

Werner Brüesch ist im Kanton Graubünden aufgewachsen und hat an der ETH Architektur studiert. Er hat in Baden (AG) die verkehrsfreie Altstadt geplant, hat selbständig und als angestellter Architekt gearbeitet - beispielsweise in Lugano. «Dort war ich aber nur kurz, denn wir haben dort Villen für Bonzen entworfen und das gefiel mir gar nicht», sagt er lachend.

Ideen fliessen weiter

In Grenchen hat er unter dem damaligen Stadtbaumeister Singer gearbeitet, mit dem er sich aber nicht sonderlich gut verstand. Seine Ideen waren seinem Chef vielleicht buchstäblich zu hoch-trabend. Nach der Pensionierung hatte Brüesch wieder Zeit, seine eigenen Entwürfe voranzutreiben, ohne dass allerdings je etwas gebaut wurde. Seine Ideen waren für die Schweiz schlichtweg zu gigantesk und nicht finanzierbar, für Grenchen erst recht nicht.

Mit lokalen Architekten wie Theddi Schild, Erbauer der postmodernen Siedlung Freimatt, oder Mühlemann+Partner habe er immer wieder Ideenaustausch gepflegt, auch mit Centro-Architekt Hans Dietziker. Für die Bieler Expo 02 hat er ein Hochhaus mit Glasfassaden, Sonnenkollektoren und Windrädern an der Spitze entworfen, für den Grenchner Girardplatz 2007 ein Pendant. Für den Wettbewerb «mi Märetplatz» dieser Zeitung hat er ein zweites «Stadtdach» in Form eines farbigen Zeltdaches gezeichnet. «Ich kann es nicht lassen, ich habe ja jetzt genug Zeit», lacht Brüesch und verstaut die angegilbten, meterlangen Pläne der Delta-Stadt wieder in den Kartonrollen. «Alles von Hand gezeichnet», bestätigt er. CAD gabs damals noch nicht.

Ein Hochhaus-Konzept hat die Stadt inzwischen. Einziger Standort, wo inzwischen etwas angedacht ist, ist das erwähnte Monbijou. Andernorts wie in der Freimatt (dort sind inzwischen konventionelle Mehrfamilienhäuser in Bau) und an der Wiesenstrasse wurden Hochhäuser zwar geprüft, aber von der Politik oder der Bauherrschaft wieder verworfen. «Schade», findet Werner Brüesch.

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