Amtsgericht Solothurn-Lebern

Erpressung, Entführung, Drogen: Viereinhalb Jahre Knast für Grenchner Ganoven

Marihuana-Blüte (Symbolbild)

Die Cannabisdelikte waren nur ein kleiner Teil des Sündenkatalogs. (Symbolbild)

Marihuana-Blüte (Symbolbild)

Zwei Angeklagte und ein Sumpf aus Angst und Kriminalität vor dem Amtsgericht Solothurn Lebern.

Ein veritabler krimineller Sumpf in Grenchen kam im Amtsgericht Solothurn-Lebern diese Woche ans Licht. Ein lokaler Drogenbaron wurde zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, was ihn sein Aufenthaltsrecht in der Schweiz kosten dürfte. Sichtbar wurden Mechanismen im kriminellen Milieu, wo man sein «Recht» illegal einfordert. Wo alle Beteiligten Angst haben, sich oder andere zu belasten. Dem Angeklagten und seinem Komplizen wurden 16 Delikte vorgeworfen. Im Vordergrund stand eine Entführung.

Entführt wegen Drogenschulden

Ein heute 33-jähriger Serbe mit Niederlassungsbewilligung C aus Lengnau und ein nun 30-jähriger Schweizer aus Grenchen wurden beschuldigt, am 9. April 2013 abends einen heute
25-Jährigen tamilischer Herkunft in Grenchen im Auto entführt zu haben, weil das Opfer eine Lieferung eines Drittbeteiligten von einem Kilogramm Marihuana nicht bezahlt habe (15 000 Franken). Dabei habe der Serbe das Opfer am Nacken gepackt und dessen Kopf aufs Fahrzeugdach geschlagen. Er habe ein Messer aus seiner Wohnung geholt und ihm gedroht, einen Finger abzuschneiden. Auch sein Handy und Portemonnaie soll er entwendet haben. Als der Tamile flüchten konnte, holte der Serbe ihn ein und brachte ihn zu Fall. Der Schweizer Angeklagte stieg erst später beim Nordbahnhof dem Auto zu, nachdem das Opfer vorgeschlagen hatte, bei seiner Mutter das Geld zu beschaffen. Der Serbe habe dem Tamilen vorgegaukelt, sein Komplize werde ihm bei einer Flucht ins Bein schiessen. Der Tamile gelangte dann in die Elternwohnung, wo seine Mutter ohne zu zahlen die Türe verriegeln konnte.

Da sie auf das Einschalten der Polizei pochte, kamen weitere Delikte zum Vorschein. So betrieb der Serbe Hanf-Indoor-Anlagen mit insgesamt 100 Pflanzen, unter anderem in seiner Garage. Man fand im Auto einen Schlagring, was unerlaubtem Besitz und Mitführen einer Waffe entspricht. Als die Polizei mehr als ein Jahr später das bisher unauffindbare Messer in der Wohnung des Serben suchte, entdeckte sie, dass dieser dort einem aus der U-Haft Geflüchteten Unterschlupf gewährte.

Schliesslich erhob die Schweizer Ex-Partnerin zahlreiche Vorwürfe an den Serben. 20-mal habe er sie in der Wohnung eingeschlossen, sie mehrmals geschlagen, gewürgt, bedroht, bespuckt und beschimpft, ihr das Handy weggenommen. Er habe sie genötigt, den Kontakt mit ihrer Freundin abzubrechen. Zu all diesen Vorwürfen gesellten sich noch einige Geschäfte mit Marihuana. Der Schweizer Angeklagte wurde des Handels mit geringen Mengen Cannabis beschuldigt. Zudem habe er dem Serben beim Cannabis-Anbau geholfen.

Hüben wie drüben wird gelogen

Die Befragungen vor und während der Verhandlung waren schwierig. «Gelogen wurde hüben wie drüben», fasste Staatsanwalt Raphael Stüdi es zusammen. Die inkonsistenten Antworten der Ex-Partnerin erklärte ihre Anwältin, Clivia Wullimann: «In jeder Pore spürt man Angst.» Erstmals am Prozess bestätigte sie die Existenz des vorher nie gefundenen Messers: «Das lag im offenen Küchenschrank.» Wullimann und Stüdi führten ins Feld, der Hauptangeklagte sei schon wegen Gewalt an einer früheren Partnerin verurteilt.

Die beiden Angeklagten gaben die Drogendelikte zu. Doch der Serbe meinte, die Ernte sei insgesamt nicht hoch ausgefallen. Auch den Besitz des in Rimini gekauften Schlagrings bestätigte er. Er verharmloste: «Den können Sie aber auch an der Braderie in Biel kaufen.» Die Entführung stritten die Angeklagten aber ab. Der Serbe, ein stattlicher Kickboxer, versuchte, es so hinzustellen, dass der Tamile aus freien Stücken mitkam.

Der Verteidiger des Schweizers, Rolf Rätz, argumentierte, dass sein Mandant von keinem Tatplan wusste. Er meinte: «Vielleicht hat er gar deeskalierend gewirkt, indem er beschwichtigend sprach.» Sein Mandant sei nun auf gutem Wege. «Er hat sein Leben völlig verändert.» Er hat begonnen, seine Tätowierungen zu entfernen, hat die Wohnung gewechselt, um aus dem kriminellen Milieu herauszukommen. Der IV-Bezüger arbeitet bei einer sozialen Institution zu 80 Prozent als Hauswart, wofür er 400 Franken erhält. Er besucht Therapien.

Nur Worte, keine Taten

Fast alles bezüglich seiner Ex-Freundin bestritt der Serbe und wiegelte ab. Das seien nur Worte und keine Taten. Es gehe ihm um Kontakt mit seiner 2012 geborenen gemeinsamen Tochter. Er würde ihr und seiner Ex-Freundin nie etwas antun. «Alles läuft darauf hinaus, mich schlecht zu machen.» Er klagte, dass ihm das Besuchsrecht nicht zugestanden werde. Mit seinem Sohn aus einer früheren Beziehung klappe es hingegen gut.

Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger wies darauf hin, dass er noch nie Alimente für seine Kinder bezahlt habe. «Sein Geld verbraucht er für seine Spielsucht und für Autos. Er ist egoistisch.» Seit der Untersuchungshaft ist er seinen Job als Lagerist los, wegen Schulteroperationen erhält er von der Suva monatlich 3300 Franken. Er wirkte selbstbewusst und nicht reumütig. «Das war halt so, ich kann es nicht ändern», meinte er zu seinen Taten. An der Verhandlung wurde klar, dass der Serbe ein Schwergewicht im Milieu sein muss. «Ganz Grenchen wäre auf mich losgegangen, wäre ich geflüchtet», sagte der Tamile, «ich habe Angst vor dem ganzen Kanton.» Und Clivia Wullimann sagte: «Er hat Grenchen auf eine Art in der Hand.»

Der Serbe wurde schuldig gesprochen. Er habe versucht, das Opfer zu erpressen und sich unrechtmässig zu bereichern, unter anderem indem er das Opfer aggressiv auch mit Gewalt entführt und bedroht hat. Dafür sowie für seine Cannabisdelikte, die Vergehen gegen seine Ex-Partnerin und für die Begünstigung des entflohenen Häftlings erhält er insgesamt viereinhalb Jahre Gefängnis. Sein Komplize wird nur schuldig gesprochen für versuchte Nötigung und seine leichteren Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Er erhält bloss eine bedingte Geldstrafe.

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