Uhren
Die Grenchner Uhrenmarke Fortis entwickelt neue Kräfte

In «Fortis»-Liegenschaft an der Lindenstrasse hat sich in den letzten Wochen einiges getan. Das historische Atelier, wo 1926 die erste Automatikuhr der Welt produziert wurde, erstrahlt im neuen Glanz.

Andreas Toggweiler
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Grenchner Uhrenfirma Fortis eröffnete neues Atelier
13 Bilder
Hier werden die legendären Fortis-Uhren zusammengabaut
Uhrmacher an der Arbeit
Geschichtsträchtiger Ort: Hier wurde 1926 die erste Automatikuhr der Welt gebaut
Das moderne Atelier mit Überdrucklüftung
.. ist gleichzeitig auch Showroom.
Blick aufs Etabli des Uhrmachers
Auf dem Estrich schlummern Trouvaillen aus der über 100-jährigen Geschichte
darunter viele historische Uhren
und Fotos aus der Firmengeschichte
Schon 12 Jahre vor der Swatch kam Fortis mit einer Plastikuhr
Fliegerei und Raumfahrt gehören zur Fortis-Geschichte

Grenchner Uhrenfirma Fortis eröffnete neues Atelier

Tom Ulrich/Fotomtina

Fortis kommt vom Lateinischen und heisst kraftvoll. Dem kleinen, aber traditionsreichen Grenchner Uhrenhersteller ist die Kraft vor zwei Jahren fast ausgegangen. Seit der Übernahme der Firma durch den Unternehmer Jupp Philipp hat sich in der Fabrik beim Nordbahnhof aber einiges getan. Auch wenn die Coronakrise tiefe Spuren hinterlässt, wird die Zeit des Stillstands genutzt, um dannzumal noch besser aus den Startlöchern zu kommen.

Diesen Eindruck gewinnt man im Gespräch mit dem Besitzer, einem deutschlandstämmigen Wahlschweizer, der mit seiner Familie im Appenzellerland lebt und wie viele derzeit viel im Home Office arbeitet. Er hat Ideen, holt die Fachleute dazu und arbeitet selber fleissig an der Umsetzung mit.

Investitionen in Marketing und in Produktion

In den letzten Monaten wurde das nötige Personal angestellt, welche die Traditionsmarke wieder auf Kurs bringen soll. Mit Auftritten auf Portalen wie Instagram und Youtube soll ein neues Publikum angesprochen werden. «Hangar-Talk» heisst beispielsweise eine auf dem Flughafen Grenchen produzierte Video-Reihe, in welche Piloten zu Wort kommen - nicht mit Marketing-Gedöns, sondern mit der Erläuterung von aktuellen Begebenheiten und Erlebnissen im Pilotenalltag. Denn die Fliegeruhren sind ein wichtiges Produktsegment von Fortis, wenn nicht das Wichtigste.

«Auch Sportlern wie dem Solothurner Extremschwimmer Romano Mombelli oder Bobfahrer Michael Kuonen geben wir eine Plattform», erklärt Jupp Philipp. Für internationalen Glamour ist mit Per Wimmer gesorgt, dem privaten Astronauten und voraussichtlich ersten Virgin Galactic Passagier.

Den Uhrmachern über die Schulter blicken

Philipp lässt keinen Zweifel, dass er den schlummernden genius loci der Grenchner Uhrenmanufaktur wieder anfachen will. «Hier in diesem Raum wurde 1926 die erste automatische Armbanduhr der Welt produziert», ruft er in Erinnerung. In der Tat ist damit das Uhrenatelier im Hochparterre der Lindenstrasse 45 ein geschichtsträchtiger Ort. Im neuen Jahrtausend ist die hochqualitative automatische Armbanduhr zudem erneut zum unbestrittenen Flaggschiff der Schweizer Uhrenindustrie geworden. Naheliegend deshalb, dass Philipp diesen historischen Ort aufwendig zurechtgemacht hat. Im März hätte die feierliche Eröffnung des neu renovierten Ateliers stattfinden sollen. Im modernen Showroom für die aktuellen Kollektionen wird man künftig den Uhrmacherinnen und Uhrmachern über die Schultern blicken können – beispielsweise auf einer thematischen Stadtführung von Grenchen Tourismus.

Estima-Chef wechselt zu Fortis

Corona machte bekanntlich vorerst einen Strich durch diese Planung. «Weil alle Geschäfte geschlossen sind, verkauft Fortis zurzeit Uhren nur online», erklärt Philipp und wirkt dabei erstaunlich gelassen. Umso mehr benutze man die Gelegenheit, um bereit zu sein, wenn es wieder losgeht. «Entlassen wird deshalb bei uns keiner», versichert er. Im Gegenteil: soeben ist ihm ein personeller Coup gelungen mit der Einstellung des ehemaligen Estima-Chefs Marcel Giger als Betriebsleiter. Ein Grenchner mit 30 Jahren Branchenerfahrung wird Fortis somit ab 1. Mai operativ führen.

Corona-Probleme gabs hingegen bei der Einstellung einer Mitarbeiterin aus Deutschland, die als Sales Assistant in die Schweiz ziehen möchte. «Sie sitzt zurzeit mit gekündigter Stellung und Wohnung in Stuttgart fest. Dass sie jetzt nicht nach Solothurn ziehen kann, ist klar. Aber dass die Behörden ihr nicht einmal eine AHV-Nummer zuteilen können, damit sie zumindest mal im Home Office beginnen könnte, verstehe ich nicht.»

Weitere Renovationen am Gebäude geplant

Rund 25 Personen (inkl. Aussendienst) stehen inzwischen wieder auf der Fortis-Payroll. Sie arbeiten einerseits an neuen Kollektionen – die nächste wird im Herbst vorgestellt – anderseits an der Reorganisations des Workflows. «In Sachen Optimierung der Arbeitsabläufe ist noch einiges möglich», erklärt Philipp. Dafür sind auch weitere bauliche Veränderung am Gebäudeinnern geplant. «Wir arbeiten uns da vom Erdgeschoss Stockwerk für Stockwerk nach oben», meint Philipp lachend.
Schon mal entrümpelt wurde der Estrich. Mit den zahlreichen Funden (z. B. Apparate für Dichtigkeitsprüfung, Werbematerial, Fotos und viele Uhren) aus der Firmengeschichte wurde eine Ausstellung zusammengestellt, die sich sehen lassen kann und die später auch für Besucher zugänglich sein wird.

Philipp ist sich bewusst, dass die Branche erneut im Umbruch steht. Ein Fanal ist der überraschend schnelle Niedergang der Messe Baselworld. «Eigentlich hätten wird da gerne wieder mitgemacht», erklärt Philipp. Erste Kontakte schienen verheissungsvoll, doch danach habe man nichts mehr von der Baselworld gehört. Jetzt, da auch Rolex und Co. weg sind, dürfte der Ofen für die Basler Messe aus sein, schätzt der Uhrenunternehmer.

Ganz im Gegensatz zur neu lancierten Genfer Messe, für die er sich jetzt auch beworben habe. Wäre noch das heikle Thema Uhrwerklieferung. «Mit dem Weko Entscheid wurde unsere Partnerschaft mit ETA beendet», hält Philipp fest. Doch man habe Alternativen gefunden. Auch werde man im Herbst eine erste Manufaktur-Uhr lancieren.

Kein Thema ist offenbar eine Zusammenarbeit mit Eterna. Der Hersteller vis à vis der Bahnlinie hätte passende Kaliber im Sortiment. Doch habe man sich preislich nicht einigen können , meint Philipp.