Grenchen

Die Bagger können auffahren: Keine Einsprachen gegen den Abriss der Villa Girard

Die Girard-Villa an der Solothurnstrasse 41 kann jetzt abgebrochen werden.

Die verlassene Villa Girard im Grenchner Stadtzentrum dürfte demnächst abgerissen werden. Gegen die Abbruchbewilligung gab es keine Einsprachen.

Seit einiger Zeit steht die alte Villa an der Ecke Solothurnstrasse/Kapellstrasse leer. Das Gebäude, welches lange noch vom Besitzer bewohnt worden war, wurde im Frühling verkauft und soll jetzt abgerissen werden. Gegen das Abbruchgesuch sind innerhalb der gesetzlichen Frist keine Einsprachen eingegangen, wie auf der Baudirektion zu erfahren ist.

Der ehemalige Besitzer der Villa, Walter Girard, wohnt unterdessen im Pflegeheim. Er habe eine Beiständin gewünscht, welche sich um den Verkauf des Hauses gekümmert habe, berichtet Girard. Er sei 1935 in diesem Haus auf die Welt gekommen. 48 Jahre lang habe er in der Firma Titoni als Uhrmacher gearbeitet, erklärt der Rentner weiter.

Das Haus sei 1905 von seinem Grossvater, einem Uhrenunternehmer aus der berühmten Girard-Dynastie als Wohnhaus für die Familie gebaut worden. Die Uhrenateliers waren aber nicht dort, wie Girard betont. Sein Vater sei dann als Handelsreisender tätig gewesen. Er selber sei bis zu seinem Umzug ins Pflegeheim im Haus wohnhaft gewesen. Dass das Haus jetzt abgerissen wird, scheint Walter Girard nicht viel auszumachen.

«Gebäude in schlechtem Zustand»

«Das Gebäude ist einem derart schlechten Zustand, dass der Abriss die einzige sinnvolle Lösung ist», erklärt Americo Bertolotti. Der Grenchner Architekt wurde von den neuen Besitzern beauftragt, ein Projekt für diese Parzelle zu erarbeiten. Vorgesehen ist laut seinen Angaben eine gemischte Nutzung als Wohn- und Geschäftsliegenschaft.

Über die neuen Besitzer und ihre konkreten Pläne ist allerdings nicht viel zu erfahren. Als Adresse ist eine Firma «BP Swiss Trade AG» in Ennetbürgen (NW) angegeben. Eine Telefonnummer ist nicht auffindbar. Im Handelsregister figurieren zwei Personen als Verwaltungsräte der im vergangenen März gegründeten Firma. Einen Verwaltungsrat namens Toradj Taheri, erreichen wir in seinem Handelsgeschäft für (unter anderem) Orientteppiche in Busswil. Sein Compagnon, Philippe Alexandre Jost Brun, der VR-Präsident und Besitzer sei, wisse mehr, meint Taheri. Brun sei aber zurzeit im Ausland.

Die Firma BP Swiss Trade AG weist laut Handelsregister folgenden Firmenzweck aus: «Durchführung sämtlicher Treuhandgeschäfte, Handel mit Immobilien, Durchführen von Generalunternehmeraufträgen, Handel von Motorfahrzeugen und deren Ersatzteilen sowie Betrieb von Reparaturwerkstätten und Garagen und den Handel mit Waren aller Art». Rasch ist klar, dass sie mit der Tankstellenkette BP nichts zu tun hat (obwohl die zentrale Lage der Liegenschaft an einer Kreuzung womöglich dafür geeignet wäre ...).

Weiterverkauf nicht ausgeschlossen

Bertolotti meint, der Besitzer sei durchaus auch offen, die Liegenschaft mit oder ohne Projekt an einen allfälligen Generalunternehmer oder Immobilienentwickler weiter zu verkaufen. Die jetzigen Besitzer seien wiederum durch einen Immobilienmakler zu diesem Mehrfamilienhaus gekommen.

Offenbar war eine Überbauung des Geländes schon vor Jahren im Zusammenhang mit dem Bau der östlich angrenzenden Lidl-Filiale geplant. Damals wollte der Besitzer aber nicht verkaufen. «Vor 20 Jahren hätte man noch etwas Schönes aus dem Gebäude machen können, aber jetzt ist der Zug abgefahren», meint Bertolotti.

Es müsse jetzt in Zusammenarbeit mit der Stadt auch einmal eruiert werden, was auf dieser Parzelle überhaupt möglich ist. Eigentlich könnte man hier theoretisch bis 20 Meter hoch bauen, meint Bertolotti. Die Baulinien seien aber ungünstig und auch die Zu- und Abfahrt zum Grundstück sei bislang nicht geregelt.

Stadt am Kauf nicht interessiert

Erst kürzlich wurde nur ein paar Meter weiter die Zone angepasst, da die verlangte 50-Prozent Gewerbenutzung dort nicht realistisch erschien. Ob das Grundstück dieser Girard-Villa auch umgezont wird, bleibt offen. Das Grundstück sei in der Arbeitszone 1, Bauklasse 5. Dort ist Gewerbe und maximal 50% Wohnen erlaubt, wie von Stadtbaumeister Aquil Briggen zu erfahren ist. Im Rahmen der Ortsplanungsrevision sei aber noch nicht entschieden, bzw. beraten worden, welche diesbezüglichen Änderungen vorgenommen werden sollen.
Und die Stadt selber, war sie nicht am Grundstück interessiert? Immerhin kauft sie ab und zu «Filetstücke» an prominenten Lagen aus einem speziellen Landbeschaffungskredit, zuletzt etwa den Postparkplatz im Stadtzentrum. Laut Auskunft von Stadtpräsident François Scheidegger, war ein Kauf des Grundstücks bisher nicht geplant und ist auch künftig nicht vorgesehen.

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