Lahmgelegt
Die Auswirkungen der behördlichen Coronamassnahmen auf das Grenchner Gewerbe sind einschneidend

Die Ladenschliessungen durch die kantonalen Behörden haben grosse Teile des Grenchner Gewerbes lahmgelegt. Durch die Nachbarschaft zum Kanton Bern, wo alle Geschäfte geöffnet haben dürfen, wird die Situation teilweise dramatisch.

Andreas Toggweiler
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Velomech- und Händler Toni Roggo in seinem Geschäft "Hyperspace"

Velomech- und Händler Toni Roggo in seinem Geschäft "Hyperspace"

Andreas Toggweiler

«Das Gewerbe und die Gastrobetriebe rücken immer näher an den Abgrund», schreibt Polizeikommandant Christian Ambühl in seiner Analyse als Stabschef der städtischen Taskforce Corona von Ende letzter Woche. Die Stadtpolizei befindet sich in regelmässigem Kontakt mit den Grenchner Betrieben, weil sie mithelfen muss, die behördlichen Massnahmen zu vollziehen.

Drei Beispiele aus dem Grenchner Gewerbe

Die unübersichtliche Situation an der Massnahmenfront führt dazu, dass auch die Betroffenheit unter den Geschäften ganz unterschiedlich ist. Wir haben dazu drei verschiedenen Gewerbetreibenden auf den Zahn gefühlt.

Carmen Leimer vom Kleidergeschäft Boutique Olivia darf ihr Geschäft seit vergangenen 24. Dezember nicht mehr öffnen. Dabei sollte sie jetzt Umsatz machen, um den Covid-­Kredit des ersten Lockdowns zurückzuzahlen. Gleichzeitig kommen jetzt die Kleider der Frühjahrskollektion, die ebenfalls bezahlt werden müssen. «Ich weiss nicht, wie ich das bewerkstelligen soll», meint sie. Sie befinde sich in einer äusserst schwierigen Situation. «Man entzieht uns die Lebensgrundlage, derweil die Leute in Scharen in den Kanton Bern pilgern, um sich mit Kleidern und mehr einzudecken.»

Sie nehme die Pandemie ernst und halte sich genau an die Schutzmassnahmen. Der Kundenkontakt sei stets auf Distanz, mit Maske und kurzer Aufenthaltsdauer von nur einigen Minuten im Geschäft erfolgt. In diesem Lichte ist es für sie unverständlich, dass sie schliessen müsse, während andere Branchen mit ungleich längerem und engerem Kundenkontakt offen bleiben. «Das ist einfach nur noch unverständlich», meint sie.

Leimer behilft sich jetzt mit einem Trick: «Wenn Restaurants Take-away machen, kann ich das auch – und erst noch kalorienarm», schmunzelt sie. Sie sucht eine Auswahl Kleider für ihre Kundinnen aus, welche diese beim Ladeneingang abholen und zu Hause ausprobieren können. Ob das legal ist, weiss sie nicht. «Es kommt allmählich auch nicht mehr darauf an», meint sie mit einem Anflug von Verbitterung.

Bier verkaufen ist erlaubt, ausschenken nicht

Beim Granicum-Bier von Roger Lötscher herrscht eine «hybride» Situation: Der Bier- und Lebensmittelverkauf darf stattfinden, die Bar ist geschlossen. So oder so sei der Umsatzrückgang massiv, berichtet Lötscher. Für letztes Jahr rechnet er mit einem Rückgang von 60–70 Prozent. Der Dezember war letztes Jahr der beste Monat des Jahres. «Doch der Umsatz lag dennoch 30 Prozent unter dem Dezember 2019.» Vor allem, als die anderen Läden geschlossen wurden, sei ein deutlicher Rückgang festzustellen gewesen, stellt der Bierbrauer fest. Coronahilfen habe er bisher mit Ausnahme einer Kurzarbeitsentschädigung für die Angestellte nicht erhalten. «Am Donnerstag kam die Ankündigung für letzten August ...»

Zum Glück kann Lötscher in der eigenen, älteren Liegenschaft arbeiten. «Wer jetzt hohe Fixkosten wie Mieten hat und kein Entgegenkommen des Vermieters geniesst, hat ein Problem.» Vor allem könnten sich die Firmen nicht mehr erholen, deshalb versuche er, ohne rückzahlbare Kredite auszukommen. Jedoch ganz ohne Darlehen aus privater Hand wäre es bis jetzt schon nicht mehr gegangen. «Ich bin dankbar für jeden Einkauf.» Was würde er von einem Crowdfunding halten, wie es beispielsweise das «Baracoa» gestartet hat (vgl. Kasten) – «Das wäre für mich das letzte Mittel in der Not», mein Lötscher. Zudem: Wenn man jetzt Gutscheine für die Deckung der aktuellen Kosten verkaufe, müsse man dafür später gratis arbeiten.

Lieferengpässe bei Velos und Zubehör

Derweil darf die Werkstatt im Velo-Fachgeschäft Hyperspace von Toni Roggo geöffnet bleiben. Die Nachfrage nach Zweirädern und Mobilitätsdienstleistungen sei intakt, ja durch die Coronasituation eher angefacht worden. Wenn Vereinssport verboten ist und Fitnesscenter geschlossen, muss man sich anderweitig bewegen. So hält der Boom von Elektro-Mountainbikes laut Roggo weiterhin an.
Die Probleme der Branche seien anders gelagert, erklärt Roggo. So kam es verschiedentlich zu Lieferengpässen von Velos und Ersatzteilen, insbesondere aus China, wo viele Hersteller heute produzieren. «Im letzten Sommer waren wir teilweise ausverkauft.»

Im Moment habe er genug Arbeit und sei auch froh darum, erklärt der Fachhändler mit eigener Werkstatt. Und gibt auch gleich noch einen Tipp: «Wer im Frühling Velo fahren will, bringt sein Zweirad am besten jetzt in den Service. Jetzt haben wir Zeit dafür, später wird es zu Wartezeiten kommen», weiss er aus Erfahrung.

«Ein Kampf ums Überleben»

Gewerbe Auch die Stadt, bzw. die Wirtschaftsförderung hat in den letzten Tagen das Gespräch mit dem Detailhandel bzw. den Gewerbetreibenden der Stadt gesucht. Unter anderem mit einer Telefon-Hotline. «Wir waren bis anhin mit rund 20 Betrieben in Kontakt. Die Hotline wird sehr geschätzt. Für die Betroffenen ist es teilweise schwierig, den Überblick über die geltenden Regelungen zu behalten und die notwendigen Dokumente zu finden», schreibt Wirtschaftsförderin Susanne Sahli in ihrem Bericht zuhanden des Stadtpräsidiums. «Zusammengefasst kann man jetzt schon sagen, die Situation ist für die meisten dramatisch und ein Grossteil kämpft ums nackte Überleben.» Was zusätzlich für grosse Verärgerung sorge, seien die willkürlichen Kontrollbesuche beim Gewerbe durch die kantonalen Behörden. «Ohne jeglichen roten Faden werden Bedingungen an die arg gebeutelten Betriebe gestellt, die keiner mehr nachvollziehen kann.» Man habe fast das Gefühl, die ‹Kleinen› würden damit noch zusätzlich schikaniert. «Gepaart mit einem Sammelsurium von unübersichtlichen Massnahmen und dem Inselverhalten des Kanton Solothurn hinterlässt dies nur noch Unverständnis und Verzweiflung», spricht Sahli Klartext. Des Weiteren könnten die Grossverteiler ein Teil ihres non-food Sortiments weiterhin verkaufen, was wiederum den städtischen Detailhändlern verboten werde. «Hier wird offensichtlich mit unterschiedlichen Ellen gemessen und die Grossen werden gegenüber den Kleinen bevorteilt.» Bereits Anfang Jahr hatte Stadtpräsident François Scheidegger den Regierungsrat eingeladen, sich ein Bild von der Situation in Grenchen zu verschaffen, der vom Kanton Bern mit offenen Geschäften quasi «umzingelt» ist. Der Stapi schlug sogar eine «Sonderlösung» für Grenchen vor. Die Antwort des Regierungsrates blieb aber unverbindlich. «Wir prüfen die Situation aber laufend und sollte sich die derzeitige Lage bedeutend entschärfen, können die angeordneten Massnahmen im Kanton Solothurn vorzeitig gelockert werden», schrieb die Regierung zurück. Und überdies gelte ab 1. Januar eine Härtefallverordnung. (at.)