«Die Aufenthaltsdauer im Heim sinkt»

Reto Gasser übernimmt heute das Präsidium der Stiftung Alterssiedlung Grenchen mit zwei Altersheimen und Alterswohnungen. Im Interview äussert sich Gasser zu den aktuellen Herausforderungen, «Corona-Glück» und zu den Zukunftsplänen.

Interview: Oliver Menge
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Der neue Stiftungspräsident Reto Gasser, hier zusammen mit der Operativen Leiterin Sonja Leuenberger, vor dem «Alterszentrum am Weinberg».

Der neue Stiftungspräsident Reto Gasser, hier zusammen mit der Operativen Leiterin Sonja Leuenberger, vor dem «Alterszentrum am Weinberg».

Bild: Oliver Menge

Reto Gasser, Sie werden Nachfolger von Kurt Boner Chef des grössten Alters- und Pflegeheims des Kantons Solothurn. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Reto Gasser: Chef ist vielleicht das falsche Wort, zusammen mit dem Stiftungsrat bilden wir ein Team, darauf lege ich Wert und ich freue mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat und der Geschäftsleitung. Die Arbeit in einem Umfeld, in dem viele Dinge anstehen, ist spannend und eine Herausforderung für mich.

Sie sind seit 11 Jahren im Stiftungsrat, von Anfang an als Vizepräsident. Aber Kurt Boner gab nach aussen «den Tarif durch». Was ändert sich unter ihrer Führung?

Kurt Boner war nach aussen der Kopf und repräsentierte. Als Stiftungsrat agierten wir aber als Team, jeder Stiftungsrat hatte seine Ressorts zugeteilt. Daran wird sich nichts ändern. Vielleicht habe ich eine andere Art zu kommunizieren. Kurt Boner war im Kanton vernetzter als ich, schon von Berufes wegen. Ich werde mich darum bemühen, die guten Beziehungen, die er aufgebaut hat, aufrechtzuerhalten. Kurt Boner und ich hatten in vielen Bereichen sehr ähnliche Vorstellungen darüber, wie die Führung einer Stiftung auszusehen hat. Ich werde auch weiterhin Wert darauflegen, dass die beiden Häuser Kastels und Weinberg als eine Einheit wahrgenommen werden.

Wie sieht eigentlich die Finanzierung der Stiftung aus?

Im Rahmen der Taxordnung leisten Gemeinde und Kanton Beiträge. Dazu kommen Beiträge der Krankenkassen und Selbstbehalte.

Auch die Stadt Grenchen beteiligt sich finanziell an der Stiftung: Wie gross ist der Einfluss der städtischen Behörden auf die «Politik» der AZ Grenchen (Stichwort: David Baumgartner als Finanzchef der Stadt ist im Stiftungsrat Vizepräsident)?

Die Stadt beteiligt sich indirekt im Rahmen der Taxordnung, an der sich Gemeinden und Kanton je zur Hälfte beteiligen. Die Stadt ist im Stiftungsrat vertreten, einerseits durch David Baumgartner und jeweils einen oder einer politischen Vertreterin. Ich war zunächst als politischer Vertreter im Stiftungsrat, übernahm dann das Ressort Rechtliches als Anwalt. Beim Ressort Finanzen hätte ich mir persönlich einen externen «Finanzer» aus der Privatwirtschaft vorgezogen. Die Mehrheit des Gemeinderates sah dies damals anders und wollte neben einer politischen Vertretung auch mit dem städtischen Finanzverwalter in der Stiftung vertreten sein. So ist heute David Baumgartner, der Finanzchef der Stadt Grenchen, nebst dem politischen Vertreter Mitglied des Stiftungsrats. Wichtig ist dabei, dass der Finanzchef dabei sich immer vor Augen hält, dass er als Stiftungsrat agiert und nicht als städtischer Schatzmeister. Meine Skepsis ist überhaupt nicht gegen die Person David Baumgartner gerichtet, der seine Arbeit im Übrigen sehr gut und gewissenhaft erledigt. Derzeitige politische Vertreterin ist im Übrigen Gemeinderätin Nicole Hirt. Dem Gemeinderat obliegt es, für die jeweilige Legislatur die Vertretung zu wählen.

Die Stiftung verfügt über ein Stiftungsvermögen, woher kommt dieses Geld?

Wir haben mit der Taxordnung ein straff reguliertes System. Über der Hotellerie erhalten wir Beträge, von denen wir Rückstellungen auf ausgewiesene Konten für Bau, für Bildung etc. machen müssen. Die Beiträge von Krankenkassen und Gemeinden werden für die laufenden Kosten verwendet. Das sind die Einnahmequellen nebst anderen, wie den Restaurants, die bis auf das Jahr 2020 sehr gut gelaufen sind. Andere Zusatzeinnahmen gibt es nicht. Vermögen äufnen wir also nicht an. Die Einnahmen bewegen sich immer etwa im selben Rahmen. Beispiel: Das Einerzimmer Bereich Hotellerie kostet 171 Franken pro Tag. Davon werden 28 Fr. für Bau, 2 Fr. für Aus- und Weiterbildung rückgestellt. 85 % der anheimfallenden Kosten sind Lohnkosten.

Stichwort Covid-19: Die AZ Grenchen blieben bis jetzt zum Glück verschont. Aus anderen Kantonen hört man, dass immer mehr Leute den Eintritt ins Altersheim hinausschieben, weil sie Angst haben, bei einem Lockdown eingesperrt zu werden. Wie sieht das in Grenchen aus?

Im Sommer war das tatsächlich so, dass Leute ihren Eintritt hinausschoben, doch das ist jetzt nicht mehr der Fall, wir haben offene Türen. Und zum Glück hatten wir bisher keinen Fall von Covid-19. Allerdings haben wir Bedenken wegen Weihnachten. Wir empfehlen, Fest und Weihnachtstage zu ihrer eigenen Sicherheit nicht ausser Haus zu verbringen. Bisher sind wir mit Disziplin und einer Portion Glück ungeschoren davongekommen.

Die Menschen werden immer älter und der Pflegebedarf entsprechend höher und anspruchsvoller, was die Kosten nach oben treibt. Kann man das auch in Zukunft stemmen oder braucht es neue Finanzierungsformen?

Die Leute werden tatsächlich älter, aber die Eintritte bei uns erfolgen auch später, meist erst nach dem 80. Lebensjahr. Das heisst, die Aufenthaltsdauer im Heim sinkt. Sie beträgt im Durchschnitt inzwischen etwa zwei Jahre. Das war früher massiv höher. Aber man muss sich Gedanken über die Altersfinanzierung in der Zukunft ganz allgemein machen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Generation der Babyboomer kommt. Das betrifft auch die Finanzierung der AHV, spricht Rentenreform und ist eine Frage, die bekanntlich auf nationaler Ebene gelöst werden muss.

Mit dem «Sunnepark» haben die AZ Grenchen vor Ort Konkurrenz erhalten. Wie sieht die Zusammenarbeit oder eben Konkurrenzsituation aus (Stichwort Demenzstation)?

Dadurch dass wir keine geschlossenen Abteilungen haben, stehen wir nicht in Konkurrenz zum Sunnepark. Wir haben zwei offene Häuser und bieten nicht dasselbe an, wie der Sunnepark. Wir konkurrenzieren uns nicht, sondern ergänzen uns. Und im Gegensatz zur Zeit der Eröffnung des Sunnepark herrscht auch kein «Pflegetourismus» mehr, sprich, häufige Wechsel des Personals. Das hat sich in der Zwischenzeit eingependelt.

Ist es nach wie vor schwierig, gut ausgebildetes Personal zu finden?

Das ist ein Thema und wird auch eines bleiben. Wir haben momentan die feudale Position, dass die Stellen gut besetzt sind. Unsere grosse Stärke ist aber auch, dass wir selber ausbilden. Wir haben momentan 34 Lernende in den Alterszentren Kastels und Weinberg, über 20% des Personals sind Lernende. Wir versuchen auch, das Personal auf diese Weise zu gewinnen. Der Stiftungsrat bemüht sich stets für gute Arbeitsbedingungen in einem attraktiven Umfeld. Wir sorgen dafür, dass unsere Leute Weiterbildungen absolvieren können und der Stiftungsrat genehmigt dafür ein grosszügiges Budget, auch für Nachholausbildungen älterer Wiedereinsteigerinnen.

Stehen nach der aufwendigen Sanierung und dem Neubau Kastels in absehbarer Zeit konkrete Bauvorhaben an (Sanierung Weinberg)?

Der dritte Stock des «Weinbergs», der jetzt noch dem klassischen «Altersheim» entspricht, soll in eine Pflegestation umgebaut werden, mit Pflegebad, Stationszimmer und externem zusätzlichem Bettenlift. Aber wir wurden durch die Coronapandemie gestoppt. Die Planung, auch für die Sanierung der Cafeteria soll im nächsten Jahr fortgesetzt und 2022 umgesetzt werden.