Was war Ihre Motivation, sich für diese Aufgabe in Grenchen zu bewerben?

Karin Heimann: Ich habe ja Grenchen aus meiner Tätigkeit in der kantonalen Wirtschaftsförderung schon ziemlich gut gekannt, nicht zuletzt auch durch die gute Zusammenarbeit mit meinem Vorgänger René Goetz.

Für eine dynamische Technologiestadt tätig zu sein hat mich gereizt: Es ist immer wieder faszinierend, was die Industrie hier leistet. In einer lokalen Wirtschaftsförderung ist man zudem auch nah bei den Leuten und nah am Geschehen. In der kantonalen Wirtschaftsförderung war ich bildlich gesprochen Teil eines Supertankers, hier bin ich ein kleines, aber wendiges Motorboot.

Wie viel Zeit wenden Sie für das Mandat auf und für wen sind Sie auch noch tätig?

Den Rahmen setzt das Budget für Wirtschaftsförderung der Stadt (110 000 Fr. Anm. d. Red.). Über dieses Budget laufen aber noch andere Mandate. Ich bin zurzeit im Durchschnitt zwischen 10 und 15 Stunden wöchentlich für die Stadt Grenchen tätig. Daneben mache ich für verschiedene Industrieunternehmen Projekte und Kommunikation und für eine andere, ausserkantonale Stadt arbeite ich im Bereich Projekt-Controlling.

Gibt es da Konfliktpotenzial mit ihrem Mandat für Grenchen?

Nein. Diese Aufgaben haben keine Berührungspunkte mit Grenchen. Diese gibt es bei meiner Tätigkeit für espaceSolothurn Marketing, einer Standortmarketingorganisation für den Jurasüdfuss, von der aber Grenchen profitieren kann. Bereits haben wir einen Anlass in Grenchen durchgeführt, an dem wir die «Hotspots» von Grenchen vorgestellt haben.

Was ist Ihnen in den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit für Grenchen aufgefallen?

Ich war positiv überrascht, dass ich praktisch offene Türen eingerannt habe. Die Akteure haben sich samt und sonders offen gezeigt, sei dies der Gewerbeverband, der Industrieverband, Grenchen Tourismus, die höhere Fachschule für Technik. Auch zu bestehenden Netzwerken von Kaderfrauen oder von anderen Führungskräften wurde ich sofort eingeladen.

Wie beurteilen Sie die Stärken und Schwächen der Stadt aus wirtschaftlicher Optik?

Grenchen ist in der Präzisionstechnik sehr gut aufgestellt mit klingenden Namen wie Breitling, BMC und anderen. Es gibt ein gutes Potenzial an Fachkräften, welche sich präzises Arbeiten gewohnt sind. Die aktive Bodenpolitik der Stadt sorgt dafür, dass Flächen für eine Weiterentwicklung zur Verfügung stehen. Und nicht zuletzt ist Grenchen auch in der Nähe von bedeutenden Neuansiedlungen der Pharmaindustrie am Jurasüdfuss.

Ich denke an CSL Behring in Lengnau und Biogen in Luterbach. Nicht zu vergessen der Swiss Innovation Park, der in Biel am Entstehen ist. Davon sind sicher Impulse für den Wirtschaftsstandort Grenchen zu erwarten. Bei den Schwächen ist sicher die Situation im Detailhandel zu erwähnen, der in Grenchen zwischen Solothurn und Biel keinen leichten Stand hat. Der Online-Handel und der Einkaufstourismus hinterlassen in Grenchen sichtbare Spuren.

Weiter genügen manche (Industrie-) Liegenschaften, die für eine neue Nutzung infrage kommen, den qualitativen Ansprüchen nicht oder sind nicht optimal gelegen, beispielsweise in Wohnquartieren.

Welche Projekte wollen Sie jetzt speziell vorantreiben?

Wir möchten in den Räumen der ehemaligen Credit Suisse am Marktplatz vorübergehend ein kleines Gründerzentrum eröffnen. Die Idee wäre, Jungunternehmen zu einem sehr günstigen Mietpreis Räume und Büromöbel als «Co-Working Space» zur Verfügung zu stellen, sagen wir für 15 Franken pro m² und Jahr.

Damit wäre eine sinnvolle Zwischennutzung einer prominenten Liegenschaft sichergestellt. Gleichzeitig könnten damit auch Start Ups gefördert werden. In diesem Bereich wurde in Grenchen bisher noch nicht so viel gemacht. Die Credit Suisse der Region unterstützt uns ganz toll, entschieden wird aber am Hauptsitz. Ich hoffe, dass das Projekt realisiert werden kann und dass wir dann auch interessierte Jungunternehmen finden.

Daneben gibt es zurzeit diverse Anfragen für Industrieansiedlungen, unter anderem an der Neckarsulmstrasse. Da die Situation des Bodenbesitzes dort uneinheitlich ist, gibt es einiges zu verhandeln. Dann werde ich sicher versuchen mitzuhelfen, dass sich der Gewerbepark im ehemaligen Michel-Gebäude allmählich füllt.

Grenchen fühlt sich vom Kanton immer wieder stiefmütterlich behandelt. Wie sehen Sie das?
Im Bereich Wirtschaftsförderung arbeiten wir sehr gut mit dem Kanton zusammen. Als ich seinerzeit auf der kantonalen Wirtschaftsförderung angefangen habe, erinnere ich mich, dass sich jede Region mit Ausnahme von Olten vom Kanton vernachlässigt fühlte.

Die Stadt Grenchen hat für die Wirtschaftsförderung die gleiche Leistungsvereinbarung wie das Schwarzbubenland, die Region Olten-Gösgen-Gäu, die Region Solothurn oder das Thal.

Wie viel setzt der Kanton da für Grenchen ein?

Vorgesehen sind rund 35 000 Franken im Jahr, die aber nur projektbezogen ausgeschüttet werden.

Grenchen kennt ja als einzige Stadt im Kanton die einzelbetriebliche Förderung. Was können Sie dazu sagen?

Nicht viel, denn hier wird Diskretion grossgeschrieben. Da es sich um Steuergelder handelt und die Dossiers entsprechend sorgfältig geprüft werden müssen, arbeite ich hier mit Bernard Fuhrer, dem Leiter Unternehmensfinanzierung Mittelland der BDO, zusammen.

In Grenchen wird auch über die Verkehrsprobleme geklagt. Wie gross ist der Handlungsbedarf?

Ich habe mir ein paar Wochen nach Arbeitsbeginn in Grenchen ein öV-Abo gekauft – aber wegen der Staus auf der A1, nicht hier in Grenchen (lacht). Anderseits wird die Situation des Autobahnzubringers in Gesprächen mit Firmen schon häufig vorgebracht. Das ist sicher ein Problem hier.