Bachtelen Grenchen
Der «Bachteler 2014» wird in Kürze gekeltert

Weinlese im grössten Rebberg des oberen Kantonsteils: Die zehn Mitglieder des Rebbauvereins Bachtelen in Grenchen können sich auf einen guten Jahrgang freuen.

Oliver Menge
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Trauben der Sorte Riesling Silvaner
18 Bilder
Thomas Frey
Thomas Frey liest von einer Traube eine Beere oben, eine unten und eine hinten ab, um die Oechsle zu bestimmen
Wein Grenchen
Kostprobe gefällig_
Ruth Zurschmiede liest von einer Traube eine Beere oben, eine unten und eine hinten ab, um die Oechsle zu bestimmen
Rolf Neuenschwander bei der Oechslegradbestimmung
Pinot Noir-Trauben
Hier werden die Oechsle gemessen
Geräte zur Weinverarbeitung
Der Traubensaft wird vorsichtig auf das Messgerät gegossen
Die eingesammelten Beeren werden zerdrückt
Der weisse, der Rosé und der rote Bachteler
Der Keller des Vereins
Der Grad kann gegen die Sonne abgelesen werden
Beatrice Ris und Ruth Zurschmiede
Alte Etiketten
Das Carnozet

Trauben der Sorte Riesling Silvaner

Oliver Menge

Hinter dem Kinderheim Bachtelen liegt ein schmucker, gut gepflegter Rebberg. Rund 600 Stöcke, 400 Riesling×Silvaner und 200 Blauburgunder, schwer behangen mit Weintrauben, die in der warmen Altweibersommer-Sonne noch ein paar Tage reifen, bevor sie am nächsten Wochenende geerntet werden. Die «Läset» soll aller Voraussicht nach beim Weissen am Freitag stattfinden, dem Roten gibt man noch ein paar Wochen Zeit.

Um den Rebberg und die Weinherstellung kümmert sich der Rebbauverein Bachtelen, den es inzwischen schon über 25 Jahre gibt. Die Mehrzahl der Mitglieder sind mit dem Bachtelen verbandelt, haben hier gearbeitet oder tun das noch immer. Vier der Vereinsmitglieder haben sich am Montag getroffen, um nochmals im Rebberg letzte Arbeiten vor der Ernte auszuführen: Ruth Zurschmiede, Beatrice Ris – sie sind die Rebbäuerinnen des Vereins, Rolf Neuenschwander und Thomas Frey.

Grenchner Wein konnte alle Löcher zusammenziehen

Um den Grenchner Wein ranken sich einige Legenden und Anekdoten. Es sei der sauerste Wein in ganz Mitteleuropa und habe die besondere Eigenschaft, dass er sogar die Löcher in den Strümpfen zusammenziehen könne. Beispielsweise wird überliefert, dass sich beim Bau des 8578 Meter langen Grenchenbergtunnels Eigenartiges ereignete. So gruben die Arbeiter beim Südportal und karrten Unmengen von Steinen und Erde aus dem Tunneleingang. Doch am nächsten Morgen sah es immer aus, als ob hier noch gar nicht gearbeitet worden sei. Schuld daran waren die Reben, welche an der Rebgasse wuchsen, denn sie produzierten so saure Weintrauben, dass jedes noch so grosse «Loch» zusammengezogen wurde. Erst als die Reben abgeholzt wurden, ging es mit dem Tunnelbau so richtig vorwärts.
Alfred Fasnacht von der Museumsgesellschaft berichtet in einer Zusammenstellung von Anekdoten von folgender Begebenheit: Dass der Grenchner Wein seinem Rufe alle Ehre machte, beweist folgender Vorfall, der am 29. Oktober 1853 im «Solothurner Blatt» geschildert wird: «Vor einigen Tagen ertappte der Landjäger in Grenchen eine Frau in den Reben, wo sie Trauben stahl. Er arretierte die Frau und führte sie zum Friedensrichter, damit sie für den Frevel angemessen bestraft werde. Der Friedensrichter sprach: ‹Weib, dein Vergehen ist gross und schwer zu sühnen, daher verurteile ich dich dazu, die gestohlenen Trauben auf der Stelle und vor meinen Augen zu essen.› Das Weib flehte: ‹Habt Barmherzigkeit mit einer armen Frau!› ‹Nichts da›, sprach der Friedensrichter, ‹die Strafe muss der Sünde angemessen sein und es muss ein Exempel statuiert werden›. Das Urteil ward vollzogen und die Frau schwor bei allen Heiligen, nie mehr Grenchner Trauben zu stehlen.»
Warum aber der Wein so sauer war, auch diese Geschichte ist überliefert. Franz Josef Schild, der «Grossätti us em Leberberg», lüftete in einem Gedicht das grosse Geheimnis. So wollte einst ein Grenchner Ammann eigene Reben für sein Dorf und man beschloss, den Meister – Gott, den Schöpfer – um Hilfe zu bitten. Dieser kam auf die Bitte hin auf einem seiner Esel nach Grenchen geritten und wurde dort mit einem grossen Fest empfangen. Gemeinsam zogen die Grenchner Gemeinderäte und die Bevölkerung zum nahen Wald und zeigten dem Meister, wo man gerne Reben hätte. Dieser band seinen Esel an einen Baum und befahl den Menschen, das Tier gut zu behandeln, nicht zu treten oder zu necken. Dann machte sich Gott ans Werk und liess überall dort Reben spriessen, wo vorher Tannen und Steine waren.
Die Grenchner konnten es allerdings nicht lassen, den Esel zu quälen, zu treten und zu necken, weshalb Gott beschloss, dass die Grenchner zwar fortan Wein haben dürfen, dieser aber besonders sauer sei und man so lange, wie Grenchen stehe, darüber lachen werde. Diese Strafe hätten sich die Grenchner selber eingebrockt, war seine Meinung. Der Herr verlor weiter keine Worte mehr, setzte sich auf seinen Esel und galoppierte davon. Dr Grossätti schliesst sein vielstrophiges Gedicht mit der touristischen Werbung «Wer gärn e suure Wy möchte ha, dä sell uff Grenche goh!». (om)

Alter Plan gab den Ausschlag

Begonnen hatte das Projekt «Bachtelenrebberg» mit einem alten Plan Grenchens, den Thomas Frey erhielt, auf dem auf dem Gebiet des damaligen Bachtelenbades ein Weinberg eingezeichnet war. Wie alt der Plan ist, der im Gemeinschaftsraum im Kinderheim Bachtelen hängt, kann nicht mit Sicherheit bestimmt werden. Er stammt aber aus einer Zeit, in der man noch mit «Fuss» und «Schuh» mass.

Urs Siegrist, der heutige Präsident des Vereins, hatte selber mit Reben experimentiert und fragte 1985 den damaligen Heimleiter des Bachtelen, Anton Meier, ob es eine Möglichkeit gebe, Land des Bachtelen zu pachten und Reben anzubauen. Denn das gehöre doch eigentlich zum Bachtelen, wie der Plan beweise. Man vereinbarte einen Pachtvertrag, der dem Bachtelen einen Zehnten des Ertrags in Flaschenform als Pachtzins sicherte und pflanzte 1986 die ersten Rebstöcke. Schon zwei Jahre später konnte man den ersten Tropfen Riesling×Silvaner geniessen. Ein paar Jahre später kamen dann die Blauburgunder-Rebstöcke dazu. Im Schnitt ergibt der Rebberg zwischen 400 und 500 Liter Riesling×Silvaner und etwa 300 Liter Pinot Noir. «Wir hatten auch schon mal eine Rekordernte beim Weissen: ganze 750 Liter Weisswein konnten wir keltern», sagt Thomas Frey. Allerdings sei der Wein eher wässrig gewesen.

Gute Aussichten

«Dieser Jahrgang verspricht, gut zu werden», sagt Rolf Neuenschwander, das aktuell jüngste Mitglied des Vereins. Eben zurück aus Spanien, wo er bei einem Weinbauern in der Nähe von Valencia auf dessen Gut bei der Ernte mitgeholfen und viel dazugelernt hat, wie er sagt, erklärt, dass die Verarbeitung der weissen Trauben wesentlich einfacher sei, als die Herstellung von Rotwein. «Der Weisse gelingt eigentlich fast immer, beim Roten ist es bedeutend anspruchsvoller, und da ist auch immer eine Menge Glück mit dabei, damit er gut gelingt.» Ein wichtiger Wert mit hoher Aussagekraft über die spätere Qualität sind die Oechsle, die Masseinheit für das Mostgewicht des Traubenmostes. «In Spanien erreicht man Oechslewerte von 125 Grad und mehr. Hier haben wir vor einer Woche bei den weissen Trauben 71 Grad gemessen, das ist noch zu wenig.»

Allerdings hat die Herbstsonne der letzten Tage kräftig mitgeholfen, wie die Messung wenig später beweist: 75 Grad Oechsle beim Riesling und sogar 81 Grad beim Pinot Noir. «Eine gute Ernte ist nicht selbstverständlich bei diesem nassen Sommer», sind sich die vier Vereinsmitglieder einig. Überhaupt sei man in diesem Jahr von Krankheiten und Fäulnis verschont geblieben. «Auch Wespen gibt es wenig in diesem Jahr. Das ist gut für die Trauben. Denn jede Beere, die von einer Wespe angefressen ist, wird sauer.»

Um eine Woche verschoben

Eigentlich war die Ernte schon für letztes Wochenende angesetzt, aber angesichts der ausgezeichneten Wetterprognosen beschloss man, noch eine Woche zuzuwarten. Und damit der Dachs nicht wieder die gesamte Ernte des Pinot Noirs wenige Tage vor der Ernte wegfrisst, wie er das auch schon fertiggebracht hat, ist der gesamte Rebberg rundherum mit einem Elektrozaun geschützt. Vögel haben eh keine Chance, an die süssen Beeren zu gelangen, ein Netz schützt den Rebberg.

Am kommenden Freitag werden die weissen Trauben geerntet, am Samstag gepresst und am Sonntag mit Hefe geimpft. Danach beginnt die Gärung für zwei bis drei Wochen. Dann wird der Grobschlamm entfernt und der Saft luftdicht weitergegärt. Mit Schwefelsäure wird die Oxidation gestoppt und der Wein bis März, April im nächsten Jahr gelagert, bevor man ihn in Flaschen abfüllt. Aus den Traubenhäuten wird übrigens ein edler Marc gebrannt.

Letztes Jahr machte der Verein ein Experiment: Man kelterte erstmals einen spritzigen Rosé, der bei den Vereinsmitgliedern helle Begeisterung hervorrief. Sogar Neuenschwander, der sagt, er sei im Grunde kein Freund von Rosé, ist damit einverstanden, das Experiment unter Umständen in diesem Jahr zu wiederholen.

Der Wein wird übrigens – nach Abgabe des «Zehnten» ans Bachtelen – nicht verkauft, sondern unter den Vereinsmitgliedern verteilt, nach einem Schlüssel, abhängig von der geleisteten Arbeit im Rebberg. Ein paar Flaschen werden am traditionellen Treberwurstessen getrunken, das der Verein für die Mitarbeitenden des Bachtelen organisiert, ebenfalls ein Bestandteil des Pachtvertrags.