Coronakrise

Das Grenchner Gewerbe bemüht sich um Mietzinsreduktionen

Im Geschäftshaus an der Löwenkreuzung kämpft jeder der Gewerbetreibenden für sich - mit mässigem Erfolg.

Im Geschäftshaus an der Löwenkreuzung kämpft jeder der Gewerbetreibenden für sich - mit mässigem Erfolg.

Auf dem Weg zurück zur Normalität steht für Gewerbler Schadensbegrenzung im Zentrum. Dabei würden Mietzinsreduktionen helfen.

Die Grenchner Gewerbler und Dienstleistungsbetriebe hoffen auf das Entgegenkommen der Vermieter, was die Reduktion der Mietzinse während der Krise angeht. Dabei ist ihre Strategie so unterschiedlich wie ihre Ausgangslage. Die einen warten ab und zählen darauf, das Problem nach der Rückkehr zum Geschäftsbetrieb am 11. Mai lösen zu können. Andere hatten schon alle Hebel in Bewegung gesetzt, kaum hatte der Bundesrat Mitte März den Notstand verhängt.

«Ich habe früh den Stadtpräsidenten angerufen und ihn gebeten, einen öffentlichen Aufruf an die Vermieter von uns Gewerblern zu machen mit der Bitte, uns zu helfen.» Das sagt Brigitte Allemann, Inhaberin des Blumenateliers an der Bahnhofstrasse. Als Nächstes habe sie mit der Hausverwaltung Kontakt aufgenommen und ausserdem direkt den Hausbesitzer ihres Geschäfts angerufen. Die Frucht der Bemühungen: eine 50-prozentige Mietzinsreduktion auf die Dauer der Ladenschliessung. «Auf den Tag genau berechnet», wie Allemann erklärt.

Die meisten schauen für sich

Igor Cristani von Coiffure Amedeo an der Marktstrasse teilt mit, das Geschäft brauche für den März keine Miete zu zahlen. Als einziger Geschäftsmieter im Haus konnte er für seine Forderungen ebenso wenig eine Allianz mit anderen Ladeninhabern bilden wie Brigitte Allemann. Doch das Beispiel des grossen Geschäftshauses an der Löwenkreuzung zeigt, dass auch manche Geschäftsführer, die diese Option hätten, sich als Einzelkämpfer besser aufgestellt sehen.

Dazu gehört der Inhaber des Digirama, Stephan Buser, wo nach seinen Aussagen bisher einzig eine Stundung der betroffenen Mietzinse herausgeschaut hat. Diese sei nicht einmal terminlich geregelt, sondern nur, «bis sich die Situation beruhigt hat», wie er ein Schreiben der Vermieterin zitiert. Angesichts der Tatsache, dass seit vielen Jahren «kes Füfi» in den mächtigen und baufälligen Komplex investiert wurde, ist Buser enttäuscht, wenn auch nicht überrascht. Mit den anderen Betrieben und Geschäften im Haus sei das Verhältnis gut, dennoch gehe jeder seinen eigenen Weg.

Ratlosigkeit aufgrund von Funkstille

Mehmet Polat, Geschäftsführer im «Baracoa» an der Centralstrasse, gibt sich kämpferisch. Er habe seine Forderungen per Brief abgeschickt und warte nun auf Antwort. «Am liebsten wäre mir natürlich ein Mietzinserlass.»

«Ich weiss wirklich nicht mehr, was ich tun soll. Ich habe mehrere E-Mails an die Hausverwaltung geschrieben in Sachen ‹Miete› und das Einzige, was zurückkommt, ist die Aufforderung, ich solle mich gedulden.» Gisella Toffanin ist die Inhaberin der Boutique Silhouette am Marktplatz. Den April-Mietzins habe sie normal bezahlt. Angesichts der Unsicherheit und der wirtschaftlich bedrohlichen Lage fragt sie sich, ob sie mit der Mai-Miete zuwarten soll: «Ich muss wissen, woran ich bin. Sonst wird mir das finanzielle Risiko zu gross.» Toffanin ärgert sich über die Hinhaltetaktik. «Nach fast zwei Monaten Notstand sollte die Verwaltung doch wissen, was sie den Mietern kommuniziert.»

Ratlos fühlen sich auch die Verantwortlichen im Claro-Laden an der Rainstrasse. Von Vermieterseite sei vor Wochen ein Schreiben gekommen, das Gesprächsbereitschaft signalisiert. Seither habe man nichts mehr gehört. «Nach 14-jähriger Miete wären wir enttäuscht, wenn uns die Vermieterin nicht entgegenkäme», findet Christine Bögli. Sie leitet den Claro-Weltladen, der von einer Gruppe von Frauen ehrenamtlich betrieben wird.

Nahrungsmittel durfte das Geschäft zwar in den letzten sechs Wochen verkaufen. Doch der Löwenanteil des Umsatzes wird mit Textilien gemacht, und die mussten im Laden bleiben.

Vermieter reagieren sehr unterschiedlich

Bei der Vermieterin des Luterbacherhofs, der Erich-und-Marianne-Luterbacher-Stiftung, erklärt Ursula Hengartner, dass die Entscheidung über die Massnahmen zur Unterstützung der Gewerbler einen Stiftungsratsentscheid benötigt. Sie ist Stiftungsrätin und zuständig für die Vermietung der Liegenschaft. «Wir können zum jetzigen Zeitpunkt keine definitiven Zusagen machen.» Sie schlägt vor, dass die Geschäfte im Haus zuerst wieder öffnen und feststellen sollen, wie die Rückkehr zur Normalität funktioniert. «Wir sind zuversichtlich, dass wir individuelle Lösungen finden werden, welche für beide Seiten stimmen.» Ein Vorschlag, der voraussetzt, dass die Geschäfte ihre Reserven anzapfen – sofern sie solche haben.

Ein wichtiger Vermieter im Stadtzentrum ist Coop. Der Detailhändler schreibt: «Für unsere Mieter von Geschäftsräumen haben wir als erste Massnahme die Miete für die Monate April und Mai gestundet.» Aktuell sei man in Verhandlungen mit dem Ziel, «für alle Seiten partnerschaftliche Lösungen zu finden».

Urs Leimer von der gleichnamigen Immobilienfirma sagt, dass bisher kaum eine Handvoll Unterstützungsgesuche von Gewerbebetrieben eingegangen seien; Gewerbeflächen machten rund die Hälfte der Vermietungen aus. «Bei diesen Gesuchen haben wir durch eine Mischung aus Mietzinsreduktion, -erlass und -stundung jeweils eine Lösung gefunden.» Basierend auf der Situation und dem Antrag der Betriebe habe er den Hauseigentümern Vorschläge unterbreitet. Damit sei es gelungen, diese Fälle zu regeln.

Mario Chirico sagt namens seiner Immobilienfirma, ihm seien Mietzinserlasse im Rahmen dieser Krise bisher noch nicht begegnet, jedoch Stundungen und zeitlich begrenzte Reduktionen. «Wir verwalten sehr wenige gewerbliche Mietflächen», so Chirico. «In zwei Fällen wurde uns mieterseits mitgeteilt, sie würden keine Miete mehr bezahlen, dies ohne vorherige Anfrage oder Verhandlung mit der Eigentümerschaft.» Die Vermieter seien ebenso unterschiedlich wie die Mieter: Es gebe Eigentümer, welche mit sich sprechen lassen und bereit sind, eine Lösung mit der Mieterschaft zu finden. Andererseits habe er als Vertreter einer Mieterschaft einmal selber erfahren, dass Vermieter auf entsprechende Gesuche hin nicht einmal eine Antwort geben.

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