Grenchen
Das Gästebuch des Flugplatzes weist auf tragische Schicksale hin

Zwei bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Grenchen stationierte Militärpiloten wurden später abgeschossen. Beide kamen bei Luftkämpfen mit der deutschen bzw. der amerikanischen Luftwaffe ums Leben.

Peter Brotschi
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Ein Gästebuch, das viel zu erzählen hat
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Pilot Paul Treu (rechts) auf dem Flughafenturm in Grenchen 1939 Paul Treu kam 1944 in seiner Me 109 bei einem Luftkampf gegen die US Air Force ums Leben. Seine Uniform zeigt das damalige Pilotenabzeichen sowie die Patte der Fliegerkompanie 12.
Abschussverzeichnis der amerikanischen Jadflieger Nathan Ostrow wurden am 5. September 1944 1.5 zerstörte Me-109 zugeschrieben.
Für Earl Erickson sind Abschüsse am 9. und 11. September 1944 dokumentiert . Daraus kann geschlossen werden, dass Ostrow auf die beiden Schweizer Me-109 geschossen hat. (Bilder: Peter Brotschi aus «Victory list» der in Fowlmere stationierten 339. Fighter Group der USAAF)
Nathan Ostrow auf dem Flugfeld von Fowlmere bei Cambridge. Quelle: American Air Museum Britain
Zerstörte Dewoitine von Pilot Theodor Maag nach dem Unfall in Grenchen. Maag blieb erstaunlicherweise unverletzt
Die Dewoitine D-26 J-231 wird nach dem Unfall vom 20. Mai 1940 in der Witi demontiert.

Ein Gästebuch, das viel zu erzählen hat

Peter Brotschi

In diesem neuen Jahr wird der Flughafen Grenchen 90 Jahre alt. Im Januar 1931 wurde die Sektion Grenchen des Aero-Club der Schweiz gegründet. Bereits vier Monate später, am 12. April 1931, startete der Flugbetrieb mit einem Flugzeug und einem Hangar.

In den neun Jahrzehnten wurde Grenchen mit seinem Flugplatz zum Ort von ungezählten menschlichen Biografien. Tausende von Pilotenkarrieren haben in der Witi ihren Anfang genommen. Freudestrahlen gab es bei bestandenen Prüfungen und Selektionen, Tränen und Entsetzen bei schweren Unfällen, die auf und um den Flugplatz geschahen.

Das goldene Zeitalter der Luftfahrt

In den Anfangsjahren lag im damals noch sehr kleinen, aus Holz gebauten Grenchner Flugplatzbeizli ein Gästebuch auf, das heute im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Die 1930er Jahre gelten als goldenes Zeitalter der Luftfahrt. Viele Flugzeugtypen wurden entwickelt, die Sportfliegerei und der Segelflug kamen auf, während die Verkehrsluftfahrt mit grösser und schneller werdenden Flugzeugen wie Junkers Ju-52 und Douglas DC-3 immer mehr internationale Verbindungen anbieten konnte.

Doch im Spätsommer 1939 kam das plötzliche Aus, wie ein besonders eindrückliches Dokument im Gästebuch dokumentiert: Am 28. August 1939 belegte das Militär kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Grenchner Flugplatz, der zivile Flugbetrieb wurde verboten.

Es war die Fliegerkompanie 12, die sich auf dem Flugplatz installierte. Sie gehörte zur Fliegerabteilung 4, deren Stab sich in Bätterkinden und Utzenstorf befand. Zur Abteilung gehörten neben den «Zwölfern» in Grenchen noch die Fliegerkompanien 10 (Flugplatz Utzenstorf) und 11 (Flugplatz Biel-Bözingen). Der Flugzeugtyp der Fliegerkompanie 12 war die Dewoitine D-27. Das Jagdflugzeug stand seit 1930 im Dienst und war mit einem Motor von nur 500 PS bereits veraltet.

Soldaten heimgeschickt, mangels Flugzeugen

Von den 21 Fliegerkompanien der Schweizer Luftwaffe im Jahr 1939 besassen nur drei kriegsgenügende Jagdflugzeuge vom Typ Messerschmitt Me-109; vier Kompanien mussten nach der Mobilmachung gleich wieder entlassen werden, weil sie überhaupt keine Flugzeuge in ihrem Etat führten!

Im Gästebuch sind zwei Ansichten der Dewoitine D-27 zeichnerisch festgehalten, die das Flugzeug von vorne und von der Seite zeigen. Hinzu kommt ein auffällig gekonnt gezeichneter Soldatenkopf mit dem damaligen Ordonnanzhelm. Die Unterschriften gehören auf der linken Seite den Offizieren, die in aller Regel auch die Piloten waren; auf der rechten Seite sind die Namen der Mannschaftsgrade aufgeführt, die sich am 28. August 1939 bereits in Grenchen befanden.

Interessant ist, dass die Piloten ihre Herkunft nicht niederschrieben, die Soldaten aber zumeist festgehalten haben, aus welcher Ortschaft sie kommen. In der Luftwaffe als eidgenössische Truppe waren (und sind) die Einheiten ein bunt gemischter Haufen mit Wehrmännern aus allen Landesteilen. Ausnahmen bildeten die Fliegerkompanie 10, die möglichst aus Ticinesi zusammengesetzt wurde, sowie die Nummern 1 bis 6, in denen mehrheitlich Romands eingeteilt waren.

Besonders auffällig sind die Namen von zwei Piloten, hinter denen nachträglich zwei Kreuze markiert wurden. Beide, sowohl Rudolf Rickenbacher wie Paul Treu, wurden Opfer vom fremdem Feuer in Luftkämpfen. Der 24-jährige Leutnant Rudolf Rickenbacher aus Lotzwil (BE) sollte an diesem 28. August 1939 nicht einmal mehr ein Jahr vor sich haben: Am 4. Juni 1940 ereigneten sich über dem Jura schwere Luftkämpfe zwischen der deutschen und der schweizerischen Luftwaffe.

Rickenbacher startete an diesem Tag mit einer Messerschmitt Me-109 in Olten und wurde im Raum Boécourt von einem deutschen Flugzeug beschossen. Seine Maschine brannte bereits in der Luft. Der Pilot wurde durch eine rasante Drehbewegung des Flugzeugs aus dem Cockpit geschleudert, wobei sich sein Fallschirm öffnete, sich aber am Flugzeug verfing.

Die Leinen wurden zerrissen und Rickenbacher fiel aus mindestens 2'000 Meter über Grund im freien Fall zu Boden. Die Messerschmitt bohrte sich 50 Meter neben dem Friedhof von Boécourt in die Erde. Die sterblichen Überreste des Piloten lagen 400 Meter entfernt an der Hauptstrasse von Bassecourt nach Boécourt. Ein schlichter Gedenkstein erinnert noch heute an dieser Stelle an das Schicksal des Militärpiloten Rudolf Rickenbacher.

Leutnant Paul Treu, Jahrgang 1913, stammte aus Balsthal und war von Beruf Forstingenieur ETH. Bei seinem militärischen Aufenthalt in Grenchen lernte er die junge Grenchnerin Doris Zemp kennen und lieben, deren Eltern an der Centralstrasse ein Möbelgeschäft betrieben. Vier Jahre später, im September 1944, war Paul Treu beruflich Adjunkt auf dem kantonalen Oberforstamt in Solothurn, wo er in der Zwischenzeit auch mit seiner Ehefrau Doris und dem ersten fünf Monate alten Sohn Peter Treu an der Burgunderstrasse 8 wohnte.

Von amerikanischer P-51 Mustang angegriffen

Als Milizmilitärpilot war er nun in der Fliegerkompanie 7 eingeteilt. Am 5. September 1944 war Oberleutnant Treu im Aktivdienst in Dübendorf und musste kurz vor dem Mittag mit einer Messerschmitt Me-109 zum Neutralitätsschutz aufsteigen, weil amerikanische Bomber in die Schweiz einflogen.

Während er und sein Patrouillenkamerad Robert Heiniger eine Boeing B-17 «Fliegende Festung» zur Landung nach Dübendorf begleiteten, wurden sie von zwei amerikanischen P-51 Mustang angegriffen, in denen die beiden Piloten Earl Erickson und Nathan Ostrow sassen. Die beiden waren in Fowlmere bei Cambridge gestartet und hatten einen Bomberpulk nach Stuttgart begleitet.

Anschliessend waren sie Begleitschutz für die von der Flak beschädigte B-17 in Richtung der neutralen Schweiz. Treu stürzte am Körper tödlich getroffen in Zürich-Affoltern ab, wo sich im Hürstwald zu seinen Ehren ein aufwendig gestaltetes Denkmal befindet.

Der Luftkampf über Zürich zeigt auf, wie unterschiedlich menschliche Schicksale sein können: Der aus Utzenstorf stammende Militär- und Linienpilot Robert Heiniger, der wie Paul Treu beschossen wurde, konnte seine schwer beschädigte und brennende Messerschmitt in Dübendorf auf dem Bauch notlanden. Er wurde Ende 1968 als Swissair-Pilot pensioniert und starb hochbetagt im Jahr 2010.

Noch ein weiterer in Grenchen stationierter Pilot sollte später den Fliegertod erleiden, allerdings fehlt das Kreuz im Gästebuch: Der Berufsmilitärflieger Wolfram Soldenhoff gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den ersten Jetpiloten der Schweiz. Jahre später, bei der Überführung eines Kampfjets De Havilland DH-122 Venom von Buochs nach Dübendorf, verunglückte er am 30. November 1959 bei einer Bruchlandung auf der Piste des Dübendorfer Flugplatzes. Der sehr erfahrene Militärpilot (Brevetdatum 31. Oktober 1931) verlor auf der Stelle sein Leben.