«Beicht-Seite»

Cyber-Mobbing an Grenchner Schule — Schulleitung interveniert

gestellte Szene zu Mobbing in der Schule

"Schau, was hier über Selin geschrieben steht..."

gestellte Szene zu Mobbing in der Schule

An der Grenchner Oberstufe wurden Schüler und Lehrkräfte durch beleidigende und herabsetzende Äusserungen auf der Internet-Plattform Instagram gemobbt. Schätzungsweise 200 Jugendliche hatten eine so genannte «Beicht-Seite» abonniert.

«Ich, w/13 beichte, dass ich Selin nicht leiden kann, weil sie falsche Gerüchte in die Welt gesetzt hat. Sie ist auch voll langweilig geworden». In diesem Stil (und noch viel schlimmer) wird auf sozialen Medien, insbesondere auf Instagram, von Jugendlichen per Smartphone Cyber-Mobbing betrieben. Mit Beichten hat das Phänomen, das auf sogenannten «Beicht-Seiten» stattfindet, freilich nichts zu tun, eher mit dem Gegenteil: nämlich Personen blosszustellen und zu diffamieren.

Eltern informiert

In der Grenchner Oberstufe ist das Ganze in den letzten Tagen offenbar aus dem Ruder gelaufen, sodass sich die Schulleitung genötigt sah, zu intervenieren. Alle Sekundarschüler brachten am Wochenende ein Schreiben nach Hause, in dem die Eltern über die Entwicklung ins Bild gesetzt wurden. «Auf Instagram wurde ausserschulisch eine inzwischen gelöschte ‹Beicht-Seite› eingerichtet. Darauf sind auch beleidigende, rufschädigende, nicht tolerierbare Äusserungen zu Schülerinnen und Schülern, aber auch zu Lehrpersonen unserer Schule zu finden gewesen», schreibt Rolf Glaus, Schulleiter der Sek I Zentrum.

Das Lehrerkollegium habe die Entwicklung «mit grosser Betroffenheit» zur Kenntnis genommen, heisst es weiter. Etwa die Hälfte der Jugendlichen im Schulhaus, also etwa 200 Jugendliche, hätten Nachrichten der Seite empfangen, präzisiert Glaus auf Anfrage.

Beispiel einer «Beicht-Seite» auf Instagram. Auf einer solchen Plattform wurde das Cyber-Mobbing betrieben.

Beispiel einer «Beicht-Seite» auf Instagram. Auf einer solchen Plattform wurde das Cyber-Mobbing betrieben.

Von Schülern erfahren

Man habe das Schreiben verfasst, in der Hoffnung, die Problematik werde im Elternhaus zur Kenntnis genommen und thematisiert. Die Eltern werden aufgefordert, die Kenntnisnahme des Briefes mit ihrer Unterschrift zu quittieren. «Es ist gut möglich, dass auch über ihr Kind Beiträge geschrieben worden sind, die Sie mit Bestimmtheit nicht gutheissen würden», heisst es auch.

Die Lehrerschaft habe von den Instagram-Umtrieben unter anderem von Schülern erfahren, welche bei diesem Treiben nicht mitmachen wollten, was im Schreiben lobend erwähnt wird. Viele Schülerinnen und Schüler hätten sich «tadellos verhalten und zum Teil sogar öffentlich ihre ablehnende Haltung zu verwerflichen Inhalten kundgetan». Es seien ebenfalls schon «Entschuldigungen verfasst worden». In einem Fall sei der Schulleitung auch der Verfasser der Verunglimpfungen bekannt, erklärt Glaus.

Was bedeutet das für diese Person? Glaus äussert sich dazu nicht, weist in seinem Elternbrief aber ausdrücklich darauf hin, dass Beleidigungen und Diskriminierungen von den Geschädigten zur Anzeige gebracht werden können. Komme es zur Anzeige, werde es «mit grosser Wahrscheinlichkeit möglich sein, die Autorinnen und Autoren der Beiträge zu eruieren». Ob es bereits Anzeigen gegeben hat oder nicht, lässt er offen. Und die Opfer? Gibt es Fälle von Traumatisierung? «Meines Wissens nicht», meint Glaus.

Und die Dunkelziffer?

Ist diese «Beicht-Seite» ein Einzelfall oder nur die Spitze des Eisbergs? Man habe darüber keine Kenntnis, da sich das ganze anonym im Internet abspiele, meint der Schuleiter dazu. Auf Snapchat, einer weiteren Internet-Plattform, tauchte allerdings nur wenige Tage später eine ähnliche Seite mit verletzenden Inhalten auf, die der Schule inzwischen auch bekannt ist.

Die Schule kündigt in dem Schreiben auch eine «Nulltoleranz»-Politik an, wobei offen bleibt, was damit gemeint ist. Laut Glaus werden die Vorfälle jetzt in den Schulzimmern thematisiert. Die Jugendlichen müssten immer wieder sensibilisiert werden, dass beleidigende, rufschädigende und diskriminierende Äusserungen zu unterlassen sind. Die Eltern seien aufgefordert, die Schule bei diesen Bemühungen zu unterstützen.

In diesem Ausmass neu

Laut Gesamtschulleiter Hubert Bläsi ist es das erste Mal, dass Cyber-Mobbing in einer Grenchner Schule in diesem Ausmass bekannt wird. «Wobei ich damit nicht sagen kann, dass es das vorher nicht gegeben hat.» Bläsi betont, dass die Schule selber ausser Prävention und Sensibilisierung der Schüler nicht viel tun könne. Er habe allerdings jetzt eine Anfrage beim Kanton deponiert, welche weiteren, allenfalls auch juristischen Optionen, eine betroffene Schule überhaupt habe.

Schon Teil des Unterrichts

Sowohl Glaus als auch Bläsi weisen darauf hin, dass an Grenchens Schulen der Umgang mit den sozialen Medien durchaus zum Lehrplan gehöre, einerseits im Informatikunterricht, anderseits würden alle Schülerinnen und Schüler im 7. Schuljahr durch die (kantonale) Jugendpolizei und die Fachstelle Perspektive über die rechtlichen Aspekte des Internets und der sozialen Medien orientiert.

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