Grenchner Detailhandel
Bei Verkaufsbeschränkungen gibt es grosse regionale Unterschiede – ein System ist kaum erkennbar

Ein Rundgang durch die Non-Food-Abteilungen von Grossverteilern in Grenchen zeigt, dass es bei der Umsetzung der Verordnungen über die «Güter des täglichen und kurzfristigen Gebrauchs» mächtig hapert. Ein Blick über die Kantonsgrenze zeigt auch, dass die Handhabung unterschiedlich ausfällt.

Oliver Menge
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Trotz umfassender Schutzkonzepte: Bücher Lüthi muss geschlossen bleiben.

Trotz umfassender Schutzkonzepte: Bücher Lüthi muss geschlossen bleiben.

Oliver Menge

Im ersten Lockdown letztes Jahr gab diese Frage bereits zu reden. Die Grossverteiler waren sich bei gewissen Artikeln nicht einig, ob man diese jetzt den «Gütern des täglichen Gebrauchs» zurechnen müsse oder nicht.

Jetzt, beim zweiten Lockdown, bei dem der Bundesrat respektive das BAG etwas genauer umschriebene Verordnungen erliess, sollte alles besser sein, müsste man meinen. Zwar hat man auf einige unverständliche Verbote, wie sie letzten März verhängt wurden, verzichtet: wie beispielsweise das Verbot für Grossverteiler, Blumen zu verkaufen – auf Initiative des Floristenverbands hin –, das zur Folge hatte, dass unzählige Blumensträusse auf dem Kompost landeten. Ausserdem war es den Grossverteilern im März 20 mehr oder weniger selber überlassen, zu entscheiden, welche Güter sie nun als «Güter des täglichen Bedarfs» deklarieren und weiterhin verkaufen wollten oder nicht, denn die schwammig formulierte Verordnung gab wenig Aufschluss.

Bis alle gleichgeschaltet sind, wird es noch dauern

Ist jetzt also alles besser organisiert? Die Änderung der «Verordnung über Massnahmen in der besonderen Lage zur Bekämpfung der Covid-19-Epidemie vom 13. Januar 2021 ist in der Tat etwas präziser. Bei der Umsetzung hapert es aber noch gewaltig, wie ein Augenschein zeigt: Im Coop Grenchen beispielsweise waren Küchenutensilien, die laut Verordnung des Bundesrats klar unter die Kategorie «Güter des kurzfristigen und täglichen Bedarfs» fallen, in den ersten Tagen nicht offiziell zugänglich.

Was natürlich niemanden daran hinderte, die Artikel selber unter den bloss mit einem Band abgesperrten Gestellen hervorzukramen und beim Self-Check-out zu bezahlen. Im Gegenzug muss niemand mehr auf Kosmetika und Unterwäsche verzichten, weil diese neu in die Ausnahmen aufgenommen wurden, ebenso wie Parfüm. Aber die Anzahl Gestelle, die im Coop an der Solothurnstrasse mit Bändern abgesperrt sind, ist überschaubar.

Keine Spielwaren

In der Migrosfiliale beim Südbahnhof verlässt man sich auf die Angaben des Kantons: Laut Auskunft eines Angestellten haben Vertreter des Kantons sich explizit die Mühe gemacht, nach Grenchen zu fahren und gemeinsam mit den Verantwortlichen das Sortiment zu begutachten und darüber zu informieren, was erlaubt ist und was nicht.

Im Untergeschoss ist im Gegensatz zum letzten Lockdown die Kleiderabteilung nicht vollständig abgesperrt: Der Kunde wird zwischen den «verbotenen» Ständern und Gestellen mit Jacken, Pullis, Pyjamas, Hosen, Mützen und Handschuhen etc. hindurchgelotst, vorbei an grossen Körben mit Unmengen an Socken – meist schwarz – in allen Grössen und Qualitäten und Gestellen mit Unterwäsche, die verkauft werden dürfen. Ganz gesperrt ist die Spielwarenabteilung, praktisch die ganze Unterhaltungselektronik-Abteilung und die Gestelle in der Papeterie mit Dekomaterial und Geschenkpapier. Schätzungsweise ein Fünftel der Ladenfläche insgesamt ist nicht mehr zugänglich.

Ein Rundgang durch Otto’s an der Maienstrasse zeigt da ein anderes Bild: Mehr als die Hälfte der Ladenfläche – die gesamte Möbelabteilung – ist gesperrt. Die Kunden werden mit Paletten und Absperrbändern zwischen den Gestellen hindurchgeführt, vorbei an Gestellen, die «verbotene» Waren enthalten – wie beispielsweise Handyhüllen und Kopfhörer. Hin zu Kosmetika, Seifen und Shampoos, Reinigungsmitteln, hin auch zu Wein und Spirituosen.

Vieles ist nicht mehr erhältlich. Wer nun aber glaubt, dass jetzt der grosse Verzicht angesagt ist, irrt gewaltig. Denn online kann man bei den Grossverteilern alles bestellen und zum Teil sogar im Laden abholen. Wie eine Verkäuferin im Otto’s lakonisch meinte: «Wer einkaufen gehen will, der geht auch so einkaufen, Beschränkungen hin oder her.»

Unterschiedliche föderalistische Auslegung

In der Verordnung des Bundes heisst es: «Einkaufsläden sowie Märkte im Freien sind für das Publikum geschlossen. Zulässig ist das Abholen bestellter Waren vor Ort. Folgende Einrichtungen, einschliesslich Märkte im Freien mit gleichem Angebot dürfen offen bleiben: Lebensmittelläden und sonstige Läden, soweit sie Lebensmittel oder andere Güter des kurzfristigen und täglichen Bedarfs verkaufen; Apotheken, Drogerien und Läden für medizinische Hilfsmittel (z. B. Brillen, Hörgeräte); Verkaufsstellen von Telekommunikationsanbietern; Geschäfte für Reparatur und Unterhalt, wie z. B. Wäschereien, Nähereien, Schuhmacher, Schlüsseldienste sowie Autogaragen und Fahrradgeschäfte, soweit sie Reparaturen anbieten; Bau- und Gartenfachläden sowie Eisenwarengeschäfte, für Bau- und Gartenartikel, Blumenläden; Tankstellen. Vieh- und Schlachtviehmärkte im Freien.» Dienstleistungsbetriebe wie Coiffeure, Reisebüros, Nagelstudios sind im Gegensatz zum ersten Lockdown ebenfalls nicht geschlossen.

Im Anhang findet sich eine einigermassen detaillierte Aufzählung dieser Güter des kurzfristigen und täglichen Bedarfs: Alle Lebensmittel, Haushaltsartikel, Kosmetika, Unterwäsche und Babywäsche, soweit sie nach Art und Preis Verbrauchsgütercharakter haben, Werkzeuge, Blumen, Koch- und Essutensilien usw.

Der Kanton Solothurn geht etwas weiter: Auf einem Blatt, der Grösse A3, welches der Kantonale Gewerbeverband seinen Mitgliedern gestern verschickte, sind detailliert alle Produkte­gruppen aufgeführt und mit «Ja» oder «Nein» gekennzeichnet. Unterwäsche, BHs und Socken beispielsweise dürfen verkauft werden, offenbar auch ohne die erwähnte Einschränkung, die der Bund vorgibt. Bei den Einrichtungsgegenständen und Möbeln gibt es ein kategorisches Nein, ebenso bei Lampen generell. Nur Leuchtmittel sind erlaubt. Aufbewahrungssysteme in der Küche – damit sind wohl Frischhaltedosen aus Glas oder Plastik gemeint – sind verboten, entgegen den Angaben des Bundes. Dinge, die man in einem Lockdown allerdings gut gebrauchen könnte wie Bastelzeugs, Strickzeugs, Spielsachen für die Kinder, Bücher oder DVDs, um sich die Zeit zu vertreiben – die sind auf allen Listen verboten.

Föderalismus macht alles noch viel komplizierter

Stossender ist der Umstand, dass nur ein paar Kilometer weiter grosse Einkaufszentren wie Hornbach oder Jumbo Bau und Hobby in Biel im Kanton Bern einen Grossteil ihres Sortiments immer noch verkaufen dürfen. Kleine, auf bestimmte Produkte spezialisierte Läden erhalten zwar jetzt einfacher eine Härtefallentschädigung. Das ist aber angesichts der Tatsache, dass die Konkurrenz, die ihnen schon unter normalen Umständen Bauchschmerzen verursacht, vom Lockdown bedeutend weniger betroffen ist, ein schwacher Trost.

Hornbach beispielsweise hat laut Auskunft eines leitenden Angestellten etwa einen Drittel des Sortiments nicht zum Verkauf freigegeben. Ein Verkaufsverantwortlicher bei Jumbo sagt zwar, die Kundenfrequenzen seien drastisch eingebrochen, weil offenbar niemand wisse, dass ihre Filialen geöffnet seien. Er weist auf ein weiteres Problem hin: Jeder Kanton hat eigene Listen erstellt, auf denen die Definition der «Güter des täglichen und kurzfristigen Bedarfs» noch weiter eingegrenzt werden.

So dürfen im Kanton Bern beispielsweise Keramik-Lavabos, Kleinmöbel fürs Badezimmer, ja sogar ganze Saunas verkauft werden. Auch das ist im Kanton Solothurn nicht möglich. Der Kanton Neuenburg geht sogar noch weiter: Dort ist es beispielsweise nicht einmal erlaubt, eine Bohrmaschine zu verkaufen, obwohl die Liste des BAG solche «Werkzeuge» klar als erlaubt definiert. Aber, so der Jumbo-Angestellte, der namentlich nicht genannt werden möchte: «Die Definition, was jetzt verkauft werden darf und was nicht, ist oft nur eine Interpretationsfrage.»

Der Rundgang im Jumbo Biel zeigt auch, wie zufällig die Definition bisweilen ausfällt: Während Kissen und zugeschnittene Teppiche nicht mehr verkauft werden dürfen, können die Kunden aus einem grossen Sortiment an Vorhängen aussuchen. Und auch Teppichresten sind frei erhältlich. Wer fürchtet, die Stromversorgung könnte jetzt plötzlich ausfallen, besorgt sich einen 5000-Watt-Stromgenerator, direkt aus dem Gestell. Und wer den Lockdown nutzen will, um seine Hausfassade und die Steinplattenwege im Garten zu reinigen, kann unter einer Vielzahl von Hochdruckreinigern auswählen. Geht aber der Staubsauger kaputt, wirds problematisch: Den kann man nicht einfach kaufen. Man muss ihn online bestellen, und statt ihn im Gestell im Gang XY zu holen, geht man 20 Meter weniger weit und holt ihn beim Kundendienst ab.

Noch kurioser wird es in der Beleuchtungsabteilung: Lampen sind erlaubt, Dekoleuchten nicht. Der Unterschied ist in vielen Fällen schlicht nicht ersichtlich. So auch in anderen Abteilungen: Fahrradhelme sind erlaubt, Motorradhelme hingegen nicht. Da soll einer noch schlau werden ...

Macht das Sinn?

Zu Hause bleiben, Homeoffice, möglichst wenige Kontakte stehen erneut zuoberst auf der Agenda. Unter allen Umständen die Verbreitung des Virus vermeiden, insbesondere, weil man mit den aggressiveren Mutationen ein Explodieren der Fallzahlen befürchtet. Restaurants und Geschäfte bleiben zu, um Menschenansammlungen zu vermeiden – davon gibt es beim Schlangestehen auf dem Weg zur Skipiste oder im ÖV in den Ballungszentren schon genug, nebenbei bemerkt. Insofern macht es Sinn, das Angebot in den noch geöffneten Läden auf ein Minimum zu beschränken, ohne Zweifel.

Aber macht es auch Sinn, ausser den kleinen Boutiquen, Kleider-, Schuh- und Hand­taschenläden, Schmuck- oder Möbelläden, die den letzten Sommer über viel Energie und Geld in Schutzkonzepte investiert haben, praktisch alle grossen Fachmärkte offen zu halten? Die Grossverteiler machen ihr Geschäft so oder so. Entweder im Laden oder online. Den Kleinen aber droht nun endgültig der Schnauf auszugehen. Härtefallentschädigung hin oder her.

Und macht es Sinn, wenn jetzt schon wieder jeder Kanton sein Sonderzügli fährt und eigene Listen definiert? Ganz abgesehen davon, welchen bürokratischen Aufwand man betreiben muss, um «den eigenen Weg» zu definieren, und welche Kosten es verursacht, die korrekte Umsetzung durch dafür abgestelltes Personal zu kontrollieren?