Vor 22 Jahren kam Anelise De Freitas von Brasilien in die Schweiz nach Grenchen. Zuerst überfordert durch den Kulturschock, wollte sie lange in den südamerikanischen Staat zurückkehren. Inzwischen ist Grenchen ihre zweite Heimat geworden, sie spricht fliessend Solothurner Dialekt und befasst sich als Angestellte der Stadt mit Integrationsförderung und Asylbetreuung.

Im Auftrag des Kantons führt Grenchen als Pilotstadt seit fast zwei Jahren mit fremdsprachigen Neuzuzügern aus dem Ausland ein Informationsgespräch, das der Integrationsförderung dienen soll. Zusammen mit Sandra Dürrenmatt führt De Freitas diese Erstgespräche. Es gibt sowohl Einzel- als auch Familiengespräche. Dabei teilen die beiden Frauen die Arbeit unter sich auf. Zunächst war es wie ein Sprung ins kalte Wasser. «Wir beide arbeiten seit Jahren für die Stadt, aber nicht auf diesem Gebiet. Es war eine rechte Herausforderung. Doch inzwischen haben wir uns das nötige Wissen und Know-how erarbeitet», so De Freitas.

Zuzüger müssen sich engagieren

Die Informationsgespräche sollen dazu dienen, den Migrierenden das Leben in der Schweiz mit seinen verschiedenen Facetten zu zeigen, gleichzeitig werden aber auch die Forderungen der Stadt an die Migrierenden zum Ausdruck gebracht. «Sobald sich jemand mit Migrationshintergrund bei der Einwohnerkontrolle meldet, erhält er oder sie eine Einladung, bei uns vorzusprechen», beschreibt De Freitas. «Wenn nötig, ist auch ein Dolmetscher beim Treffen anwesend.»

Es sei wichtig, dass eine Person mit am Tisch sitze, die auch die Kultur des Zuzügers kenne. «Wir machen jeweils mit Nachdruck klar, dass sich ein jeder anstrengen muss, wenn er oder sie in der Schweiz dauerhaft leben möchte. Sich zu integrieren, die hiesigen Regeln zu respektieren und die deutsche Sprache zu lernen, ist ein Muss – das unterstreichen wir bei jedem Gespräch», betont De Freitas. «Die meisten Migranten haben einen Arbeitsvertrag, können aber kein Wort Deutsch und haben zum Teil die Einstellung, sich nach Ablauf des Arbeitsvertrags einfach bei der Sozialhilfe anzumelden. Wir machen klar, dass das nicht in Ordnung ist.»

Weiter wird der wichtige Stand der Gleichberechtigung betont. Auch über das Bildungssystem und das Vereinsleben werden die Zuzüger in Kenntnis gesetzt. «Das Schulsystem ist von Land zu Land unterschiedlich. Und in den meisten Ländern gibt es kein solches Vereinsleben, wie wir es kennen», erklärt De Freitas. «Wir zeigen ihnen zum Beispiel, welche Vereine integrative Unterstützung leisten und in was für Vereinen sie sich engagieren können. Von einigen Neuzuzügern wissen wir, dass sie im FC Grenchen mitmachen.»

Und schliesslich sind auch die Abfallentsorgung und der zugehörige Abfallplan etwas, das es zu erklären gilt. «Wir haben festgestellt, dass die meisten Zuzüger aus dem Ausland das Prinzip nicht verstehen und überfordert sind.» Die Feedbacks zum Integrationsgespräch seien bisher durchweg positiv ausgefallen. Nicht nur vonseiten der Zuzüger. So hätte es in etlichen Deutschkursen mehr Anmeldungen gegeben.

Mundartlieder in Brasilien

Als De Freitas von Rio in die Schweiz kam, gab es solche Integrationsgespräche noch nicht, sie musste sich entsprechend alles selber erarbeiten und weiss, wie einschneidend die Erfahrung ist, das eigene Land zu verlassen. Begeisterung und Trauer seien wichtige Stichworte. «Ich kam mit meinem damaligen Mann in die Schweiz. Ich dachte damals, dass ich hier keine Karriere machen könnte, in Brasilien habe ich einen Bachelor in Kommunikation absolviert. Die finanzielle Grundlage und auch der soziale Kontakt haben mir gefehlt, ich fühlte mich isoliert», erinnert sich die Mutter von zwei Kindern.

Dann habe sie angefangen, Deutsch zu lernen, auch vor dem Schweizerdeutschen machte ihr Lerneifer nicht Halt. «Kaum konnte ich Deutsch sprechen, lernte ich einfacher neue Menschen kennen und baute hier ein Netzwerk auf. In der Schweiz kann man gut leben, aber man muss etwas dafür tun.» Wer sich integriere, könne nur profitieren, weiss sie aus eigener Erfahrung. «Ideal ist, wenn man mit dem Herkunftsland und der neuen Heimat fusioniert.»

Eine Anekdote, die sie erwähnt, bringt sie zum Schmunzeln: «Einmal war ich am ersten August in Brasilien meine Verwandten besuchen. Da haben wir Älplermagronen gegessen und Mundartlieder gehört.» In der Schweiz lebt sie beide Kulturen aus. So feiert sie zum Beispiel brasilianische Feste und kocht Gerichte aus ihrem Herkunftsland. Die Brasilianer würde sie als Menschen bezeichnen, die sich schnell anpassen könnten. «Brasilianern geht es immer gut. Das liegt wohl daran, dass Brasilien ein instabiles Land ist. Da ärgert man sich beispielsweise nicht, wenn etwas nicht planmässig verläuft.»

Brasilianerinnen und Brasilianer seien auch sehr offen, sehr schnell würden sie neue Kontakte und Freundschaften schliessen, jedoch geht eine Freundschaft immer wieder entsprechend auch schneller auseinander. «In der Schweiz habe ich eine andere Bedeutung von Freundschaft kennenlernen dürfen.»

Und schliesslich kommt sie auch auf ihre Bindung zu Grenchen zu sprechen. «In Grenchen finden wir alles, was wir brauchen», beschreibt sie. «Wir haben tolle Angebote, von Sport, zu Einkauf und Kultur. Die Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, waren sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung. Ich empfinde das tatsächlich als Geschenk, nach Grenchen gezogen zu sein.»