Vorsichtig öffnet die junge Frau die Wohnungstür erst nur einen Spalt. Dann erkennt sie Asylbetreuerin Bea Corti, lächelt und macht die Tür ganz auf. Der Besuch im Süden von Grenchen ist angemeldet, verbunden mit der Bitte, dass alle Bewohnerinnen anwesend sein sollen. Doch nur zwei der fünf Eritreerinnen sind da, Johana Estifanos und Semhar Asfaha.

Jeweils am Montagnachmittag besuchen die drei Asylbetreuerinnen der Sozialregion Oberer Leberberg im Turnus die WGs der Klienten. Nachdem Bea Corti beim letzten Besuch dieser Wohnung auf Bitte der jungen Frauen gegen Bezahlung Putzmittel mitgebracht hat, will sie nun wissen, ob die Bewohnerinnen sich wie abgemacht auf eine Chefin für den Wohnungsputz geeinigt haben. Beide schauen sich an und schütteln den Kopf. «Maybe Helen», schlägt Estifanos dann unsicher vor.

«Helen», so erklärt Bea Corti, «lebt seit sieben Jahren in der Schweiz und kann schon recht gut Deutsch. Die übrigen vier sind erst seit diesem Frühling da. Sie sprechen englisch, aber erst wenig deutsch.» Die Vierzimmerwohnung wurde länger nicht gestrichen, doch das Wohnzimmer wirkt ordentlich und sauber.

Gute Beziehung zu Vermietern

Neben der Putzorganisation, die noch nicht klappt, findet die Asylbetreuerin Grund zum Lob: Die Balkontür steht zum Lüften offen. «Das ist jetzt, wo es auf den Winter zugeht, ein Dauerthema.» Bea Corti erklärt, dass die Asylbetreuung grossen Wert auf eine gute Beziehung mit den Wohnungsvermietern legt.

Mieterin der Asylbewerber-WGs ist die Sozialregion, die Bewohner sind Untermieter. «Wir achten darauf, dass die Bewohner die Wohnungen pflegen.» Deshalb nimmt Bea Corti sich immer wieder Zeit, um die Hausordnung und die Gepflogenheiten im Zusammenleben hierzulande zu erklären.

«Ich mache mich immer verständlich und wenn ich mit den Händen reden muss oder mit einer Mischung aus Englisch und Deutsch», sagt sie und lacht. «Sehr oft arbeite ich mit Bildern und zeige, was ich meine.

So habe ich zum Beispiel immer einen Ghüdersack bei mir und kann demonstrieren, wozu er dient.» Auch Verpackungen von Glühbirnen seien nützlich zum Vorzeigen. Für diese WG hat Bea Corti einen Ämtliplan entworfen, auf dem sie die Wochentage in Tigrinya (Landessprache von Eritrea) notiert hat.

Zeichen des Respekts

Die Verständlichkeit ist einer der wenigen Punkte in der guten Zusammenarbeit, bei der sich die Asylbetreuerinnen amtliches Entgegenkommen wünschen. Denn das Sozialamt verfasst Briefe an Asylbewerber im gleichen Behördendeutsch wie an alle übrigen Klienten.

Die meisten Asylbewerber verstehen da nur Bahnhof. Im besten Fall bitten sie die Asylbetreuerinnen um «Übersetzung», im schlechtesten versuchen sie das Schreiben zu ignorieren, was unliebsame Konsequenzen nach sich zieht.

Karin Schaumburger, Bereichsleiterin Sozialdienst, ist ausnahmsweise beim Wohnungsbesuch dabei. Sie erklärt, warum sie keine Unterschiede zwischen Asylbewerbern und anderen Klienten macht: «Asylbewerber sind mündige Menschen und haben ein Anrecht darauf, als solche behandelt zu werden.

Allein die Tatsache, dass einem Menschen die Flucht aus einem Kriegs- oder Krisengebiet gelungen ist, beweist, dass er oder sie etwas kann.»

Bevölkerung spendet Material

Dieses «etwas» umfasst allerdings bei der Ankunft fast nie die Alltagssprache. Dessen ist sich Karin Schaumburger bewusst und deshalb schätzt sie die Arbeit der Asylbetreuerinnen umso mehr: «Was Bea Corti und ihre beiden Kolleginnen leisten, fachlich, wie auch menschlich, ist unglaublich.

Auch daran, dass wir mit den engen finanziellen Vorgaben des Kantons zurechtkommen und gut im Budget sind, haben die Asylbetreuerinnen entscheidend Anteil.»

Als Beispiel nennen Schaumburger und Corti die Wohnungsausstattung. Pro Asylbewerber und Monat stünden für sogenannte situationsbedingte Leistungen 30 Franken zur Verfügung. Daraus kalkuliert die Sozialregion 10 Franken für Möblierung.

Mit diesem Betrag lässt sich bekanntlich keine Matratze kaufen, geschweige denn eine Küchenausstattung. Dass diese Dinge jedem Neuankömmling zur Verfügung stehen, ist Materialspenden aus der Bevölkerung zu verdanken, mit denen die Asylbetreuerinnen ein Depot angelegt haben.

«Ich habe Menschen gern, und diese Arbeit gibt mir auch etwas zurück», sagt Bea Corti. Offenbar so viel, dass sie und ihre Kolleginnen das ganze Jahr über, Tag und Nacht, eine Notfalltelefonnummer für die Asylsuchenden unterhalten. Ein Aufwand, den weder der Kanton noch die Sozialregion vergüten kann.