Hebamme
Gibts bald nicht mehr genügend Hebammen?

Ab nächstem Jahr verlassen frischgebackene Mütter früher das Spital. Damit werden mehr Hebammen für Hausbesuche nötig sein. Der Schweizerische Hebammenverband befürchtet einen Engpass.

Lea Durrer
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Jede Schwangere braucht eine Hebamme, die sie während der Schwangerschaft unterstützt und bei der Geburt beisteht.

Jede Schwangere braucht eine Hebamme, die sie während der Schwangerschaft unterstützt und bei der Geburt beisteht.

Keystone

«Wir befürchten, dass im nächsten Jahr ein Mangel enstehen könnte», sagt Liliane Maury Pasquier, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Bereits heute könnten die Hebammen nicht alle Interessentinnen betreuen. «Manchmal haben wir Probleme, für eine Frau eine Hebamme zu finden», so Maury Pasquier.

 Liliane Maury Pasquier, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes

Liliane Maury Pasquier, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes

Keystone

Mit der ab 2012 geltenden Fallpauschale (siehe Kasten)

DRG: Fallpauschle für Patienten

DRG steht für Diagnosis Related Groups, zu deutsch: Diagnose-bezogene Fallgruppen. Werden Patienten im Spital behandelt, werden die erbrachten Leistungen je nach Diagnose anhand eines Klassifikationssystems in Fallgruppen unterteilt.

Spitäler müssen dann stationäre Leistungen über eine Fallpauschale abrechnen, weshalb Patientinnen und Patienten tendenziell früher nach Hause entlassen werden.

Dieses System tritt 2012 in Kraft und soll den Wettbewerb und die Vergleichbarkeit unter den Institutionen fördern. (ldu)

Ungewisse Zukunft mit DGO

Dass es um die Situation der Hebammen bereits heute nicht rosig steht, meint auch Claudia Spielmann, Leitende Hebamme im Kantonsspital Aarau. «Aktuell stellen wir im Aargau tendenziell abnehmende Hebammenzahlen fest.» Es könne nur unter sehr wenigen Bewerberinnen - meist 1 bis 2 Hebammen - ausgesucht werden. «Auf dem Markt der freiberuflichen Hebammen können Frauen tatsächlich schon heute nicht immer auf Anhieb eine Geburtshelferin finden», so Spielmann.

Wie sich die Lage mit der Einführung der Fallpauschale entwickelt, ist für sie ungewiss. «Wir Spitalhebammen, und auch die freipraktizierenden Hebammen, wissen nicht, was uns erwartet.»

Hebammen müssen flexibel sein

Von einem Mangel wollen die Hebammen in der Privatklinik Obach in Solothurn noch nichts wissen. «Wir finden eigentlich immer eine freiberufliche Hebamme, die die Betreuung einer Frau übernehmen kann», sagt Evelyne Schaub, Leiterin des Pflegedienstes.

In der Privatklinik arbeiten acht Hebammen, die sich 585 Stellenprozente teilen. Alleine im letzten Jahr wurden 472 Babys in der Klinik geboren. Im Vergleich dazu: Im selben Zeitraum erblickten im Bürgerspital Solothurn und im Kantonsspital Olten 1063 Kinder das Licht der Welt. In den beiden Spitälern der Solothurner Spitäler AG sind derzeit 31 Hebammen angestellt. Diese teilen sich 21 100-Prozent-Stellen.

Keine hängigen Vorderungen bei Santésuisse

Arbeiten in einem Spital oder einer Klinik ist attraktiver als der Job einer freipraktizierenden Hebamme, zumindest finanziell gesehen. Laut Liliane Maury Pasquier ist die Lohnsituation unbefriedigend. Und eine Verbesserung sei nicht absehbar, weil der Krankenkassenverband santésuisse seit Jahren nicht über die Konditionen diskutieren wolle. Schweizer Hebammen hätten immer noch denselben Vertrag wie vor fast 20 Jahren. «Der Lohn wurde nie angepasst», so Maury Pasquier.

Rund 3500 Hebammen in der Schweiz

Der Schweizerische Hebammenverband schätzt die Anzahl in der Schweiz arbeitenden Hebammen auf 3500. Diese Menge bleibt laut Maury Pasquier auch in den nächsten Jahren konstant.

Was von Kanton zu Kanton hingegen stark variiert, ist der Lohn. Der Jahresbruttolohn einer Spitalhebamme im Kanton Solothurn bewegt sich meist auf dem Niveau des Pflegepersonals zwischen 69'000 und 99'000 Franken. Und damit liegt ihr Einkommen immer noch um einiges höher als dasjenige frei praktizierender Hebammen. Für einen Hausbesuch im Solothurnischen erhält eine Hebamme gerade mal 78 Franken. Dieselbe Arbeit bringt im Aargau 85.80 Franken.

«Die Bedingungen, als freie Hebamme zu arbeiten, sind nicht gut», sagt denn auch Liliane Maury Pasquier vom Schweizerischen Hebammenverband. Und auch Kathrin Stettler, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Hebammenverbandes Sektion Aargau-Solothurn, meint: «Aufwand und Ertrag einer freiberuflich arbeitenden Hebamme sind nicht in Balance.»

Bei santésuisse sind jedoch keine hängigen Forderung von Seiten des Hebammenverbandes bekannt. «Bei uns ist keine Anfrage des Schweizer Hebammenverbands um eine Neuverhandlung des Vertrags hängig», sagt Mediensprecherin Silvia Schütz auf Anfrage. Zugegebenermassen handle es sich um einen langjährigen Vertrag. Falls die Hebammen unzufrieden seien, könnten sie sich direkt mit tarifsuisse, einer Tochtergesellschaft von santésuisse, in Verbindung setzen und Verhandlungen verlangen.

«Jede Schwangere braucht eine Hebamme»

Doch zum Dialog ist es bis heute nicht gekommen. Die Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes weiss: «Es gibt Hebammen, die nicht mehr zu diesen Bedingungen arbeiten wollen.» Immer mehr kehren deshalb der Arbeit als freiberufliche Hebamme den Rücken zu und arbeiten lieber in einem Spital oder einer Geburtsklinik.

Im Grunde eine verkehrte Entwicklung, werden doch die freiberuflichen Hebammen dringend benötigt. «Mehr denn je», so Kathrin Stettler, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Hebammenverbandes Sektion Aargau-Solothurn. «Jede Schwangere braucht eine Hebamme. Unabhängig davon, ob sie ihr Kind zu Hause oder im Spital zur Welt bringen will.»