Raser von Schönenwerd
Gibt es eine Gerechtigkeit für Lorena?

Ab Montag stehen in Olten drei 20-jährige Autofahrer vor Gericht. In der Nacht auf den 8. November 2008 waren sie von Aarau nach Schönenwerd gerast. Dabei kam es zum Crash: In einem entgegenkommenden, abbiegenden Auto wurde Lorena Wittwer geötet.

Christian von Arx
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Raser von Schönenwerd

Raser von Schönenwerd

Justiz unter Beobachtung

Vom Raserunfall in Schönenwerd am 8. November 2008 bis zur definitiven Anklageerhebung dauerte es rund ein Jahr. Nach weiteren 10 Monaten kommt der Fall nun vor Amtsgericht.

Die Arbeit der Justiz begann mit einem Eklat: Staatsanwalt Rolf von Felten, der in jener Nacht Pikettdienst hatte, entschied von zu Hause aus, nicht selbst an den Unfallort auszurücken. Zwar hätte seine Anwesenheit kaum etwas an der Spurensicherung durch die Polizei geändert. Angesichts der Tragweite des Falls erwies sich jedoch das Fernbleiben als krasser Fehlgriff. Die Entrüstung in den Medien war heftig. Es gab dringliche Vorstösse im Kantonsrat. Dabei gab auch zu reden, dass die Beschuldigten nicht in Untersuchungshaft gesetzt und die Fahrzeuge der beiden nachfolgenden Raser nicht eingezogen wurden. Von Felten entschuldigte sich öffentlich für sein Nichtausrücken an den Tatort. Er erhielt einen Verweis vom Regierungsrat und akzeptierte diese Disziplinarstrafe. Von Felten führte die Untersuchung fort. Es folgte ein Wirbel um die Protokollierung des Augenscheins mit allen Beteiligten am Tatort. Von Felten war der Ansicht, dass die Aussage eines Zeugen zur Reihenfolge der Fahrzeuge offensichtlich falsch notiert worden war, und berichtigte dies nachträglich im Protokoll. Dagegen erhob der Anwalt des kroatischen Rasers Beschwerde. Das Obergericht wies diese ab, hielt aber fest, die Protokollierungspraxis der Staatsanwaltschaft sei problematisch. Ende April 2009 reichte der Staatsanwalt seine Anklage ein - allerdings nur gegen zwei der Raser, den Griechen und den Kroaten. Für den Türken war seiner Ansicht nach der Kanton Aargau zuständig, weil dort zwei Verfahren gegen den gleichen Beschuldigten hängig waren. Die Frage der Zuständigkeit wurde im August 2009 vom Bundesstrafgericht in Bellinzona entschieden: Der Kanton Solothurn musste alle Verfahren übernehmen. Im Juli 2009 reichte der Grieche, der als Vorderster mit dem Audi in den abbiegenden roten Golf gerast war, Strafanzeige wegen Tötung und Körperverletzung gegen den beim Unfall verletzten Golf-Fahrer ein. Er vertrat also die Ansicht, dass dieser Fahrer an der Kollision mindestens mitschuldig war. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren aber im November wieder ein.

Am 25. November 2009 reichte Staatsanwalt von Felten dem Richteramt Olten-Gösgen seine Anklageschrift ein, in der er alle drei Raser gemeinsam der Mittäterschaft an vorsätzlicher (eventuell fahrlässiger) Tötung und Körperverletzung anklagt. Diese Anklage wird nun ab heute Montag bis Dienstag, 28. September, vor Gericht verhandelt. Das Amtsgericht wird von Präsident Pierino Orfei geleitet. Die Verhandlungen finden wegen des nationalen Medieninteresses im Parlamentssaal des Stadthauses Olten statt. Sie beginnen jeweils um 8.15 Uhr und sind öffentlich. (cva)

Der tödliche Unfall ereignete sich am 8. November 2008, morgens um 1.40 Uhr. Es war eine Nacht von Freitag auf Samstag. Die drei Kollegen Agrapios, Bojan und Cengiz (alle Namen geändert) machten sich daran, von der Aarauer Telli nach Schönenwerd zu fahren – «so schnell wie möglich», wie es in der Anklageschrift heisst. Dies habe «ihren bisher praktizierten Gewohnheiten» entsprochen, schreibt der Staatsanwalt. Die Jungfahrer betrieben das Rasen als Hobby.

Höllenfahrt mit hohem Tempo

Laut der Darstellung in der Anklageschrift fuhr Agrapios im schwarzen Audi A4 seines Vaters an der Spitze des Trios, anfänglich gefolgt von Cengiz in einem schwarzen VW Golf. In der starken Rechtskurve Allmendweg/Schachenstrasse in Aarau überholte der an dritter Stelle liegende Bojan mit seinem gelben Fiat Punto den Golf von Cengiz und schwenkte etwa 2 Meter vor diesem wieder ein, wobei ein anderes Auto entgegenkam.

Etwas später, auf der Aarauerstrasse zwischen der Wöschnau und Schönenwerd, überholten die drei Raser zwei unbeteiligte Fahrzeuge und fuhren ständig auf der linken Fahrbahn, wo ihnen ein weiteres Auto entgegenkam. Die Geschwindigkeit des Trios betrug im Aarauer Schachen 100 bis 120 statt der erlaubten 50 km/h, auf der Aarauerstrasse Wöschnau-Schönenwerd mindestens 117 bis 135 statt 80 km/h, bei der Ortseinfahrt Schönenwerd mindestens 116 bis 129 statt der erlaubten 50 km/h.

Die «Verfolger» Bojan und Cengiz sollen bei diesem Tempo nur eine bis drei Wagenlängen Abstand zu dem jeweils vor ihnen fahrenden Auto gehalten haben. Die Anklageschrift verweist zudem auf die ungünstigen äusseren Verhältnisse: Nacht, Nebel, feuchte Fahrbahn, unübersichtliche Kurven und Kuppen.

Eine Tote und zwei Verletzte

Dass die drei 18-Jährigen die zulässige Höchstgeschwindigkeit massiv überschritten, stützt die Anklage auf das technische Gutachten, auf Aussagen der Fahrer von überholten und entgegenkommenden Autos, aber auch auf die Erklärungen der Beschuldigten selbst. Mehrere Zeugen werden in den nächsten Tagen auch vom Gericht befragt werden. Lorena Wittwer hatte an jenem Abend ein befreundetes Ehepaar besucht und wurde von diesem mit einem rotem VW Golf an ihren Wohnort in Schönenwerd gebracht.

Vom Ortszentrum Schönenwerd herkommend, spurte der Golf auf der Aarauerstrasse nach links in Richtung Stiftshaldenstrasse ein und wurde beim Überqueren der Gegenfahrbahn vom heranbrausenden Audi des Griechen erfasst. Beim Aufprall war der Audi laut Gutachten mit 101 bis 116 km/h unterwegs. Die Unfallstelle befindet sich innerorts im Tempo-50-Bereich.

Durch die Kollision wurde die im Golf hinten sitzende Lorena Wittwer getötet. Die damals 62-jährige Frau auf dem Beifahrersitz wurde schwer verletzt, sie brach sich beide Arme und mehrere Rippen und wurde am Rücken verletzt. Noch heute leidet sie unter körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Verletzungen weniger schwerer Art erlitt der 59-jährige Ehemann am Steuer. Agrapios und sein Beifahrer entstiegen dem total demolierten Audi unverletzt.