Solothurn

Gewerkschafter Marraffino: «Streik ist ein letztes, legitimes Mittel»

Der 31-jährige Gewerkschafter Ivano Marraffino will sich «als junge Kraft» im Kanton Solothurn einbringen.hansjörg sahli

Der 31-jährige Gewerkschafter Ivano Marraffino will sich «als junge Kraft» im Kanton Solothurn einbringen.hansjörg sahli

Für Ivano Marraffino erfolgen Kampfmassnahmen wie Warnstreiks oder Streiks nie aus Selbstzweck. Es gehe vielmehr darum, zusammen mit den Mitarbeitenden Missstände zu beheben, sagt der neue Leiter der Unia-Sektion Solothurn.

Ihr Vorgänger, Markus Baumann, hat als Gewerkschafter in der Region einen grossen Fussabdruck hinterlassen. Können Sie diesen ausfüllen?

Ivano Marraffino: Es wäre völlig vermessen, jetzt Ja zu sagen. Das wird sich zeigen. Seine Aufgaben, verbunden mit einer hohen Verantwortung, übernehme ich mit grossem Respekt und mit einer positiven Grundeinstellung.

Was ist Ihre Hauptmotivation, als Gewerkschafter aktiv zu sein?

Ursprung ist sicher mein familiärer Hintergrund. Mein Vater ist aus Süditalien ins Wallis immigriert, meine Mutter stammt aus Ex-Jugoslawien. Schon früh wurde ich konfrontiert mit sozialen Fragen. Obwohl beide Elternteile verdienten, mussten wir finanziell knapp durch. Am Tisch waren die Themen aus der Arbeitswelt präsent. Ich habe nach meiner Lehre als Kaufmann im Service und auch auf Baustellen gearbeitet und hatte so selbst Einblick in die reale, nicht immer angenehme Arbeitswelt. Das hat mich geprägt, mich für Menschen, die nicht alles Glück der Welt gepachtet haben, einzusetzen. Gerade sie brauchen Schutz und Solidarität. Darin gründet meine Motivation, bei der Unia zu arbeiten.

Sie waren bislang primär für das Baugewerbe zuständig. Der Kanton Solothurn ist aber sehr industrielastig. Kennen Sie die Unternehmen?

Ich bin auf dem Weg dazu. Im Hintergrund hatte ich die Arbeit der Unia mit einigen Industriefirmen verfolgt. Aber klar, ich muss mich nun auch in die Branchen der Uhren-, Präzisions- und Maschinenindustrie einarbeiten.

Werden Sie Kontakt mit den Unternehmern aufnehmen, bevor sich ein Konflikt aufbaut?

Das ist mein Ziel. Wir müssen nicht erst dann zusammen reden, wenn der Sturm sich anbahnt oder bereits vorbeigefegt ist. Die Sozialpartner müssen frühzeitig Kontakt haben, auch wenn es gut läuft. Wir können als Gewerkschaft auch nicht mit Lohnforderungen und anderen Ansprüchen aufkreuzen, wenn sich das Unternehmen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befindet. Ziel muss sein, gemeinsam für beide Seiten akzeptable Lösungen zu suchen.

In der Öffentlichkeit wird oftmals ein Schwarz-Weiss-Bild gezeichnet: Hier die bösen Unternehmer, dort die guten Arbeitnehmer. Welches Bild zeichnen Sie?

Sicher kein Schwarz-Weiss-Bild. Meine Erfahrungen zeigen vielmehr, dass die Mehrheit der Arbeitgeber anständig ist und zu ihren Beschäftigten schaut. Auch sie wissen, dass das gut ausgebildete Personal weit mehr ist als ein Kostenblock. Es gibt aber eben auch schwarze Schafe. Und genau in diesen Fällen müssen wir die Interessen der Arbeitnehmenden vehement vertreten.

Welches Zeugnis stellen Sie den Solothurner Arbeitgebern aus?

Ich empfinde den Kontakt als offen, gleichzeitig sind die unterschiedlichen Positionen klar bezogen. Die grosse Mehrheit der Arbeitgeber ist in schwierigen Phasen zu lösungsorientierten Gesprächen bereit und lehnt Verhandlungen nicht kategorisch ab. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass innerhalb der paritätischen Kommissionen des Bau- und Ausbaugewerbes hart diskutiert wird und es zwangsläufig auch zu Konfrontationen kommt. Aber die Gespräche sind sachbezogen. Das muss das Ziel der Sozialpartner sein.

Dann ist alles in Ordnung?

Natürlich nicht. Es gibt eben auch Fälle, in denen beispielsweise Verhandlungen abgelehnt werden. Ich erinnere an den Fall ABB in Deitingen. Die Geschäftsleitung von ABB Schweiz hat nach Bekanntgabe der beabsichtigten Schliessung des Werkes alle Gespräche kategorisch abgelehnt, obwohl wir von der Mehrheit der Belegschaft dazu mandatiert waren.

Was ist echte Sozialpartnerschaft?

Sie bedingt, dass beide Seiten auf gleicher Augenhöhe miteinander, und nicht gegeneinander, verhandeln. Es darf nicht einen mächtigen und einen schwachen Partner geben. Im Grossen und Ganzen beobachte ich eine funktionierende, konstruktive Sozialpartnerschaft.

Trotz schwieriger Wirtschaftslage agiert die grosse Mehrheit der Unternehmen geschickt und kann sich behaupten. Wird diese Arbeit von Gewerkschaftsseite her nicht zu wenig gewürdigt?

Das stimmt so nicht. In persönlichen Gesprächen mit den Unternehmern wird die Arbeit als positiv kommuniziert. Wir haben ja mit den Firmen nicht nur dann Kontakt, wenn es Probleme gibt. Wir stehen auch in ständigem Kontakt mit unseren Gewerkschaftsmitgliedern in den Betrieben. Wir anerkennen auch Probleme. Im Baugewerbe ist das etwa der Margenzerfall trotz voller Auftragsbücher, und in der Exportindustrie die Wechselkursproblematik. Da bieten wir Hand dazu, gemeinsam Lösungen zu suchen.

Krasses Lohndumping auf Baustellen – was läuft da schief?

Das ist momentan das grösste Problem im Bausektor. Wir sind zwar im Rahmen der bilateralen Verträge für die volle Personenfreizügigkeit, aber die flankierenden Massnahmen müssen verstärkt und energischer durchgesetzt werden. Wenn ausländische Firmen in die Schweiz kommen, ist das in Ordnung. Aber nur, wenn die hiesigen Arbeitsbedingungen eingehalten werden.

Braucht es mehr Kontrollen?

Nicht nur. Es braucht vor allem eine bessere Qualität der Kontrolltätigkeit. Sie muss im Interesse aller, auch jener der Arbeitgeber, professionalisiert werden. Es nützt nichts, wenn kontrolliert wird und Missbräuche aufgedeckt werden, aber dann nichts passiert. Die Fehlbaren müssen spürbar sanktioniert werden.

Die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn liegt immer noch unter dem Schweizer Durchschnitt. Wie beurteilen Sie den hiesigen Arbeitsmarkt?

Dieser hält sich seit längerer Zeit gut, und die Entwicklung verläuft stabil. Aber wir müssen auf der Hut sein und uns nicht in falscher Sicherheit wiegen.

Gerade in der vergangenen Woche gab es mehrere Meldungen von Stellenstreichungen in der Region. Braut sich da ein Sturm zusammen?

Das kann ich noch nicht beurteilen. Kann sein, muss aber nicht. Klar ist hingegen unsere Forderung: Die Einführung von Kurzarbeit als sinnvolle Alternative zu Entlassungen muss die erste Option sein, bevor Arbeitsplätze gestrichen werden.

Werden Sie die Solothurner Unia-Sektion wie Ihr Vorgänger weiterführen oder neue Strategien einführen?

Jeder Mensch ist anders und damit auch seine Arbeitsweise. Markus Baumann war eine etablierte Kraft im Kanton, ich kann mich als junge Kraft einbringen. Wie sich das manifestieren wird, ist offen. Sicher ist, dass ich auch auf ein funktionierendes Team vor Ort zählen muss und kann. Es ist ein Zweisäulen-Prinzip: Wir müssen für unsere Mitglieder Dienstleistungen anbieten und als Akteur versuchen, Probleme auf dem Arbeitsmarkt zu lösen und unsere Forderungen durchzusetzen. Wir werden deshalb auch weiterhin zusammen mit unseren Mitgliedern Kampagnen fahren.

Gerade mit Kampagnen tritt die Unia im Vergleich zu anderen Gewerkschaften aggressiv auf. Ist das PR in eigener Sache?

Aggressiv ist das falsche Wort. Wir sind präsenter und tragen unsere Positionen deutlicher nach aussen. Wir müssen wahrgenommen werden, und dazu braucht es auch die Medien. Dort findet zunehmend eine Polarisierung statt, das bedingt auch lautere Aktionen. Mit Trillerpfeifen und Fahnen wird man eher wahrgenommen als mit einer Medienkonferenz. Die Gewerkschaft verfolgt aber nie das Ziel, sich selbst darzustellen. Wir gelangen nur an die Medien, wenn es nötig ist und/oder politische Forderungen deponiert werden.

Sind Warnstreiks also nur ein Mittel zum Zweck, um in den Medien zu erscheinen?

Nein, überhaupt nicht. Warnstreiks erfolgen nie aus Selbstzweck. Ein Warnstreik oder ein Streik kann die Unia nicht alleine durchführen. Es sind die Mitarbeitenden, die das wollen, um Missstände zu beheben. Dabei unterstützen wir diese aktiv. Das ist unsere Aufgabe.

Letztlich müssen die teilnehmenden Mitarbeitenden Angst um ihre Festanstellung haben. Lohnt sich das Risiko?

Das Risiko besteht leider. Deshalb kämpfen wir gegen missbräuchliche Kündigungen und für mehr Schutz für die Arbeitnehmenden. Generell nehmen die Repressionen zu. Es wird schwieriger, sich in einer Unternehmung offen als Gewerkschafter zu exponieren. Die Angst um den Arbeitsplatz steigt. Deshalb muss der Kündigungsschutz für solche Situationen ausgebaut werden.

Kann ein Streik zielführend sein, oder bleiben nur Verlierer zurück?

Der Streik ist ein letztes, legitimes und notwendiges Mittel, wenn alles andere nichts fruchtet. Ich erinnere an die Kampfmassnahmen für die vorzeitige Pensionierung von Bauarbeitern. Zuerst sind die Baumeister dagegen Sturm gelaufen, heute ist das im Gesamtarbeitsvertrag verankert. Zuvor müssen alle vorhandenen Verhandlungswege beschritten werden. Aber wenn das Gegenüber sich dem verschliesst, dann kommt es auf die Mitarbeitenden an. Sie müssen entscheiden, ob sie streiken wollen oder nicht.

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