Solothurn

Gewalt in der Partnerschaft: Die Kinder leiden häufig am meisten

Katrin Meier von der Fachstelle für Kinderschutz will das Bewusstsein für die Tragweite des Problems fördern. Hanspeter Bärtschi Katrin Meier. Hanspeter Bärtschi

Katrin Meier von der Fachstelle für Kinderschutz will das Bewusstsein für die Tragweite des Problems fördern. Hanspeter Bärtschi Katrin Meier. Hanspeter Bärtschi

Im Kanton Solothurn leben gut 49 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Zwischen 10 und 30 Prozent von ihnen, also bis zu 14 000, sind in irgendeiner Form mitbetroffen von der so genannten Partnerschaftsgewalt.

Das heisst: Sie müssen mit ansehen, wie ein Elternteil Opfer von psychischer, physischer oder sexueller Gewalt wird. «Die Zahlen ergeben sich aus internationalen Studien. Sie werden auch vom eidgenössischen Büro für Gleichstellung verwendet, und Experten gehen davon aus, dass sie auf die Schweiz und Solothurn übertragbar sind», erläutert Katrin Meier, Co-Leiterin der Fachstelle Kinderschutz im Kanton Solothurn. «Besonders gravierend sind die Auswirkungen vor allem bei jüngeren Kindern, und wenn die miterlebte Gewalt massiv ist und über einen längeren Zeitraum erfolgt.»

Um für das Problem zu sensibilisieren, führt die Fachstelle heute im Alten Spital Solothurn eine Fachveranstaltung durch, für die sich rund 160 Fachpersonen aus dem ganzen Kanton Solothurn angemeldet haben. Mit dabei sind unter anderem Vertreter der Sozialregionen, der Polizei, der Staatsanwaltschaft, von Schulen oder des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes.

Fehlende Unterstützungsangebote

«Wir haben Fachleute aus Institutionen und Organisationen eingeladen, die in irgendeiner Form mit Familien und Kindern beruflich zu tun haben», hält Meier fest – und freut sich über die grosse Anzahl von Anmeldungen. «Wir werden immer wieder von Fachpersonen auf Unterstützungsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche angesprochen.» Hier aber liegt, zumindest bis jetzt, einiges im Argen – allerdings längst nicht nur im Kanton Solothurn. Das eidgenössische Büro für Gleichstellung habe bei der Unterstützung mitbetroffener Kindern vielmehr schweizweit Lücken festgestellt, so Katrin Meier.

«Die Folgen von Partnerschaftsgewalt für die Kinder gehen gerne vergessen oder werden schlicht zu wenig berücksichtigt», beobachtet die Fachfrau von der Kinderschutzstelle. «Wenn soziale Institutionen mit Fällen von häuslicher Gewalt zu tun haben, werden die mitinvolvierten Kinder meist nur dann als Opfer wahrgenommen, wenn sie selber direkt von der Gewalt betroffen sind.»

Sobald Kinder aber «nur» Zeugen eines Vorfalls sind, werde das Problem weniger ernst genommen. Eine Herausforderung stelle zudem dar, dass Fachpersonen oft nur indirekt von mitbetroffenen Kindern und Jugendlichen erfahren. Eine Jugendarbeiterin zum Beispiel wurde hellhörig, als ein Jugendlicher, der wegen ganz anderer Probleme die Beratungsstelle aufsuchte, sich partout weigerte, seine Eltern in die Gespräche mit einzubeziehen. Katrin Meier: «Erst durch geschickte Fragen wurde klar, dass er Angst davor hatte, die Gewalt zu Hause würde dadurch nur noch schlimmer.»

Fürs Leben geschädigt

«Es ist nicht zu unterschätzen, was es bedeutet, wenn Kinder in einer Atmosphäre der Gewalt aufwachsen», betont die Expertin. «Solche Erlebnisse können die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten, soziale und emotionale Probleme unterschiedlichster Art sein und posttraumatische Belastungsstörungen nach sich ziehen.» Zu denken geben müsse insbesondere, dass gemäss unterschiedlichen Forschungsarbeiten ein grösserer Teil der betroffenen Kinder und Jugendlichen «klinische Auffälligkeiten» zeigt – in ihrer weiteren Entwicklung also nicht einfach «gefährdet» sind, sondern als «geschädigt» bezeichnet werden können. Das Miterleben von Gewalt im Elternhaus stelle denn auch einen wichtigen Risikofaktor für Jugendgewalt dar.

Was ist zu tun? «In erster Linie geht es darum, bei betroffenen Fachstellen, Eltern und Drittpersonen das Bewusstsein für die Tragweite des Problems zu fördern», betont Katrin Meier. «Je früher eine für das Kind gefährdende Situation erkannt wird, desto besser können die belastenden Auswirkungen vermieden werden.» Eine wichtige Rolle spielen hierfür die bestehenden sozialen Institutionen von der Schulsozialarbeit über die Familienbegleitung bis zur Opferhilfe sowie die Sozialregionen und Behörden. «Es hilft schon sehr viel, wenn die Fachpersonen in ihren Beratungen immer auch die mitbetroffenen Kinder im Auge haben.»

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