Interview

Frauenhaus-Leiterin: «Die erste Ohrfeige ist bereits ein Warnsignal»

Betroffene sind oft auf Unterstützung von aussen angewiesen, um ihre Opferrolle ablegen zu können. bz

Betroffene sind oft auf Unterstützung von aussen angewiesen, um ihre Opferrolle ablegen zu können. bz

Jeden Monat sterben zwei Frauen und zwei Kinder durch häusliche Gewalt. Das Frauenhaus Aargau/Solothurn fordert nun Aussenstehende auf, mehr Zivilcourage zu zeigen. Denn Gewalt zu Hause kommt häufiger vor, als man denkt, sagt dessen Leiterin.

«Häusliche Gewalt kommt häufiger vor, als man denkt.» Dies stellt Jael Bueno fest, die Leiterin des Frauenhauses Aargau/Solothurn. Laut Statistik verzeichnet die Polizei jährlich rund 10000 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. 2009 machte der weibliche Anteil 76 Prozent aller Opfer aus. Jeden Monat sterben im Schnitt zwei Frauen und zwei Kinder durch häusliche Gewalt. Faktoren wie Bildung, Einkommen und Migrationshintergrund seien dabei weniger relevant, erklärt die Leiterin. Häusliche Gewalt komme überall vor.

Veranstaltung im Uferbau

«Häusliche Gewalt beginnt bei der Kontrolle im Alltag.» Damit werde eine Distanz zwischen dem Opfer und seinem Umfeld hergestellt. Schon hier sollten Angehörige und Bekannte hellhörig werden und eingreifen, damit es erst gar nicht zu schweren Gewalttaten kommt. Mit der Zeit werde neben der psychischen nämlich auch physische Gewalt ausgeübt. «Die erste Ohrfeige ist ein Warnsignal. Bei Wiederholungen muss man reagieren», warnt Bueno. «Zivilcourage gegen häusliche Gewalt» lautet das Thema eines Anlasses am 27. November im Uferbau in Solothurn. Mit einem Film und einer Podiumsdiskussion soll auf die Problematik aufmerksam gemacht werden.

Auch die Kinder in den Familien sind von der häuslichen Gewalt direkt oder indirekt mitbetroffen. Um diese besser zu schützen, wurden in den letzten Jahren verschiedene Massnahmen getroffen. Besonders die Schulen und andere pädagogische Einrichtungen seien heute, so die Leiterin des Frauenhauses, sensibilisiert und melden Verdachtsfälle früher an die dafür eingerichteten Fachstellen oder die Polizei.

Häufig vermitteln die Täter aber gegen aussen einen gewalttätigen Eindruck. Daher haben Dritte oft Angst davor, selbst in dessen Fokus zu geraten. Sollten Aussenstehende aber zu lange nicht reagieren, kann die Situation für alle Opfer in den Familien sehr gefährlich werden. «Häusliche Gewalt nimmt einen spiralförmigen Verlauf», erklärt Bueno. Die Gewalt nehme in immer kürzeren Zeitabständen immer schlimmere Ausmasse an. Zudem werde das gewalttätige Verhalten des Täters durch Wegsehen legitimiert. Vielen Tätern sei vermutlich gar nicht klar, dass sie ein Delikt verüben.

Viele Möglichkeiten, um zu helfen

Wie kann eine aussenstehende Person einem Opfer häuslicher Gewalt konkret helfen? Werde man Zeuge einer Auseinandersetzung, sei es sehr wichtig, die Polizei zu informieren, erklärt Bueno. Dritte sollten sich jedoch nicht selbst gefährden, indem sie körperlich eingreifen. Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, das Opfer anzusprechen, wenn es alleine ist und ihm Telefonnummern von Beratungsstellen zu geben. In Solothurn ist beispielsweise die Frauenzentrale eine geeignete Anlaufstelle. Für Männer gibt es derzeit nur die Opferhilfe in Aarau. Diese ist aber auch für den Kanton Solothurn zuständig. Unter Umständen sei es ratsam, dem Opfer das eigene Telefon zur Verfügung zu stellen. Nachbarn sollten sich ausserdem Notizen machen, wenn sie von Ausschreitungen Kenntnis nehmen. So könne man das Opfer zu einem späteren Zeitpunkt besser als Zeuge unterstützen, erklärt Bueno.

Es ist zudem möglich, Betroffenen zu helfen, selbst wenn im Umfeld kein direkter Fall vorliegt. Die Leiterin des Frauenhauses Aargau/Solothurn nennt ein Beispiel: «Vermieter und Wohnungsverwaltungen können Opfer bei einer Wohnungssuche unterstützen.» Sollten diese kein Domizil finden, müssen sie unter Umständen wieder zum Täter zurückkehren. Um die Finanzierung brauche sich ein Vermieter nicht zu sorgen. Für die Miete kommen die Gemeinden auf, solange das Opfer nicht selbst zahlungsfähig ist.

Zivilcourage ist nicht nur in Bezug auf das Opfer angebracht. Auch der Täter hat im Allgemeinen ein Umfeld, welches auf seine Taten aufmerksam werden kann. Und auch den Täter kann man ansprechen und ihm klarmachen, dass man sein Verhalten nicht gutheisst. Gerade da sich diese ihres fehlerhaften Verhaltens häufig nicht bewusst sind. Tätern, die ihr Verhalten ändern möchten, hilft die kantonale Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt in Aarau. In Solothurn selbst fehlt momentan eine entsprechende Instanz.

Die Betroffenen seien oft zu emotional
in der Situation verankert, um ohne Bestätigung von aussen ihre Opferrolle ablegen zu können. Jael Buono: «Weil häusliche Gewalt ein Delikt ist und keine Privatsache, ist die Gesellschaft gefordert, mittels Zivilcourage aktiv gegen häusliche Gewalt vorzugehen.»

Film und Podiumsdiskussion am Sonntag, 27. November, von 14 bis 17 Uhr im Kino Uferbau in Solothurn

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