Schifffahrt
«Fast 9 Prozent weniger Passagiere im 2010»

Beat Rüfli, abtretender Chef der Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft, blickt im Interview zurück auf schwierige Jahre – und freut sich aufs neue Schiff.

Franz Schaible
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Durchzogener Sommer trifft Schifffahrt hart

Durchzogener Sommer trifft Schifffahrt hart

Solothurner Zeitung

Heute Sonntag beendet die «Siesta» auf der Aare zwischen Solothurn und Biel ihre Saison, und auf dem Bielersee wird auf den Winterbetrieb umgestellt. Wie fällt die Bilanz 2010 aus?

Beat Rüfli: Sie ist durchzogen. Es war ein Jahr mit zwei Ausreissermonaten nach unten; der Mai und der August, unser wichtigsten Monat für das Geschäft. Insgesamt werden wir fast neun Prozent weniger Fahrgäste haben als im Vorjahr.

Noch im April stellten Sie eine Zunahme der Passagierzahl um drei Prozent in Aussicht. Was ist schiefgelaufen?

Als Tagesausflugs-Tourismus-Anbieter sind wir sehr wetterabhängig. Die Kunden sind, nicht zuletzt geschürt durch das stetig steigende Angebot an Prognosen, sehr sensibilisiert auf die Wetterlage. Zudem wirkt die Wirtschaftskrise nach, und vorab Familien sind zurückhaltender. Ferner spüren wir den schwachen Euro. Einerseits ist die Zahl der ausländischen Gäste gesunken, andererseits verbrachten wieder mehr Schweizer ihre Ferien im Ausland.

Die ebenso wetterabhängigen Skisportanlagenbetreiber können auf Schneekanonen setzen. Mit welchen Mitteln können Sie die Abhängigkeit reduzieren?

Wir montieren nun Sonnenkanonen. Spass beiseite. Wir setzen künftig vermehrt auf Kooperationen. Wir wollen mit anderen Tourismuspartnern enger zusammenarbeiten, primär das Geschäft mit Gruppen wie Firmen oder Privatanlässe ausbauen. Denn die kommen auch, wenn die Sonne nicht scheint. Zudem wollen wir die einzigartige Flussschifffahrt auf der Aare vermehrt im benachbarten Ausland vermarkten. Auch Themenfahrten können die Abhängigkeit von Petrus verringern. Die Gäste kommen nicht wegen des Wetters, sondern wegen des Events auf dem Schiff. Als erste Schifffahrtsgesellschaft der Schweiz bieten wir ferner für die Kursschifffahrt das Reservieren, Buchen und Zahlen der Tickets per Internet an. Diese Kunden haben den Entscheid getroffen und die Anbindung wird grösser; auch wenn das Wetter nicht optimal ist.

Die Zahlen der Fahrgäste über die vergangenen Jahre stagnieren. Ist Schifffahren überhaupt noch im Trend?

Das Angebot ist und bleibt gefragt. An schönen Tagen, vorab an Sonntagen, sind die Schiffe randvoll, was das Bedürfnis belegt. Aber im Vergleich zu den früheren Jahrzehnten hat die Branche an Schwung verloren. Die Betreiberfirmen waren zu passiv und haben zu wenig auf neue Entwicklungen reagiert. Beispielsweise ist unserer Branche Konkurrenz erwachsen . . .

. . . aber als Anbieter von Schifffahrten hat die BSG sowohl auf dem See wie auch auf der Aare kaum direkte Konkurrenten.

Die Bedürfnisse haben sich verändert. Früher führte ein Familienausflug automatisch aufs Schiff, heute stehen etwa Freizeitparks ganz oben auf der Liste. Diese «artfremde» Konkurrenz ist viel agiler und schneller geworden. Mit den erwähnten Massnahmen sollte es aber gelingen, die Frequenzen langsam wieder zu steigern. Die Nachfrage nach Schifffahrten ist da, aber neu nicht nur im Ausflugstourismus, sondern auch im Event- und Kulturbereich.

2009 musste die BSG erstmals auf Kantonsbeiträge verzichten und trotzdem wurde ein kleiner Gewinn erzielt. Wie sieht es nun 2010 aus?

Wir werden wegen des erwähnten Rückgangs der Passagiere einen Verlust schreiben.

Dann war 2009 nur eine Eintagesfliege?

Es wird immer gute und schlechte Saisons geben. Mittelfristig ist die Sicherung der Unternehmung zwar gesichert, langfristig aber noch nicht. Wir haben dank dem Restrukturierungsprogramm eine gesunde Basis legen können. Wir werden nicht ertrinken, aber kräftiges Schwimmen bleibt angesagt. Ziel ist es, in guten Saisons Reserven anzulegen, um Schlechtwetterperioden wegstecken zu können. Die Vergangenheit war geprägt von Kostenreduktionen und Effizienzsteigerungen. Nun braucht es mehr Fahrgäste. Ziel wird sein, jährlich zehn- bis zwanzigtausend mehr Passagiere zu gewinnen. Dazu dienen nebst den erwähnten Massnahmen auch verstärkte Marketinganstrengungen.

In den vergangenen Jahren hat die BSG die Tarife erhöht. Warum nicht auch 2010 oder ist die Schmerzgrenze erreicht?

Wir haben dieses Jahr bewusst auf eine weitere Erhöhung verzichtet, das wäre ein falsches Signal gewesen. Eine gewisse Schmerzgrenze ist aber erreicht. Unter Berücksichtigung von Spezialtarifen und Vergünstigungen wie Halbtax, GA oder Tageskarten zahlen allerdings 60 bis 70 Prozent der Kunden nicht den vollen Tarif. Dort stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber die Vollzahler bezahlen relativ viel.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Eine einfache Fahrt von Solothurn nach Biel kostet 48 Franken, die Fahrt dauert knapp drei Stunden. So gesehen ist die Fahrt nicht zu teuer. Denn für uns zählt nicht die Distanz, sondern die Dauer.

Steigen 2011 die Preise?

Ja, die Preise werden leicht erhöht. Das Ausmass ist noch offen.

2012 erhält die BSG dank der Finanzierung durch die Kantone Bern und Solothurn ein neues Schiff. Was erhält der Steuerzahler für die 8 Millionen Franken?

Es wird ein universell einsetzbares, wintertaugliches und modernstes Einrumpfschiff sein, welches sowohl auf Fliessgewässer wie auf dem See fahren kann. Das ermöglicht einen viel flexibleren Einsatz, zum Beispiel auch auf der Aare über den Winter. Es braucht nur eine 2-Mann-Besatzung und erlaubt deshalb einen rationellen Betrieb. Die Kapazität ist auf 300 Gäste ausgelegt, wobei es über einen überdurchschnittlich grossen Innenraum mit rund 120 Plätzen verfügen wird.

Ist es sinnvoll, die Flotte bei stagnierenden Gästezahlen auszubauen?

Wir bauen die Kapazitäten nicht aus, sondern wir reduzieren sie. Denn im Gegenzug werden wir zwei Schiffe, MS Büren und MS Seeland, verkaufen. Die Flotte wird neu nicht mehr neun, sondern nur noch acht Schiffe umfassen und auch die Transportkapazität sinkt leicht. Gleichzeitig wird die Qualität der Schifffahrt steigen.

2012 wird das neue Schiff vom Stapel laufen und die BSG wird ihr 125-jähriges Bestehen feiern. Treten Sie nicht zu früh ab?

Nein, für mich ist es der richtige Zeitpunkt. Die BSG ist einigermassen wieder auf Kurs. 95 Prozent der gesteckten Ziele sind erreicht. Der Unternehmung wird es auch guttun, neue Impulse durch eine neue Kraft zu erhalten. Aber zum Stapellauf des neuen Schiffes am 12. April 2012 bin ich jedenfalls eingeladen.

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