«Das Pendel hat auf die andere Seite umgeschlagen», erklärt Renato Delfini, Leiter der Berufs- und Studienberatung beim Solothurner Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen. Es mehrten sich die Rückmeldungen von Lehrbetrieben, dass sie Mühe haben, ihre Lehrstellen qualifiziert besetzen zu können. So sind aktuell im elektronischen Lehrstellennachweis (Lena) für den Kanton Solothurn noch fast 700 freie Lehrstellen aufgeschaltet. «Da ist deutlich mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr.» Auch im Kanton Bern sind mit knapp 1900 Lehrstellen fast ein Drittel mehr Ausbildungsplätze als offen gemeldet. «Besonders in den handwerklichen und in den metallverarbeitenden Berufen erhalten wir Rückmeldungen, dass es schwierig ist, geeignete Jugendliche zu finden», sagt Sibylle Brenner, Leiterin der Abteilung Betriebliche Bildung im Berner Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

Delfini macht aber nicht auf Panik. Die höhere Zahl an unbesetzten Stellen führt er nicht primär auf ein schwindendes Interesse an der Berufslehre zurück. Die demografischen Szenarien, wonach sich die Zahl der Schulabgänger in den kommenden Jahren reduzieren wird, habe den Markt «belebt». Nicht wenigen Lehrbetrieben sei bewusst geworden, dass die Ausbildungsplätze künftig nicht mehr automatisch besetzt werden könnten.

Mehr Zeit nehmen bei Besetzung

Deshalb würden deutlich mehr Firmen ihre Lehrstellen nun im Lena aufschalten. Zudem habe man alle Ausbildungsbetriebe mit einem Newsletter unter dem Titel «Fairplay bei der Lernendenauswahl» sensibilisiert. Insbesondere würden die Firmen darin aufgerufen, sich bei der Besetzung von Lehrstellen mehr Zeit zu lassen. Sein Fazit: «Es gibt in diesem Jahr keinen Mangel an Lernenden. Die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverhältnisse wird das Vorjahresniveau erreichen.» Sibylle Brenner bestätigt: «2011 kann die Anzahl der neuen Lehrverträge gehalten werden.» Das Total der noch im Sommer als offen gemeldeten Stellen werde nur leicht höher sein.

Die Befunde werden in der Praxis mit Abweichungen bestätigt. Der Langenthaler Maschinen- und Anlagenbauer Ammann bietet im kommenden Sommer 36 Lehrstellen in zehn Berufen an. «Noch zwei Stellen sind offen», meldet Firmensprecher Lukas Jenzer. Die Zahl der Bewerbungen sei zwar nicht rückläufig, aber die Besetzung der Lehrstellen mit geeigneten Schulabgängern werde trotzdem schwieriger. Technische Berufe bedürften idealerweise eines breiten naturwissenschaftlichen, aber sicher eines soliden mathematischen Grundwissens.

Weniger Kandidaten, schlechter gebildet

«Genau diese Vorkenntnisse zeigen bei den Bewerbern eine sinkende Tendenz auf.» Ammann bildet aktuell 126 Lernende aus. Bei der Stahl Gerlafingen AG sind bereits zehn von elf Lehrstellen besetzt. Die Besetzung der Stellen im technischen Bereich sei schwieriger als im KV. «Die technischen Berufe liegen weniger im Trend. Die Zahl der Bewerbungen ist um rund 15 Prozent gesunken», erläutert Personalchef Daniel Aebli. Insgesamt bildet das Stahlwerk 36 Lernende aus. Auch bei der Regio Energie Solothurn - sie hat vier von sechs Stellen besetzt und bildet aktuell 19 Lernende aus - sei die Rekrutierung für handwerkliche Berufe schwieriger geworden.

«Einerseits melden sich weniger Kandidaten und andererseits fehlt manchmal die geforderte Schulbildung», sagt Sprecherin Sandra Hungerbühler. Klartext spricht Urs Brand, Chef des Haustechnikunternehmens Gebrüder Brand AG in Langenthal: «Hauptgrund sind ungenügende schulische Leistungen. Damit meine ich das Grundgerüst im Rechnen und die Fähigkeit, einen Satz in deutscher Sprache einigermassen fehlerfrei schreiben zu können.»

Bei Eta läuft es rund

Auf weitere Aspekte bei der schwieriger gewordenen Lehrlingssuche weist Rita Frutiger hin. Sie ist Berufsbildungskoordinatorin beim Berufslernverbund Thal-Gäu-Bipperamt. Dem Verbund sind 20 Firmen in der Region angeschlossen, in welchen aktuell 58 Lernende ihre Berufslehre absolvieren. Es liege nicht an der Quantität der Bewerbungen, sondern an deren Qualität. Sie stelle fest, dass das Interesse an technischen und handwerklichen Berufen zurückgehe. «Es hat immer weniger ‹Töfflibuben›», sagt sie lachend und meint: «Bei vielen Jugendlichen nehmen die früher während der Kindheit angeeigneten handwerklichen Fähigkeiten ab.» Zudem seien es viele von zu Hause aus nicht mehr gewohnt, Verantwortung zu übernehmen.

Keine massgeblichen Unterschiede bei der Besetzung der Stellen beobachtet dagegen Reto Kohli, Leiter Ausbildung beim Grenchner Uhrwerkhersteller Eta. Die meisten der 57 auf August offenen Lehrstellen seien bereits besetzt. Sehr zufrieden zeigt er sich mit der Anzahl der Bewerbungen. Der schulische Rucksack sei in der Regel genügend. Bei der Lüsslinger Aeschlimann Décolletage AG ist die Rekrutierung für die vier neuen Lehrstellen bereits beendet. «Wir waren in der glücklichen Lage, geeignete Lernende auswählen zu können», erklärt Co-Chef Rudolf Rebholz.