Lehrstellen
«Es fehlt oft der Biss und Wille»

Lehrstellen bleiben offen, gleichzeitig gibt es Schulabgänger ohne Anschlusslösung. «Das ist störend», sagt Renato Delfini, Leiter der Solothurner Berufs- und Studienberatung. Er denkt über mehr Druck auf die Jugendlichen nach.

Franz Schaible
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Limmattaler Zeitung

Unternehmer und Gründer der Speranza-Stiftung, Otto Ineichen, kritisiert, dass längst nicht alle Schulabgänger ohne Anschlusslösung auch wirklich eine Lehrstelle finden wollen (siehe Box). Was sagen Sie dazu?
Renato Delfini: Ich kann auch aus Solothurner Sicht eine gewisse Frustration nachvollziehen. Allerdings darf die Situation nicht dramatisiert werden. Rund 90 Prozent aller Schulabgänger im Kanton Solothurn finden mit vernünftigem Aufwand eine Anschlusslösung. Es sind die letzten zehn Prozent, die extrem grosse Probleme verursachen. Wir reden von einer Restgruppe, wo sich mehrfache Problemstellungen kumulieren.

Was meinen Sie damit?
Dazu gehört eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung, eine Übervertretung von Menschen mit einem Migrationshintergrund, eine fehlende Unterstützung im Elternhaus oder ein schwacher schulischer Rucksack. In diesen Fällen ist es nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit vielfach zu spät, um noch eine Lösung zu finden.

Ineichen stellt fest, dass es oft nicht am Können, sondern am Willen fehle.
Das kann ich bestätigen. Wir kennen aber die Freiwilligkeit bei der Berufswahl und können deshalb niemanden dazu verknurren, eine Berufslehre zu absolvieren.

Auch im Kanton Solothurn gibt es den Widerspruch von offenen Lehrstellen und Jugendlichen ohne Lehrstelle. Gerade diese Gegenüberstellung ist problematisch. Beide Seiten können nicht einfach zusammengeführt werden.

Ist diese Situation aber nicht störend?

Sie ist sehr störend. Es ist so, dass wir bei der erwähnten Restgruppe über die Einschränkung der Freiwilligkeit in einem gewissen Ausmass diskutieren müssen. Es gilt, dem Schulabgänger aufzuzeigen, dass ein Lehrabschluss, egal in welchem Beruf, grundsätzlich die besseren Startchancen ins Berufsleben bietet.

Ist eine solche Aufhebung realistisch?
Dazu braucht es einen sehr langen - vor allem politischen - Schnauf. Am Angebot fehlt es nicht. Gerade im Bauhaupt- und Baunebengewerbe, in der Lebensmittelindustrie und in der Gastronomie sind die Unternehmer bereit, solchen Jugendlichen trotz schlechter Vorzeichen eine Startchance zu geben. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass der zunehmende Druck auf die Schulabgänger gleichzeitig vermehrte Lehrabbrüche provoziert. Letztlich bleibt der Lehrmeister enttäuscht und frustriert zurück.

Was führt dann zum Lehrabbruch?
Es sind in der Regel nicht fachliche oder schulische Gründe. Wir haben vielmehr einen erschreckend hohen Anteil von Lehrvertragsauflösungen mit der Begründung von fehlgeleiteter Sozial- und Selbstkompetenz.

Was heisst das?
Stichworte sind Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Teamfähigkeit, Motivation, Engagement. Es fehlt bei vielen Jugendlichen der Wille und der Biss, etwas konsequent durchzuziehen.

Wo würden Sie dann ansetzen?
Ich denke, der Druck muss im Bereich der Sozialversicherungen aufgebaut werden. Wir sind zwar ein Sozialstaat, aber die Sozialwerke, respektive der Gesetzgeber, sendet auch falsche Signale aus. Es herrscht - gerade unter Schulaustretenden, die ohne Anschlusslösung dastehen und dann arbeitslos werden - die Meinung vor, dass irgendjemand für seinen Lebensunterhalt bezahlen wird. Zwar sind die Arbeitslosenentschädigungen bereits auf dem absoluten Minimum. Ich bin aber der Meinung, dass jede Auszahlung mit einer Gegenleistung verbunden werden muss.
Gleichzeitig wurde die Unterstützung für Schulaustretende in Form von Überbrückungsangeboten und Hilfestellungen massiv ausgebaut. Sind das nicht auch falsche Signale?
Es besteht teilweise tatsächlich eine gewisse Inflation. Aber im Kanton Solothurn ist das dank dem Case-Management-Programm, in welchem alle Anstrengungen koordiniert und Doppelspurigkeiten verhindert werden, nicht der Fall.

Werden die Angebote nicht zu häufig und vorschnell genutzt?
Wenn Angebote vorhanden sind, dann werden sie auch genutzt. Die Gefahr ist aber vielmehr, dass die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche im Wissen um die Überbrückungsangebote zu schnell aufgeben. So gesehen gibt es falsche Signale.

Noch mehr Angebote braucht es also nicht.
Nein. Wir konnten die Erfolgsquote bei den Schulaustretenden stetig verbessern. Landesweit steht Solothurn fast an der Spitze.
Wie viele wollen dann nicht?

Im Kanton Solothurn sind es jährlich
2 bis 2,5 Prozent der Schulaustretenden oder 30 bis 40 Jugendliche, die sich nicht helfen lassen wollen. Wir versuchen alles, leider vergeblich. Dasselbe wiederholt sich, wenn wir diese dem RAV melden. Auch dort fehlt ihnen jegliche Motivation, eine Lösung zu finden.

Scheuen sich diese Jugendlichen vor der Arbeit?
Es sieht so aus, aber das Verhalten gründet tiefer. Berufsbildung ist eine Verbundaufgabe zwischen Staat, Schule und Elternhaus. Fakt ist, dass viele Eltern nicht mehr in der Lage sind, die Funktion bei der Hilfestellung für ihre Kinder zu übernehmen. Ich stelle auch fest, dass viele Jugendliche keine Ahnung von der Berufswelt haben. Viele wissen nicht, was ihre Eltern arbeiten, mit welcher Tätigkeit sie ihre Franken für das Essen oder die Miete verdienen. Dabei sollte die Berufsorientierung eigentlich zu Hause am Tisch beginnen.

Ist das Ziel, für alle Schulaustretende eine Anschlusslösung zu finden, eine Illusion?
Ja. Denn wir dürfen die Realität bei unserer Arbeit nicht aus den Augen verlieren. Trotzdem haben wir eine solche Vision und Mission. Die Zahl der erwähnten Jugendlichen ohne Anschlusslösung ist zwar tief. Aber dahinter stecken Einzelschicksale.