Kirche
«Es braucht viel Fingerspitzengefühl»

Er hat vom Papst den Auftrag erhalten, die Einheit der Christen zu fördern. Nun zieht Erzbischof Kurt Koch eine erste Bilanz.

Stephan Müller
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Solothurner Zeitung

Erzbischof Kurt Koch, Sie haben am 1. Juli Ihr neues Amt in Rom angetreten. Welches sind Ihre ersten Erfahrungen?

Kurt Koch: Der Juli war in Rom eine eher ruhige Zeit. So richtig hat es Mitte August begonnen. Es stand eine Reihe von Besuchen auf dem Programm. Mich hat beeindruckt, dass die ersten Besucher fast alle Juden waren. Jetzt kommen viele Botschafter vorbei, die beim Heiligen Stuhl akkreditiert sind und sich über die ökumenische Arbeit informieren möchten. Zudem bin ich viel unterwegs.

Haben Sie sich besondere Ziele gesteckt, und welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Kurt Koch: Der Rat für die Einheit führt 15 Dialoge mit verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Hinzu kommen die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Ich habe von allen Fachmitarbeitern im Rat eine Zusammenfassung verlangt, die Auskunft geben soll, wo wir heute mit den Dialogen stehen und welche Zukunftsperspektiven sich eröffnen. Dies wird eingehend beraten, da im November eine Plenarversammlung stattfindet. Dort werden wir Perspektiven für die Zukunft entwickeln. Diese Arbeit leistet der Präsident nicht alleine, dafür ist die Plenarversammlung da.

Können Sie Ihre Vision von der Einheit der Christen skizzieren?

Kurt Koch: Die ökumenische Bewegung hat mit dem Gebet begonnen. Zu Beginn stand die Einheitswoche, das Gebet für die Einheit der Christen. Dieses Beten haben bereits die Päpste
vor dem II. Vatikanischen Konzil anerkannt und unterstützt. Artikel 8 des Ökumenismusdekrets hat die spirituelle Ökumene als das Herz der ökumenischen Bewegung bezeichnet. Das muss leben, damit weitere Fortschritte erzielt werden können.

Welche Qualifikationen neben Erfahrungen mit reformatorischen Kirchen sind für Ihre Aufgabe unabdingbar?

Kurt Koch: Es braucht in der Ökumene viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Das Lebenselixier der Ökumene ist die Begegnung. Ohne persönliche Begegnungen sind theologische Dialoge sehr schwierig. Der Dialog muss auf zwei Ebenen stattfinden: Es gibt den Dialog der Liebe und den Dialog der Wahrheit. Wenn der Dialog der Liebe nicht gelebt wird, dann gibt es kein Vorankommen im Dialog der Wahrheit.

Wie steht es Ihrer Ansicht nach mit der Ökumene hierzulande?

Kurt Koch: Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Viele, die heute in Kirche und Theologie tätig sind, haben das II. Vatikanische Konzil nicht miterlebt. Sie haben die Aufbruchstimmung und den Neubeginn des ökumenischen Dialoges nicht persönlich erfahren. Ich stelle fest, dass einerseits viel Resignation da ist, da viele Hoffnungen enttäuscht wurden. Andererseits konstatiere ich eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Ökumene. Das Hauptproblem besteht darin, dass wir keine gemeinsame Vision der Einheit haben. Das hängt damit zusammen, dass jede Kirche eine spezifische Vorstellung von der Einheit ihrer eigenen Kirche hat. Dieses Modell wird in der Meinung, es sei ökumenefähig, auf die ökumenische Ebene übertragen. Aus diesem Grund existieren gleich viele Vorstellungen von Einheit und Ökumene wie es christliche Konfessionen gibt. Deshalb müssen wir uns mit den Vertretern der verschiedenen Konfessionen darüber unterhalten, was wir unter der Kirche und ihrer Einheit verstehen.

Sie gehören seit Anfang Juli zu den engsten Mitarbeitern von Papst Benedikt XVI. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit ihm?

Kurt Koch: Papst Benedikt lässt einem sehr viel Freiheit. In den bisherigen stets offenen Gesprächen hat er sein Vertrauen darauf formuliert, dass die ökumenischen Dialoge bestmöglich weitergeführt werden. Zudem staune ich immer wieder über die hohe geistige Präsenz des 83-jährigen Papstes.

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