Renaissance
Eine Tradition wird langsam millenniumstauglich

Solothurns Studentenverbindungen erleben zurzeit ein regelrechtes «Frühlingserwachen». Doch was war während langer Zeit mit den Burschen los?

Andreas Kaufmann
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Solothurner Zeitung

Der kleine Dictionnaire der Studentenverbindungen

Altherren: Mit der Matur erfolgt der Übertritt aus der Aktivitas in die Altherrenschaft

Biercomment: das strikte Regelwerk für den kontrolliert ablaufenden Biergenuss und Bierverkehr

Bursche: höchster Grad eines Aktivmitglieds. Die Burschifizierung findet etwa ein Jahr vor der Matura statt. Wie bei der Fuxenprüfung gilt es auch hier, eine Mutprobe (Burschenprüfung) zu bestehen. Ein Bursche kann Aktivitas-Chargen übernehmen.

Convent: Mitgliederversammlung

Couleur: Die Farbe, die jeweils auch für Gesinnung und «Tracht» steht

Fux: höherer Grad als Spefux; die Fuxifizierung folgt nach Ablegen der Fuxenprüfung und gipfelt in der Taufe - meistens im Märetplatzbrunnen
Kant, Cantus: ein Gesang aus der Musikliteratur der Verbindung(en)

Schwanz: Interessent vor der Aufnahme in die Verbindung

Spefux: Neuzugänger bei der Studentenverbindung, ein Fux «in spe»

Zirkel: Monogramm, das dem Buchstaben einer Studentenverbindung entspricht (ak)

Verlorene Heimat wiedergefunden

«Nach dem Nullbestand bei vielen Verbindungen vor einigen Jahren könnte es jetzt eine Renaissance geben», prognostiziert Rainer von Arx, Präsident der Ruppigonia, der Altherrenverbindung der Dornachia. Offenbar sei es nach den 90ern zu einer Sinnentleerung gekommen, so seine persönliche Vermutung. «Doch alles ist zyklisch: Die Suche nach einer emotionalen Heimat hat wieder Aufwind, und das betrifft auch Vereine, die - wie gerade eine Studentenverbindung - etwas Spezielles anbieten. Plötzlich hat es wieder einen Wert, zusammen etwas zu unternehmen.»
Das hatten auch Einzelpersonen erkannt, die nun im Tiefschlaf weilende Verbindungen wieder aufweckten. So Micha Brugger: «Ich hätte auch in eine andere Verbindung eintreten können. Doch ich empfand es als Ehrensache, in die gleiche Studentenverbindung wie mein Vater einzutreten. Also reaktivierte ich mit der Unterstützung der Altherren, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen, die Amicitia.»

Eine Zeit lang war Brugger der einzige aktive Amicitianer. Mit der Zeit wurde der Wiederaufbau zum Selbstläufer, erinnert er sich. Es kamen Kollegen hinzu, und die Mundpropaganda - ebenso, wie beim Aufschwung der anderen Verbindungen - sorgte fürs Übrige. «Wir haben ein kleines Wachstum, und das ist gut so.» Ein früheres Problem sei gewesen, dass man aus Angst vor Mitgliederschwund Leute aufgenommen habe, die eigentlich nicht in die Verbindung passten: «Es herrschte die Devise Quantität vor Qualität. Und das war mit ein Grund für den Zerfall.»

Für jeden die richtige Couleur

Aus solchen Fehlern hat man in allen Verbindungen gelernt: sich zwar Gedanken machen, wie der Spagat zwischen Tradition und Moderne zu meistern ist, ohne sich auf Biegen und Brechen anzupassen; aber darauf bauen, dass es für jeden Interessenten die richtige Verbindung mit den ihm passenden Inhalten gibt. «Im Grossen und Ganzen gilt immer noch die Tradition. Und man schaut, dass man die richtigen Leute dazu findet», ergänzt Brugger.

Natürlich ist es mit Traditionen so eine Sache: Nicht alle sind millenniumstauglich. Mit Streichen, durch die früher Rivalität zelebriert wurde, käme man heute rascher mit dem Gesetz in Konflikt: Einander den Verbindungskeller zumauern oder Biertanks der Rivalen mit Gülle befüllen, solche Spässe sind - ziemlich sicher - passé. «Doch Stammschilder stibitzt man einander auch heute noch, um sie aber im Nachhinein wieder auszutauschen», erklärt Andreas Hirschi, Aktivitas-Präsident der Palatia. Es werden auch noch in diesem «zweiten Frühling» genügend Ideen da sein, um einander in «freundschaftlicher Rivalität», wie Hirschi es nennt, eins auszuwischen. Letztlich wird über diese aber beim nächsten Mal am Stammtisch schon wieder gemeinsam gelacht.

Biergenuss nach strikten Regeln

Bierseligkeit gehört zur Kultur der Verbindungen - so das landläufige Vorurteil. «Natürlich streitet niemand ab, dass in den Verbindungen getrunken wird. Aber wer nur zum Saufen kommt, hat bei uns nichts verloren», bringt es Basil Ammann, Präsident der Arion-Aktiven auf den Punkt. Getrunken werde nicht mehr als andernorts. Aber bei den Verbindungen ist es halt das Bier, während es im Ausgang Alcopops und «Gummibärli» sind. Zudem sorgt das Regelwerk des «Biercomment» dafür, dass niemand alleine und unbeaufsichtigt trinkt. Bei übermässigem Konsum kann auch die nächste Stange verwehrt werden. Da bleibt man der Tradition treu, kompromisslos: «Es herrscht eine Kontrolle unter Kollegen.»

Freundschaften fürs Leben

So ist ebendiese Kollegialität bezeichnender für Studentenverbindungen als Rituale rund ums Bier. Networking ist das Zauberwort: Man hilft einander beim Büffeln für Prüfungen. Man veranstaltet Anlässe, diskutiert über Politik oder andere Themen. Man lässt sich von Altherren bei der Studienwahl oder bei Ferienjobs helfen. Nicht zuletzt könnte man bei einem Bewerbungsgespräch auf einen «Gleichfarbigen» treffen. Nachhaltigkeit ist es auch, die Tim Felchlin zum Ausdruck bringt. Er ist Aktivitas-Präsident der ältesten Studentenverbindung Wengia, die vor zwei Jahren ihren 125. Geburtstag feiern konnte. «Die in den Verbindungen entstehenden Freundschaften halten oft ein Leben lang.» Dabei reicht die Loyalität über die Verbindungsgrenzen hinaus: «Wenn eine Verbindung schlechte Schlagzeilen macht, trifft es alle zusammen. Darum sind Freundschaft und Zusammenarbeit - neben kleinen Neckereien - sehr wichtig.» Dem stimmt auch Kai Schmid, Dornachia-Präsident, zu: «Es gibt Gesprächsthemen, die nur unter Leuten aufkommen, die selbst in Verbindungen sind. Jene, die hineinsehen, ohne ein verzerrtes Bild zu haben.» Denn bei aller Rivalität wird heute das Gemeinsame betont: «Deshalb auch die Sternencortège.»

Männerabende und Frauenabende

Dort mit dabei ist auch eine sechste, lang verschollene Farbe: die der Adrasteia. 1994 gegründet, verschwand die Studentinnenverbindung 1999 wieder in der Versenkung. Seit vier Monaten leisten neun Frauen wieder Pionierarbeit, um die Adrasteia auf Kurs zu bringen. Dabei waren zu Beginn auch Stimmen zu hören, hier seien Feministinnen am Werk. «Doch das sind wir nicht», wendet Präsidentin Lisa Brandl ein: «Wir sind lediglich begeistert von Studentenverbindungen. So befanden wir, dass es so was auch für Frauen geben soll.» Dabei dürfen sie sich auch der Unterstützung der anderen Verbindungen sicher sein, auch wenn die Palatia die einzige Verbindung ist, die neben Männern auch Frauen aufnimmt. «Die Frage kommt häufig», stellt Ammann von der Arion fest: «Es hat sicherlich mit Tradition zu tun. Doch das heisst nicht, dass Frauen nicht für sich eine Verbindung aufbauen können.» Mit Frauenfeindlichkeit habe es nichts zu tun, betont auch Brugger von der Amicitia: «Man muss es als ein Männerabend betrachten.» Als ein nicht ganz ernst gemeintes Argument fügt Kai Schmid von der Dornachia schmunzelnd hinzu: «Frauen haben ein Enzym weniger, um Alkohol abzubauen. Das wäre ein unfaires Duell.» Und auch wenn die Aussage biochemisch korrekt ist: Könnte die kleine Stichelei nicht der Beginn einer wunderbaren, liebevollen Rivalität werden?

Mitarbeit: Simon Scheidegger

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