Weltvermessung
Ein Büro, das Botschaften aus dem All erhält

Wie eine Solothurner Geo-Firma per Satellitenbilder sieht, wo im Regenwald Bäume abgeholzt werden können – Blick in eine faszinierende Welt.

Lucien Fluri
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Solothurner Geo-Firma

Solothurner Geo-Firma

ASTER Image 02.08.2002 © MFB-GeoConsulting/NIK Sistem 2011
Vermessen die Welt von Solothurn aus: Gabriela Apfl und Martin Sauerbier.

Vermessen die Welt von Solothurn aus: Gabriela Apfl und Martin Sauerbier.

Hans Ulrich Muelchi

Menschen fliegen in den Weltraum, auch wenn sie die Welt selbst noch nicht kennen. Gabriela Apfl und Martin Sauerbier dagegen wollen mehr über die Erde erfahren – mithilfe des Weltraums. In Solothurn werten sie Bilder aus, die Satelliten Hunderte Kilometer oberhalb der Erde aufgenommen haben.

Wer denkt, die Welt sei schon vermessen, irrt. Von einem kleinen Büro an der Hans-Huber-Strasse aus, stossen Gabriela Apfl und Martin Sauerbier dank Satellitenaufnahmen auch schon mal auf Erdflecken, für die es noch gar keine modernen Karten gibt.

Doch die Arbeit der MFB Geo-Consulting geht weit über das Zeichnen von Karten hinaus. Sie tun mithilfe von Luft- und Satellitenaufnahmen Dinge, die vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik in einem Science-Fiction-Film gewesen wären.

Die MFB-Geo erstellt mit Satellitenbildern Hochwasserprognosen im Himalaja-Gebiet. Sauerbier und Apfl analysieren für Landwirtschaftsämter und andere Entscheidungsträger zum Beispiel, welche Getreidearten in einem bestimmten Gebiet auf welcher Fläche angebaut werden.

In Aserbaidschan helfen sie beratend mit, ein Grundbuch aufzubauen. Die «Einsatzorte» reichen von Ägypten über das Himalaja-Gebiet bis Brasilien. Ihre Kunden sind die Weltbank, die EU, die ESA oder private Firmen.

Satellit schickt Befehl für Ernte

Am Bildschirm von Martin Sauerbier sieht es ein wenig aus wie auf Google Earth. Allerdings sind seine Satellitenaufnahmen viel detaillierter – und Sauerbier hat Instrumente zur Datenauswertung, die viel weiter reichen.

Seine Kunst ist es, die Bilder mit den richtigen Informationen zu kombinieren: Die Spezialisten Apfl und Sauerbier wissen, welche Signatur auf einer Satellitenaufnahme welchem Getreide entspricht.

Sie können teils sogar eruieren, in welchem Wachstumsstadium die Pflanzen auf einem Feld gerade sind. «Auf Grossfarmen in den USA sagt der Satellit, wo geerntet werden soll und der Mähdrescher fährt dorthin», sagt Apfl.

Von China bis Aserbaidschan

Was lässt sich konkret mit den Bildern aus dem Weltraum anstellen? Das spezialisierte Solothurner Büro kann erstaunliche Projekte vorweisen:

Hochwasser-Alarmsystem

Im Westen Chinas befindet sich am Ende eines Hochtales auf 4800 Metern Höhe eine Gletscherzunge, hinter der sich Schmelzwasser sammelt, was manchmal zur Bildung eines grossen Sees führt.

«Bricht der ganze See durch, könnte das Gebiet unterhalb schlagartig überschwemmt werden», sagt Gabriela Apfl.

Flussabwärts liegen Städte und Landwirtschaftsgebiet. Über Weltraumbilder beobachtet das Team zusammen mit spezialisierten Geologen und Gletscherkundlern, ob und in welchem Ausmass ein See entsteht und welche Massnahmen angebracht sind.

Zugänglich ist das Gebiet nur mit mehrwöchigen Märschen, die Flut käme ohne jegliche Vorankündigung. Sollte der See eine gefährliche Grösse annehmen, ist das auf den Satelliten- und Radarbildern erkennbar, die zirka alle elf Tage eintreffen.

Droht eine Überschwemmung, kann die Bevölkerung alarmiert werden. «Es gab keine detaillierten Karten, um dorthin zu gelangen.» Informationen für die Reiseroute und die Karte für eine nötige Feldexkursion der Experten hat das Solothurner Büro vorbereitet.

Grundbuch

In Aserbaidschan ist der Liegenschaftskataster noch im Aufbau. Das Erstellen ist relativ aufwendig, weil es viele nicht erfasste Bauten gibt. Luft- und Satellitenbilder erleichtern die Arbeit und zeigen, wo Gebäude stehen.

Vegetations- und Ernteprognosen

Mithilfe der Satellitendaten wird das Wachstum von Akazienbäumen auf Baumfarmen im brasilianischen Regenwald nachverfolgt – und letztlich entschieden, wann die Bäume geholzt werden.

In Ägypten analysierten sie das Zuckerrohr-Wachstum und sahen dadurch auch, in welchem Monat wie viel Wasser für die Bewässerung vorhanden und nötig ist.

Statistik

Für das Bundesamt für Umwelt und die EU-Umweltagentur sind Landnutzungskarten zu verschiedenen Zeitabschnitten für die ganze Schweiz erstellt worden. Relativ einfach können aus Satellitenbildern Angaben zu diversen Flächennutzungen erhoben werden, etwa das Verhältnis von Ausgleichs- und Nutzungsflächen.

Welches Getreide wo angebaut wird oder wo Wald wächst, erkennen Computerprogramme teils gar selbst. Farbinformationen, die das menschliche Auge nicht sieht, werden nach Vorgaben der Spezialisten automatisch interpretiert.

Bilder bis auf 35 cm genau

Was in Bezug auf die Statistik möglich ist, hat Gabriela Apfl kürzlich vor der Forstlichen Orientierungsversammlung in Oberdorf gezeigt: So hätte nach dem Sturm Lothar das flächenmässige Ausmass des Schadens innert kurzer Zeit aus der Luft eruiert werden können.

Mit langen Zeitreihen kann aber auch der Flächenverbrauch oder die Zersiedelung analysiert werden.

Auf bis zu 35 Zentimeter genau sind die im zivilen Bereich erhältlichen Bilder – Voraussetzung für optische Aufnahmen ist natürlich, dass das Wetter stimmt.

Schiffe, Häuser: Alles lässt sich am Bildschirm genau erkennen.

So viel Information kann auch heikel sein: Während des Irakkrieges habe es für die Krisengebiete keine Aufnahmen gegeben, sagt Apfl.

So oder so gilt: «Wir müssen garantieren, dass Daten nicht in die falschen Hände gelangen. Unsere Kunden unterzeichnen Lizenzverträge für jeden ausgelieferten Datensatz.»

Wie sind solche Projekte von Solothurn aus möglich? «Wir arbeiten weltweit mit Partnern zusammen», sagt Apfl. Von Südamerika über Wuhan, von Lugano bis Afrika. Einige ihrer Kollegen hat sie noch nie persönlich gesehen. Dank der Technik ist das gar nicht mehr nötig.

Bald noch mehr möglich

Was nach Science-Fiction klingt, wird in Zukunft noch andere Dimensionen annehmen. Mit Laser- und Radardaten sind nebst anderen Untersuchungen auch heute schon hochgenaue Gelände- und Oberflächenmodelle möglich. Videoaufnahmen vom Satellit aus werden in Zukunft auch noch den Zeitaspekt direkt in eine Analyse mit einbringen.

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