Ein Schnitt mit dem Sackmesser ins Fruchtfleisch, ein herzhafter Biss – und dann spuckt er den Schnitz sofort wieder heraus. «Dieser Apfel ist unbrauchbar. Zu wenig saftig.» Ein anderer ist zu bitter und zu mehlig. Oder er ist zu klein und schmeckt nach Banane.

Der hochgewachsene Biobauer Niklaus Bolliger, einer von zwei Apfelzüchtern in der Schweiz, schreitet durch seine Plantage in Hessigkofen, pflückt immer wieder eine Frucht und beisst rein. 2000 Bäumchen stehen im «Pomaretum», wo die Farben- und Formenpracht der gezüchteten Äpfel derzeit schier unendlich ist.

Ein «Heiratsvermittler» sei er, immer auf der Suche nach dem perfekten Paar. Und jetzt, nach 15 Jahren Zucht, hat es geklappt: Noch trägt er erst eine Nummer, doch der Apfel Bb03.053 ist eine herausragende Mischung. Die Mutter ist ein Braeburn, der Vater ein Ariwa. Ein erster Biss in den intensiv roten Apfel mit der festen Konsistenz reicht, und der Saft spritzt sofort aus dem Fruchtfleisch. «Von der Saftigkeit her übertrifft er sogar den Ariwa», weiss Bolliger. Und gegenüber der Muttersorte Braeburn sei er resistenter gegen Schorf. «Ein echter Glücksgriff also.»

Nicht nur der Geschmack zählt

Auch Simon Egger von der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope ACW in Wädenswil hat schon in die Neuzüchtung aus Hessigkofen gebissen. Er bestätigt Bolligers Eindruck: «Dieser Apfel ist fest, knackig und saftig.» Der Baum sei in den ersten Jahren stark gewachsen, habe sich jedoch eher wenig verzweigt. Dank der stärkeren Belichtung erhalten die Früchte so eine gute Farbe und damit ein freundliches Aussehen. «Denn der Konsument kauft auch mit dem Auge», weiss Egger. Fünf Bäume von Bolligers Sorte wurden vorletz-
ten Frühling in Wädenswil gepflanzt, wo die Sortenprüfung vorgenommen wird (siehe Text rechts). Und bereits tragen die Bäume rund 30 Früchte. «Das ist ein gutes Zeichen», sagt der Ingenieur-Agronom, der sich mit Kernobst besonders gut auskennt. Neben Farbe, Form und Geschmack sind auch der Baumwuchs sowie die Ertrags- und Lagereigenschaften wichtige Kriterien für eine erfolgreiche Markteinführung. In einigen Jahren wird man diesbezüglich mehr wissen.

Dann könnte Niklaus Bolliger einen Probeverkauf starten und die Frucht in einer Baumschule im grossen Stil vermehren. «Schliesslich entscheidet die Nachfrage, ob sich der Apfel etabliert», sagt Bolliger. Bis er in den Läden ist, dürften allerdings noch sechs Jahre vergehen. Auf dem Märet in Solothurn indes, wo der Biobauer aus dem Bucheggberg seine Produkte verkauft und wo man ihn kennt, dürften die Absatzschwierigkeiten grundsätzlich wohl weniger hoch sein.

Was den Apfelzüchter antreibt

Zehn Jahre ist es nun her, seit Niklaus Bolliger die ersten Kerne der neuen Sorte ausgesät hat. Die Suche nach dem herausragenden Apfel ist mühevoll, auf 15000 Sorten, so die Faustregel, findet man eine gute. Bleibt die Frage, was einen überhaupt dazu antreibt, neue Äpfel zu züchten – zumal es doch bereits Hunderte Sorten gibt und es, so Simon Egger von der Agroscope, «unheimlich schwierig» ist, einen neuen Apfel zu züchten? «Die Frage ist durchaus berechtigt», sagt Bolliger. «Doch gerade im Bio-Anbau gibt es viele Probleme mit Krankheiten und Schädlingen.» Und Bolliger geht mit biologischen Spritzmitteln sehr zurückhaltend um. Seine Motivation ist es also, Qualitätsfrüchte zu finden, die man weniger behandeln muss. Da-für spielt Niklaus Bolliger gerne die fleissige Biene. «Den Rest besorgt die Natur.»