Solothurn schreibt Geschichte

Doppelspiele

Jeffrey begibt sich in die Judengasse. (Archhivbild)

Jeffrey begibt sich in die Judengasse. (Archhivbild)

Solothurn Tourismus lädt Solothurner ein, von Tag zu Tag eine Kriminalgeschichte weiterzuschreiben. Aus den eingeschickten Ideen entwickelt ein Schreib-Team dann jeweils einen neuen Abschnitt.Teil 8.

Autor: Balz Bruder, Chefredaktor der Solothurner Zeitung 

Alma ist am Zweifeln, Jeffrey am Spintisieren - und Studer? Er findet die auf die Schnelle konstruierte Geschichte genial. Auch in eigener Sache. Die Sache mit dem unter dem Stadtbach vergrabenen Füdlistein lenkt das Interesse weg vom Kriminalistischen, hin zum Touristischen. Damit ist allen geholfen, oder? «Jedenfalls kann ich meine detektivische Arbeit nun in aller Gründlichkeit und ohne Beobachtung durch das Publikum tun», lehnte sich Studer entspannt in seinem Sessel zurück.

Die Gedanken rasten aber rasch wieder von einem Schauplatz zum andern. Gut, der Füdlistein war das eine, die Scherben das andere. Aber die Statue von Kosciuszko? Was, um Himmels willen, sollte der Kopf des Freiheitskämpfers, der seine letzten Jahre an der Gurzelngasse verbrachte hatte, mit der mutwilligen Entfernung, ja Entführung der wichtigsten Solodorensia zu tun haben? Legten der oder die Täter - Täterinnen nicht ausgeschlossen - eine falsche Fährte? Oder machten sie sich einen Spass daraus, die Spürnasen auf einen bestimmten Geruch zu bringen?

Studer kann sich einstweilen keinen Reim machen. Ratlos starrt er ins Büchergestell und entdeckt auf einmal ein Buch, das er vor Jahren mit Begeisterung «in einem Schnuuz» verschlungen hat: «Kosciuszko» hiess es und handelte von zwei Skifahrern, die 1928 am australischen Mount Kosciuszko verschwanden und ein grosses Geheimnis am höchsten Berg auf dem Festland des 5. Kontinents mit sich nahmen. Jenem Berg, den Erstbesteiger Pawel Edmund Strzelecki 1840. dem polnischen Nationalhelden zu Ehren nach dessen Namen benannt hatte.

Derweil hiess der Stadtbach einfach Stadtbach, weil er der Bach war, der durch die Stadt floss. Gut, dass Studer in diesem Moment, da seine Gedanken etwas an Schärfe verlieren, mit einem Telefonanruf von Tom Seiffert aus diesen gerissen wird. «Studer, das wird nun eine ganz grosse Sache», dröhnt der Tourismus-Direktor durch den Hörer, «wir müssen jetzt alles richtig machen, damit der Krimi-Trail unser Saison-Renner wird.» Was das für ihn bedeute, fragt Studer. Und Seiffert antwortet: «Erstens müssen die Ermittlungen sozusagen «undercover» erfolgen, zweitens muss das Solothurn Journal mitmachen. Verstehst du?»

Studer hat sehr wohl verstanden. Doch seine Erfahrung sagt ihm: Eine zweifelnde Stadtführerin und ein eingebetteter Journalist bedeuten Risiken ohne Ende. Bedenken, die Seiffert zwar nicht in den Wind schlagen kann, aber im Brustton der Überzeugung festhält: «Mach dir um Alma keine Sorgen, die habe ich im Griff. Schliesslich ist sie meine Angestellte. Und was das Solothurn Journal betrifft: Wir machen mit denen für die Bewerbung des Krimi-Trails eine schöne Medienpartnerschaft, die ordentlich Geld in die Kasse spült. Da verliert auch Chefredaktor von Burg seine Krallen und wird zahm wie eine Katze, glaub mir.»

Jeffrey brütet derweil in seiner Redaktionsstube vor sich hin. Sein Doppelspiel fasziniert und verunsichert ihn zugleich. Doch er will es wagen. Und legt einen Arbeitseifer an den Tag, der seinen Chef staunen lässt. «Na, Jeff, frisch verliebt, dass Dir die Arbeit so leicht von der Hand geht?», scherzt von Burg und wendet sich zufrieden ab. «Schön wär’s», denkt Jeffrey und setzt einen launigen Schlusssatz unter die Wiedereröffnung des frisch herausgeputzten Fachgeschäfts für alle Küchenangelegenheiten im Schatten von «La Couronne» und St. Ursen.

Derweil reift in ihm der Plan: «Ich muss heute Nacht zurück an die Goldgasse.» Früher, da die Journalisten hinter ihrer Schreibmaschine noch qualmen durften, was das Zeug hielt, hätte er sich nun eine Parisienne angesteckt. Stattdessen greift er in die Tüte mit dem Vegan-Snack und schnappt sich zwei Randen-Chips. In seinem Kopf rattert es: «Ein Gewölbe macht nur Sinn, wenn es einen Ein- und einen Ausgang hat. Ich muss herausfinden, wohin dieser verdammte Gang führt», macht sich Jeffrey mit einem Kraftausdruck Mut. Er geht - entgegen seiner Gewohnheit - nicht ins «Oeufi» zum Feierabendbier, sondern huscht eiligen Schrittes nach Hause an die Judengasse. Und wartet das Eindunkeln ab.

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