Solothurner Filmtage
Dimitri Stapfer spricht im Interview über «Frieden», «Beyto» und das Jahr 2020

Trotz Corona-Absagen 2020 konnte der gebürtige Oltner seine Schauspielkarriere erfolgreich weiterführen.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Für seine Rolle des Ermittlers Egon Leutenegger in der Fernsehproduktion «Frieden» erhielt Dimitri Stapfer gestern Abend einen Fernsehfilmschauspielpreis.

Für seine Rolle des Ermittlers Egon Leutenegger in der Fernsehproduktion «Frieden» erhielt Dimitri Stapfer gestern Abend einen Fernsehfilmschauspielpreis.

Filmstil/zvg

Dimitri Stapfer, wie kamen Sie zur Rolle des Egons in «Frieden»?

Dimitri Stapfer: Ich sah, dass Frieden ein starkes Buch war, geschrieben von Petra Volpe, deren Arbeiten ich kenne und sehr schätze. Auch Regisseur Mike Schaerers Filmprojekte kannte ich bereits. Ein hochkarätiges Team, sodass ich mich extrem auf das Casting freute. Ob dann die Chemie zwischen Regisseur und Schauspieler stimmt, spürt man dann schon meist beim ersten Zusammentreffen. Stimmt die Kommunikation, finden wir eine gemeinsame Vision der Rolle?

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Rolle vor, die in einer Zeit spielt, die Sie ja nicht selbst kennen gelernt haben?

Ich hatte zwei Monate Zeit, mich auf die Rolle vorzubereiten und zu recherchieren. Ich habe mir alte Spiel- und Dokfilme aus dieser Zeit angesehen und über die Zeit gelesen. Zum Beispiel die alten «Wachtmeister Stu-der»-­Filme. Ich bekam auch Gelegenheit, Verhör- und Ab­hörprotokolle aus jener Zeit zu lesen, sodass ich mich mit damaligen Verhörmethoden auseinandersetzen konnte. Die ganzen Dokumente der Bundesanwaltschaft um 1945 lasen sich wie ein Krimi.

Und dann spielten Sie ja im gleichen Jahr noch die ganz andere Rolle des Mikes im Film «Beyto» von Gitta Gsell. Ist es schwierig, zwei so unterschiedliche Welten unter einen Hut zu bringen?

Tatsächlich war das nicht so einfach, zumal die Dreharbeiten zu «Beyto» nur zwei Wochen nach Drehschluss von «Frieden» begannen. Ich spielte da ja einen Schwimmcoach und musste mich auch physisch darauf vorbereiten. Da gab es halt auch eine Diät und viel Sport – schon während der «Frieden»-Dreharbeiten. Ich kann aber sehr gut eine Rolle abschliessen und die nächste starten. Das macht mir Spass, ist aber auch anstrengend. Es ist einfach wichtig, dass man als Schauspieler immer auch geerdet bleibt, seine Familie und Freunde hat und man seine Grenzen kennt.

Ist die Motivation, eine Rolle wie in «Frieden» anzunehmen, nicht auch von der Karriereplanung her interessant, da diese Produktion doch auch international auf Interesse stösst?

Natürlich ist das auch «interessant», aber ich habe meine Engagements nie aus einem Karrieredenken heraus angenommen. Das macht kein ernsthaft arbeitender Schauspieler, den ich kenne. Wichtig ist immer die Qualität der Arbeit, und dass sich die Herangehensweisen und das eigene Spiel weiterentwickeln können.

Wie haben Sie das vergangene Jahr 2020 erlebt? Viele der vorgesehenen Engagements konnten sicher nicht realisiert werden.

Corona bedeutet für uns Schauspieler eine riesige Enttäuschung. Ich sage das vor allem in Bezug auf meine Rolle des Romeos am Tobs Solothurn. Wir konnten das Stück nur dreimal spielen. Dann wurde es verschoben und jetzt ist wieder ungewiss, wann wir nochmals spielen können. Ich bedaure das sehr. Doch wir werden alles geben, das Stück aufführen zu können. So viele Kollegen haben sehr viel Arbeit in dieses Stück gesteckt. Andererseits bedeutete diese Krise für mich persönlich eine Pause nach dem strengen 2019, die ich auch genossen habe. Und trotz Corona oder gerade wegen Corona konnte ich mich kreativ neu entfalten und habe zusammen mit Schauspieler Benjamin Burger und Simon Bitterli an der Kamera einen Film realisiert, mein Regiedebüt. Der Arbeitstitel ist: «Das Maddock Manifest». Zehn Tage waren wir mit einer Crew von sechs Leuten in Filmsetquarantäne im leeren Roxy Theater Birsfelden und zwei Wochen in den Tessiner Alpen. So ist ein Langspielfilm entstanden, der jetzt bei Wolfgang Weigel im Schnitt ist. Wir werden ihn in September fertiggestellt haben, um ihn dann hoffentlich an den nächsten Filmtagen vorzustellen.

In dieser schwierigen Zeit ist es sicher wirtschaftlich für Schauspieler nicht einfach.

Ja, das stimmt. Wer aber fest engagiert ist, bekommt Kurz- arbeits- oder Arbeitslosengeld. Doch wer freischaffend und selbstständigerwerbend ist oder vorher schon in prekären Situationen lebte, hat es derzeit extrem schwer.

Welche Arbeiten beschäftigen Sie momentan sonst noch?

Ich bin im Cast von «Wilder 4» und damit beschäftigt. Zudem haben wir auch Proben für das Stück «Grab Them by the Penis» im Casino Theater Winterthur, das aber wahrscheinlich verschoben wird.

Sie sind also – trotz Pandemie – sehr erfolgreich in Film, Fernsehen und Theater unterwegs. Sie haben wohl einfach auch ein gutes Händchen für die richtige Rollenwahl zur richtigen Zeit.

Man darf nicht vergessen, dass ich nun doch schon gut 18 Jahre in diesem Business beschäftigt bin. Da war und ist alles mit dabei: grosse Produktionen, aber auch kleinere. Umso mehr freue ich mich über die Nomination für einen Max-Ophüls-Preis für die Low-Low-Low-Budget-Produktion «Die Sonne brennt» der relativ unbekannten Regisseurin Joséphine Demerliac. Diese junge Regisseurin rief mich in meinen Ferien an, beschrieb voller Enthusiasmus ihr Filmprojekt. Ich fand es sehr aussergewöhnlich, also sagte ich spontan zu und konnte in einem tollen Film im Hauptcast mitwirken.

Eindrückliche physische Präsenz

«Dimitri Stapfer überzeugte die Jury als Ermittler Egon Leutenegger in «Frieden» durch seine eindrückliche physische Präsenz, welche immer wieder eine innere Verletzlichkeit durchscheinen lässt – eine Figur, die man förmlich riechen kann. Getrieben von einem tiefen Schuldgefühl, will der ehrgeizige Bundesbeamte um jeden Preis Gerechtigkeit walten lassen. Dimitri Stapfer gelingt die Darstellung einer Figur voller Abgründe, in welcher die Schrecken des Zweiten Weltkriegs tiefe Wunden hinterlassen haben», schreibt die Jury für den Prix Swissperform – Schauspielpreis, der gestern Abend verliehen wurde. Einen Preis erhielt auch Annina Walt, ebenfalls für ihre Rolle in «Frieden». Sarah Spale erhält den Spezialpreis der Jury für ihre Arbeit in «Wilder». Als beste Nebendarstellerin wird Rachel Braunschweig im Zürcher Tatort «Züri brännt» ausgezeichnet.

Dimitri Stapfer ist an den 56. Solothurner Filmtagen auch im Spielfilm «Beyto» von Gitta Gsell zu sehen. Der mehrfach prämierte Theater- und Filmschauspieler mit Jahrgang 1988 spielte weiter in Kinofilmen wie «Lasst die Alten sterben», «Blind und Hässlich» oder «Sohn meines Vaters». Für den Spielfilm «Left Foot, Right Foot» gewann er den Schweizer Filmpreis «Quartz» als bester Nebendarsteller. Am Theater Orchester Biel Solothurn Tobs wird er 2021 in einer Shakespeare-Produktion von Veit Schubert als Romeo zu sehen sein. Der gebürtig Oltner schloss 2014 das Masterstudium in Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihm wurde ein Förderpreis für Theater des Kantons Solothurn verliehen. (mgt/frb)