Ein Jahr und elf Monate hat Benjamin Anderson seine Familie nicht mehr gesehen. In zwei Wochen fliegen seine Eltern in die Schweiz, werden mit ihm neben Solothurn auch Interlaken und Luzern besuchen und ihren Sohn zurück in die USA nehmen. Wenn er seine Eltern trifft, wird er ganz offiziell wieder mit seinem Vornamen «Benjamin» angesprochen. Diesen hat er auf seiner Mission abgelegt: In der Schweiz heisst er nur «Elder Anderson».

Für zwei Jahre hat sich der 21-Jährige aus dem US-Staat Utah als Missionar bei seiner Kirche verpflichtet. Jetzt hat der Anhänger der mormonischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage eine Mission. Sie hat ihn nach Solothurn geführt.

Fünf bis sieben Termine pro Tag

Hunderte von Leuten spricht Anderson zusammen mit seinem Kompagnon, Elder Jackson Carter, an. Sie vereinbaren Termine und Folgetermine. Fünf bis sieben sind es pro Tag. Sie sind immer höflich, sie werden nie laut.

Bereitwillig führen sie den Journalisten durch das Kirchgemeindehaus in Bellach und geben Auskunft. «Ich fühle mich schlecht, wenn ich die Botschaft nur für mich behalte», sagt Elder Carter. Die Missionen zeigen Erfolg. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage ist eine der am schnellsten wachsenden Kirchen.

Seit sieben Wochen ist der 19-jährige Jackson Carter auf Mission. Zu Hause in Celdar City (Utah) hat er American Football und Baseball gespielt. Elder Anderson hat Musik studiert und verschiedene Musikrichtungen gehört. Jetzt spielt er Orgel und hört nur noch erbauliche Musik.

Nichts soll von Gott ablenken

Nichts soll die beiden von Gott ablenken, und durch nichts lassen sie sich ablenken. Sie lesen keine Zeitung, sie schauen kein Fernsehen und sie surfen nicht im Internet. An zwei Tagen im Jahr, an Muttertag und Weihnachten, dürfen sie nach Hause telefonieren. Mails schreiben sie nur montags. «Wir geben unsere ganze Aufmerksamkeit und unser Talent in dieser Zeit für Gott hin», sagt Elder Anderson.

Mehr als 10000 Dollar haben sie dafür bezahlt. In einem Pneugeschäft und als Koch haben sie sich das Geld für die Mission verdient. Neun Wochen lernten sie in einem Crash-Kurs Deutsch. Die Tagesstruktur ist vorgegeben, Regeln und Erwartungen sind klar. Allen Missionaren gibt die Kirche die gleiche Agenda und das Büchlein «Mutters zehn Gebote für Missionare», das sie in ihrem Rucksack mittragen.

Um halb elf Uhr ist Lichterlöschen

Jeden Abend pünktlich um halb elf Uhr gehen sie ins Bett. Acht Stunden später, um 6.30 Uhr, stehen sie auf, machen Frühsport und beginnen mit dem Bibelstudium: Zuerst eine Stunde alleine, dann eine Stunde zu zweit, und schliesslich lernen sie noch eine Stunde Deutsch. Dann verlassen sie ihre Wohnung, um mit Leuten zu sprechen. Erst wenn sie alle Termine erledigt haben, kehren sie um neun Uhr abends in die Solothurner Weststadt zurück, wo ihnen die Kirche eine Einzimmerwohnung zur Verfügung stellt.

Vorher haben sich die beiden nicht gekannt, jetzt sind sie 24 Stunden zusammen und teilen ein Zimmer. Es sei manchmal schwierig, sagen sie. «Aber wir haben die gleichen Ziele, das macht es einfacher», sagt Elder Carter. Alle sechs Wochen ändern sich ihre Partner und die Orte. Den Entscheid fällt der Missionspräsident in München – nach Befragung Gottes.

Hier um zu dienen

«Wir sind hier,um zu dienen», sagt Elder Carter. Sie helfen unentgeltlich beim Streichen, verrichten Arbeiten in fremden Gärten und helfen gratis bei Umzügen. Bald erhält die Frage «Wie können wir Ihnen helfen?» aber eine andere Bedeutung.

Ganz unverfänglich zeigen sie Fotos ihrer Familie. Plötzlich liegt eine Broschüre zur Familie auf dem Tisch. Aus dem belanglosen Gespräch ist eine Diskussion über die Werte der Familien geworden. Als Journalist, der die Missionare interviewt, wird man selbst plötzlich zu seinem Glauben befragt. Gezielt beginnen die Missionare, nach Problemen und unerfüllten Wünschen zu fragen. Dem Gegenüber soll geholfen werden, auf den richtigen Weg zu dem erfüllten Leben mit Gott zu kommen. «Die Botschaft hat mir persönlich geholfen, mein Leben positiv zu machen», sagt Elder Carter. Dann, zum Abschluss des Interviews, wollen sie noch ein Gebet sprechen und testen die Reaktion.

Mit einnehmendem Charme

«Jeden Tag denke ich darüber nach, wie ich Menschen helfen kann», sagt Elder Carter. «Wenn wir Menschen glücklich machen, helfen wir Gott», sagt Elder Anderson. Ihre Freundlichkeit hat einen einnehmenden Charme. Es ist schon passiert, dass ein Postautochauffeur auf der Strecke Balmberg–Solothurn in Balm angehalten hat, dort aus dem Postauto ausgestiegen und im Busdepot verschwunden ist, um den beiden Missionaren im Anzug eine Krawatte aus der offiziellen Bekleidungskollektion von Postauto Schweiz zu schenken.

In zwei Wochen ist Elder Benjamin Anderson wieder zu Hause in den USA. Dort will er ein ganz normales Leben als Physiotherapeut führen. Wenn er mit seinen Eltern in Utah ankommt, wird sein jüngerer Bruder für zwei Jahre nach Albanien aufbrechen. Der ältere Bruder war bereits auf Mission. Vielleicht werden Andersons Eltern das Haus verkaufen, weil die Söhne ständig ausser Haus sind.