Solothurn schreibt Geschichte

Die Vergangenheit

Michael Hug, Präsident von Region Solothurn Tourismus und Präsident der Fondation Reinhardt von Graffenried in Bern.

Michael Hug, Präsident von Region Solothurn Tourismus und Präsident der Fondation Reinhardt von Graffenried in Bern.

Solothurn Tourismus lädt Solothurner ein, von Tag zu Tag eine Kriminalgeschichte weiterzuschreiben. Aus den eingeschickten Ideen entwickelt ein Schreib-Team dann jeweils einen neuen Abschnitt. Teil 13.

Autor: Michael Hug, Präsident von Region Solothurn Tourismus

Alma ist aufgewühlt. Doch im Moment, in dem sie die Türe zum Tourismusbüro öffnet, strahlt sie ihr Stadtführerinnenlächeln, als beträte sie die Bühne des Stadttheaters. Tom Seiffert präsentiert der Jury das Konzept des Krimi-Trails und fordert Alma auf, zu erzählen, wie sie auf ihre Idee gekommen sei. «Kürzlich meldete sich eine Familie für eine Stadtführung an, deren behinderte Tochter eine leidenschaftliche Krimileserin ist. Ich habe mir nächtelang den Kopf zerbrochen, wie ich ihr Gemüt etwas aufhellen könnte, bis mir der Gedanke kam, einen Krimi aus meiner Stadtführung zu machen. Voilà.» Die Jury ist entzückt. «Diese Geschichte», sagt Jurypräsident Flückiger, «soll unser Publikum morgen Abend an der Preisverleihung auch hören.»

Während im Tourismusbüro noch an Prosecco-Gläsern genippt wird, sitzt Alma bereits auf einer Parkbank vor dem Kunstmuseum. Nacheinander schlagen die Kirchturmuhren 20 Uhr. Plötzlich löst sich eine drahtige Gestalt aus der Dunkelheit und bleibt zwei Meter vor ihr stehen. «Hast du wirklich gedacht, die Sache werde dich nie mehr einholen?», fragt eine schneidend scharfe Frauenstimme.

«Wer bist du», fragt Alma kühl. Sie ist angespannt wie eine Raubkatze, die zum Sprung ansetzt.

«Du weißt wer ich bin. Du hast mit deinem Polizisten lange genug nach meiner Leiche gesucht. Aber ich muss dich enttäuschen. Ich lebe noch.»

In Alma brennt es lichterloh. Nun ist Gewissheit, was bisher dunkle Ahnung war. Zum tausendsten Mal seit vierzig Jahren läuft in ihrem Kopf der selbe Film ab. Wie sie nach dem Diebstahl im Berner Kunstmuseum in zwei Gruppen fliehen. Wie sie mit Mona den steilen Aareabhang bei der Lorrainebrücke herunterstürmt, die Beute im Rucksack. Wie sie den Uferweg erreichen, aus dem Nichts ein breitbeiniger Riese auftaucht und eine Taschenlampe aufblitzt. Wie Mona blitzschnell reagiert und abhauen will. Wie ein dumpfer Schlag ertönt, ein lautes Platschen, Gurgeln. Wie Kuno auf sie zukommt, die Taschenlampe löscht und nach dem Rucksack greift.

«Warum bist du nicht zur Polizei?», fragt Alma äusserlich ungerührt in die Stille. «Mit der warst du schon im Bett», tönt es zurück.

«Wo ist die Scherbe», fragt Alma weiter. «Die bekommt deine Stadt zurück, wenn dein Leben in Scherben liegt», sagt die Frauenstimme.

«Warum Kosciuszko?» Alma bekommt keine Antwort. Die hagere Erscheinung ist in der Dunkelheit verschwunden.

Der nächste Tag ist Tom Seifferts grosser Tag. Gleich wird er den Tourismus Award entgegennehmen. Im Zürcher Schiffbau sind die TV-Kameras auf ihn gerichtet, während Karl Flückiger eine überschwängliche Laudatio auf Solothurn Tourismus verliest. Seifferts kurzes Dankeswort ist eine mehrminütige Rede zu den Herausforderungen des schweizerischen Tourismus. Den Schlusspunkt setzt er mit der der Stadtführerin Müller, die den Krimi-Trail für eine Rollstuhlfahrerin erfunden hatte. Auf Grossleinwand erscheint ein Foto von Alma. Das Publikum klatscht gerührt.

Zur selben Zeit tigert Alma Müller zuhause in Solothurn vom Bad in die Küche ins Wohnzimmer ins Bad in die Küche. Sie hatte sich den ganzen Tag eingeschlossen. Einzig Kuno hatte sie kurz vor Mittag in die Wohnung hereingelassen, um ihm vom nächtlichen Treffen beim Museum zu erzählen. Mit den Worten «ich regle das», hatte er sich nach einer Stunde verabschiedet. «So wie damals?» hatte sie noch hinterher gerufen. Doch die Tür war schon mit einem Knall ins Schloss gefallen.

Erst jetzt fällt ihr ein, dass ihr Handy immer noch am Ladekabel im Schlafzimmer liegt. Acht Anrufe in Abwesenheit. Fünf Textnachrichten von Jeffrey: «Ruf mich an. Dringend!!!» «Habe Fragen zu Zeitungsberichten von 1980. Melde dich!» «Weiss alles über das historische Quartett...» «Verdammt, wo bist du?» «Werde alles veröffentlichen, wenn du weiter schweigst.»

Alma schreibt eine SMS an Kuno: «Wir haben noch ein Problem. Komm so schnell wie möglich.»

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