Im letzten Jahrhundert waren die Störche in der Schweiz ausgestorben. Der legendäre Storchenvater Max Blösch siedelte die Vögel in den 40er-Jahren in Altreu wieder an. «Dass der Storchbestand in Altreu seit Jahren mehr oder weniger konstant bleibt, ist keine Selbstverständlichkeit», betont der nebenamtliche «Witi-Sheriff» Viktor Stüdeli, der auch Gemeindepräsident von Selzach ist. Nur zehn Prozent aller Jungstörche, welche für die Überwinterung nach Spanien und Nordafrika segeln, kehren ins behütete Altreu zurück.

«Die Störche nehmen eine risikoreiche Reise auf sich. Der Aufenthalt in Spanien und Algerien ist für die Vögel mit zahlreichen Gefahren verbunden», betont Stüdeli.

Meister im Segeln

«Letztes Jahr sind rund 30 Altstörche und 43 Jungtiere für die Überwinterung nach Süden aufgebrochen, wobei zuerst die Jungtiere Ende August das behütete Nest verlassen haben, die Storcheneltern folgten ihnen rund drei Wochen später», erläutert Stüdeli. «Die Storcheneltern mussten sich nach der Aufzucht zuerst Reserven anfressen, um genügend Energie für den langen Flug ins warme Spanien und Algerien zu haben.» Bei aller Völlerei durften die Vögel aber den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, um mit günstigen Höhenwinden nach Süden zu segeln.

Störche sind eigentlich schlechte Flieger und schlagen über Tausende von Kilometern verhältnismässig selten mit den Flügeln. Reiseziele sind Spanien und Nordafrika, wobei noch untersucht wird, warum ein Teil der genetisch «algerischen» Störche in Spanien überwintert. Für Störche ist die Iberische Halbinsel ein heisses Pflaster. «Es gibt hier viele Hochspannungsleitungen, an denen die Tiere jämmerlich verenden, ausserdem benutzen Sportschützen Störche als Zielscheibe.» Und: «Störche fressen zu ihrem Nachteil fast alles, was ihnen in den Schnabel kommt. Bei der Nahrungssuche auf den Müllhalden Spaniens führt dies aber häufig zum Vergiftungstod.»

Rückkehr ins behütete Altreu

Aus Spanien trudeln die Störche Mitte März in Altreu ein, und spätestens Ende April kehren auch ihre Artgenossen aus dem weiter entfernten Nordafrika zurück. Während ihrer Abwesenheit haben heftige Sturmböen vereinzelt Storchen-Nester von den Dächern gefegt. «Witi-Sheriff» Stüdeli nahm sich im Februar der Sache an und hat zusammen mit einem Helfer die beschädigten Horste im Umkreis der Siedlung instand gestellt, «damit die Vögel nach ihrer Rückkehr nicht allzu lange mit dem Wiederaufbau beschäftigt sind». Schliesslich gibts ja noch wichtigere Dinge, um die sich die Störche zu kümmern haben, wie zum Beispiel die Fortpflanzung.

Kampf um das eigene Heim

Wenn die Kolonie wieder vollständig ist, beobachten und protokollieren Angestellte von Storch Schweiz mit dem Fernglas über Tage und Wochen die Alt- und Jungtiere. Anhand der Ringe am linken Bein der Störche wird registriert, welche Tiere zurückgekommen sind und welche Brutpaare wo und wie viele Jungen aufziehen. «Nach ihrer Rückkehr aus dem Süden beginnt eine wilde Zeit», erzählt Stüdeli und verweist auf heftige Streitigkeiten unter den Störchen. «Störche haben ihren persönlichen Horst, ihr Eigenheim, und wenn sich dort unerwünschte Gäste einnisten wollen, werden diese brutal vertrieben. Manchmal enden die Konflikte blutig.» Ausserdem beginnt mit den zunehmend wärmeren Tagen auch die Begattungs- und Brutzeit.

«Diese lebendige Zeit bekommen dann jeweils auch die Hausbewohner zu spüren, die einen Horst auf dem Dach haben», sagt Stüdeli lachend. So flattern immer wieder Äste und Blätter in den Garten, und nicht zu überhören ist das heftige Flügelschlagen. Während ein Elternteil brütet, holt der andere Futter, und ist mit dem Nestbau beschäftigt. Nach zweiunddreissig Tagen schlüpfen in der Regel zwei bis drei Junge. Kurz bevor sie flügge sind, werden sie für die Datenerfassung beringt. Die Tiere wachsen, lernen segeln und brechen Ende August wieder nach Süden auf.